Nord- und Ostsee im Spannungsfeld von Meeresnutzung und Meeresschutz
Jahrestagung der DAM-Forschungsmission sustainMare an der Uni Kiel stellt
Handlungswissen für Politik und Gesellschaft in den Mittelpunkt
• 280 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 28 Institutionen
und 40 Arbeitsgruppen forschen erstmals gemeinsam in sieben Projekten zu
Zukunftsthemen der Nord- und Ostsee
• Transdisziplinäre Forschungsagenda mit Akteurinnen und Akteuren
aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft
• Mehr als 170 Forschende zu Gast an der Christian-Albrechts-
Universität zu Kiel (CAU) thematisieren multiple ökologische, ökonomische
und gesellschaftliche Auswirkungen der Nutzung von Nord- und Ostsee
Die Nordsee und die Ostsee und ihre Küsten beherbergen eine einzigartige
Vielfalt an Lebewesen. Der Druck auf diese Lebensräume steigt allerdings.
Der Klimawandel und der für die kommenden Jahre geplante Ausbau der
Offshore-Energiegewinnung werden die Nord- und Ostsee stark verändern. In
dieser Situation benötigen wir neue Maßnahmen zum Schutz der Natur und den
Erhalt der biologischen Vielfalt. Ansprüche, beispielsweise aus der
Industrie, der Fischerei, dem Tourismus oder der Landwirtschaft müssen mit
europäischen Naturschutzabkommen wie der Biodiversitätsstrategie 2030 oder
politischen Vorgaben zum Ausbau der Offshore-Windenergie in Einklang
gebracht werden. In diesem komplexen Spannungsfeld gilt es,
Handlungswissen für Politik und Gesellschaft bereitzustellen, das zu einem
nachhaltigen Umgang mit dem Meeresraum und seinen Ökosystemleistungen bei
gleichzeitiger Mehrfachnutzung beitragen kann. Erstmals forschen dazu
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 28 Partnerinstitutionen
interdisziplinär und transdisziplinär mit Expertinnen und Experten aus der
Praxis in der Forschungsmission „Schutz und nachhaltige Nutzung mariner
Räume - sustainMare" der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM). Heute
(Mittwoch, 30. August) beginnt an der Christian-Albrechts-Universitä
Kiel (CAU) die zweite Jahrestagung der Mission, an der mehr als 170
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und
Vertreter verschiedener Interessengruppen teilnehmen.
Karin Prien, Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, begrüßte
die Teilnehmenden zu Beginn der Konferenz: „Der Schutz der Meere und der
Küstenregionen ist nicht nur für Norddeutschland, sondern für die gesamte
Welt von hoher Relevanz und der Arbeit der Forscherinnen und Forscher auf
diesem Gebiet kann nicht genug Bedeutung beigemessen werden. Ich bin stolz
darauf, dass sich das Land Schleswig-Holstein durch die Förderung der DAM
inklusive der Forschungsmissionen aktiv beteiligen kann.“
Der Vorsitzende der DAM, Dr. Jochen Harms, betont zusätzlich: „Unsere
größte Herausforderung ist, die unterschiedlichen Nutzungsinteressen mit
dem Schutz unserer beiden Meere in Einklang zu bringen – um sie auch für
künftige Generationen als Lebensgrundlage zu bewahren. Wissenschaftliche
Erkenntnisse dafür zu erarbeiten, steht im Fokus der Mission sustainMare.“
Erhöhter Forschungsbedarf durch massive Veränderungen im System Nord- und
Ostsee
„Die Nord- und Ostsee werden sich in den nächsten 25 Jahren gravierend
verändern. Nicht nur die Folgen des Klimawandels werden die die Regionen
weiter belasten. Auch die verstärkte Nutzung durch Industrie, Schifffahrt,
Militär und für die Energieerzeugung wird sich massiv auf die Ökosysteme
auswirken. Das ist eine Herausforderung für die Fischerei und den
Meeresschutz, aber auch für die Forschung. Unser Verständnis der Systeme
Nordsee und Ostsee wie wir sie kennen wird durch diese Veränderungen an
Bedeutung verlieren und neue Forschungsfragen werden aufgeworfen, die nur
im breiten Verbund der wissenschaftlichen Institutionen bearbeitet werden
können“, sagt Professorin Corinna Schrum vom Helmholtz-Zentrum Hereon und
Sprecherin der DAM-Forschungsmission sustainMare.
Forschende ziehen Bilanz aus den Ergebnissen von insgesamt sieben
Projekten
Im Rahmen der dreitägigen Konferenz werden nun die ersten Ergebnisse nach
eineinhalb Jahren Forschung von insgesamt fünf Verbundprojekten und zwei
Pilotmissionen zusammengetragen und die Weichen für die zukünftige
wissenschaftliche Agenda gestellt. Dabei konzentrieren sich die
Forscherinnen und Forscher auf drei thematische Schwerpunkte:
Biodiversität und die Auswirkungen anthropogener Belastungen und Nutzungen
auf marine Ökosysteme, Schadstoffbelastungen mit dem Schwerpunkt auf
Munitionsaltlasten aus den Weltkriegen sowie die Entwicklung von
Modellierungsinstrumenten zur Erstellung von Zukunftsszenarien,
insbesondere unter Berücksichtigung der Klimaveränderungen und des
Nutzungsdrucks durch Offshore-Windenergie, Fischerei oder
Sedimentmanagement.
Gerade im Hinblick auf die zunehmende Mehrfachnutzung von Nord- und Ostsee
ist es wichtig, solche Modelle zu entwickeln, in denen klassische
Auswertungsmethoden durch neue molekulare und semi-autonome Methoden
ergänzt werden. Ziel ist es, Lücken in der Datenerhebung zu schließen, um
wissensbasierte Managementoptionen abzuleiten.
Transdisziplinärer Forschungsansatz mit Akteuren außerhalb der
Wissenschaft
Dafür wählt sustainMare einen besonderen Ansatz: Akteure aus Politik und
Behörden, aus Fischerei, Tourismus, Umweltverbänden und Wirtschaft werden
aktiv in die Forschung eingebunden. Dabei setzen die Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler auf etablierte transdisziplinäre Methoden wie
Reallabore und Dialogformate, um Fragestellungen und Ergebnisse mit
betroffenen Stakeholdern hin zu tragfähigen Konzepten weiterzuentwickeln.
So wurden beispielsweise für die Zukunft der Küstenfischerei in der
westlichen Ostsee Reallabore in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-
Vorpommern aufgebaut. „Die Küstenfischerei ist ein Nahrungslieferant und
ein wichtiges Kulturgut in Norddeutschland. Sie soll möglichst erhalten
bleiben. Mit dem Instrument der Reallabore wächst der Austausch zwischen
den Akteuren und das gemeinsame Verständnis über die Funktionsweise des
Ökosystems, aber auch über die Rolle der Küstenfischerei für die lokalen
Gemeinschaften. Gemeinsam können wir hier lokale Lösungsansätze für eine
nachhaltige Fischerei entwickeln und ausprobieren“, erklärt CAU-
Professorin Marie-Catherine Riekhof, Mitorganisatorin der sustainMare-
Tagung.
Auch in der Nordsee werden die Mehrfachnutzungen und die Biodiversität in
Meeresschutzgebieten mit einem Reallabor-Ansatz und mit neuartigen
Methoden erforscht, die nicht mehr in die Ökosysteme eingreifen.
Indikatoren zur Bewertung des ökologischen Zustands von Küstenökosystemen
und deren Anwendung in der Naturschutzpraxis werden darüber hinaus in den
Nationalparks Schleswig-Holsteins und Niedersachsens entwickelt.
Akutes Umweltproblem: Bergung von Nachkriegsmunition
Ein akutes Umweltproblem, auf das die Mission ihr Augenmerk richtet, sind
die erheblichen Munitionsaltlasten, die in der deutschen Nordsee und
Ostsee nach dem Zweiten Weltkrieg verklappt wurden. Auch hier wurde im
Rahmen der Forschungsmission sustainMare ein transdisziplinärer Ansatz
gewählt. „Der Handlungsdruck ist groß. Die Munition liegt dort teilweise
seit mehr als 100 Jahren im Salzwasser, so dass sich die Metallhüllen
zersetzen. Wir konnten Schadstoffe wie TNT in marinen Lebewesen
nachweisen. Es gibt bereits weit fortgeschrittene Konzepte für die
Beseitigung der Nachkriegsmunition, die nun in den kommenden Jahren
umgesetzt werden sollen. Glücklicherweise existiert ein breiter
gesellschaftlicher und politischer Konsens darüber, endlich mit der
Problemlösung zu beginnen“, sagt Professor Jens Greinert vom GEOMAR
Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und Mitorganisator der
Jahrestagung.
Erstmalig ganzheitlicher Zustand von Schutzgebieten in Nord- und Ostsee
erfasst
Wertvolle Erkenntnisse für die gesamte Mission sustainMare wurden zudem in
den beiden Pilotmissionen „Ausschluss mobiler, grundberührender Fischerei
in Schutzgebieten der Deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) von
Nord- und Ostsee“ gewonnen. Hierbei ist die zentrale Frage, wie sich ein
Ausschluss der Schleppnetzfischerei auf die Lebensgemeinschaften, die
Beschaffenheit des Meeresbodens, die Biogeochemie der Sedimente und auf
die Austauschprozesse zwischen Sediment und Wassersäule auswirken wird.
Erstmalig wurde dafür ein ganzheitlicher Basiszustand der Schutzgebiete
erfasst, um verfolgen zu können, wie sich Ökosysteme ohne
Schleppnetzstörung entwickeln. Auf der Grundlage dieser Datenerhebung wird
nun mit neuen und traditionellen Methoden ein Monitoring entwickelt, das
dazu beiträgt, Zustandsveränderungen rechtzeitig zu erkennen und
Gegenmaßnahmen einzuleiten.
Folgen mehrfacher Nutzung der Küstengewässer im Fokus zukünftiger
Forschung
Die Energiewende und besonders die Notwendigkeit der Sicherung der
Energieerzeugung hat im vergangenen Jahr zu einer erheblichen
Beschleunigung des Ausbautempos der Offshore-Energiegewinnung geführt. Das
ist eine Entwicklung, der sich die Forschungsmission sustainMare nicht
verschließen kann. Schon heute sind Auswirkungen auf die
Strömungsverhältnisse und den Meeresboden sowie Veränderungen der
Lebensräume für Fische, Meeressäuger oder Seevögel zu beobachten. Die
Folgen der intensiven Nutzung unserer Küstengewässer, die Untersuchung von
wirksamen Schutzkonzepten und Konzepten zur besseren Ausnutzung des
Meeresraumes werden deshalb im weiteren Verlauf der Forschungsmission noch
zentraler für die Forschung werden.
