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Selbstbezug macht Kunst attraktiver

Einmal Van Goghs Sonnenblumen, aber bitte für Segelfans! Was KI damit zu tu hat? Eine aktuelle Studie belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfn  Vincent Van Gogh: Twelve Sunflowers in a Vase (August 1888), Neue Pinakothek, Munich; ESI/C. Kernberger  (199 KB, 2055 x 1
Einmal Van Goghs Sonnenblumen, aber bitte für Segelfans! Was KI damit zu tu hat? Eine aktuelle Studie belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfn Vincent Van Gogh: Twelve Sunflowers in a Vase (August 1888), Neue Pinakothek, Munich; ESI/C. Kernberger (199 KB, 2055 x 1
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Einmal Van Goghs Sonnenblumen, aber bitte für Segelfans! Was KI damit zu tu hat? Eine aktuelle Studie belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfn  Vincent Van Gogh: Twelve Sunflowers in a Vase (August 1888), Neue Pinakothek, Munich; ESI/C. Kernberger  (199 KB, 2055 x 1
Einmal Van Goghs Sonnenblumen, aber bitte für Segelfans! Was KI damit zu tu hat? Eine aktuelle Studie belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfn Vincent Van Gogh: Twelve Sunflowers in a Vase (August 1888), Neue Pinakothek, Munich; ESI/C. Kernberger (199 KB, 2055 x 1

Neue Forschungsergebnisse zeigen, warum KI-Kunst Menschen fasziniert
Fotos, Vorlieben, Namen, Daten… Internetriesen und Unternehmen im Bereich
Künstliche Intelligenz (KI) sammeln nicht ohne Grund viele persönliche
Informationen ihrer User. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift
Psychological Science belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas
bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfnisse oder Gefühle
anspricht – hat großen Einfluss darauf, was wir mögen. An der Studie
beteiligt waren Forschende des Max-Planck-Instituts für empirische
Ästhetik (MPIEA), des Ernst Strüngmann Institute (ESI) for Neuroscience,
beide ansässig in Frankfurt am Main, sowie des Max-Planck-Instituts für
Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande.

Jüngste Fortschritte in der KI revolutionieren derzeit auch kreative
Prozesse. Im grafisch-visuellen Bereich ermöglichen Programme wie DALL-E
allen Anwender*innen, künstlerische Bilder von nahezu jedem denkbarem
Motiv zu erschaffen – einschließlich Selbstportraits nach ganz
individuellen Vorlieben und Vorstellungen. Die aktuellen Entwicklungen in
diesem Bereich machen deutlich, wie sehr Kunst mit unserer individuellen
Lebenserfahrung verknüpft ist, und zeigen zudem, dass ästhetische
Erfahrungen auch transformativ sein können – also tiefgreifend
beeinflussen können, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen.

Die Wissenschaftler*innen erstellten mithilfe der KI-Technik Style
Transfer maßgeschneiderte Kunstwerke für einzelne Studienteilnehmende.
Dafür hatten diese zunächst einen Fragebogen zu Aspekten ihres
Selbstbildes ausgefüllt, in dem sie Auskunft gaben über
Kindheitserinnerungen an die Orte, an denen sie aufgewachsen waren, über
ihre letzten Urlaubsreisen sowie über ihre persönliche und soziale
Identität (z.B. „Ich bin LGBTQ-Aktivistin“ oder „Ich bin begeisterter
Rollschuhfahrer“). Die Forschenden wählten anschließend Fotos aus, die
diese Aspekte illustrierten, und erstellten mit Style Transfer neue,
eigens auf die jeweilige Person zugeschnittene Kunstwerke. Darüber hinaus
bekamen die Studienteilnehmenden auch Kunstwerke gezeigt, die für andere
Personen erstellt worden waren, sowie weitere KI-generierte und
menschengemachte Kunstwerke ohne näheren Bezug.
Dabei wurde festgestellt, dass die Studienteilnehmenden Kunstwerke, die
speziell für sie entworfen worden waren, als ästhetisch viel ansprechender
bewerteten als solche, die für andere Personen entworfen worden waren. Der
Selbstbezug half den Wissenschaftler*innen auch bei der Vorhersage, welche
Kunstwerke ihre Proband*innen besonders ansprechend finden würden. Darüber
hinaus gab es in den Bildern keine Merkmale, die auf einen generellen
Selbstbezug hindeuteten: Die Betrachtenden neigten dazu, sehr
unterschiedliche Dinge mit sich selbst in Verbindung zu bringen.

Doch Menschen schauen sich Kunstwerke nicht nur an, um sich selbst darin
wiederzufinden. Kunst kann auch etwas über die Erfahrungen anderer
erzählen. Edward Vessel, Erstautor der Studie vom MPIEA, erklärt: „Selbst,
wenn ein Kunstwerk primär etwas zeigt, das sich von unserem
Erfahrungsschatz unterscheidet, bedeutet das nicht automatisch, dass wir
damit nichts anfangen können. Enthält das Werk Elemente, die einen
Selbstbezug herstellen oder ihn erhöhen, wird dennoch ein tieferes
Verständnis und damit ein größerer Kunstgenuss ermöglicht.“

Mitautor Cem Uran, Doktorand in der Forschungsgruppe von Martin Vinck am
ESI, führt weiter aus: „Für diese Studie wurden den Teilnehmer*innen
Kunstwerke gezeigt, die gezielt Elemente mit Selbstbezug enthielten. Bei
echter Kunst liegt es jedoch ganz bei uns, diese Bildelemente zu entdecken
– oder vielleicht nehmen wir sie auch gar nicht bewusst wahr und mögen
bestimmte Kunst einfach, ohne zu wissen, warum. In dieser Studie haben wir
uns darauf konzentriert, zu zeigen, dass der Faktor ‚individueller
Selbstbezug‘ wichtiger ist als allgemeine Regeln wie ästhetisches Design
oder der Goldene Schnitt. Beide Faktoren können natürlich dazu beitragen,
dass ein Kunstwerk gefällt – aber eben nicht ausschließlich.“

Die Forschungsarbeit bildet eine Grundlage für das Verständnis der
psychologischen Auswirkungen sowie der großen Beliebtheit von KI-Tools für
die Erstellung personalisierter Inhalte – von Superhelden-Avataren der
eigenen Person bis hin zu fantasievollen Darstellungen ganz nach den
persönlichen Vorlieben und Wünschen.

Dass uns Informationen mit Selbstbezug so besonders stark ansprechen,
verdeutlicht auch das Missbrauchspotenzial personalisierter Inhalte. Diese
werden immer allgegenwärtiger, gerade auch durch Empfehlungsalgorithmen,
die personalisierten Feeds und Inhalten zugrunde liegen (z. B. auf TikTok,
Instagram oder YouTube) . Ein Trend, der sich mit den jüngsten
Fortschritten in der KI-Technologie dramatisch beschleunigt und von Social
Media-Usern häufig gar nicht bewusst wahrgenommen wird.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Martin Vinck <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.>

Originalpublikation:
Vessel EA, Pasqualette L, Uran C, Koldehoff S, Bignardi G, Vinck M (2023).
Self-relevance predicts the aesthetic appeal of real and synthetic
artworks generated via neural style transfer. Psychological Science, 0(0).
https://doi.org/10.1177/09567976231188107