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Tariflöhne steigen 2023 nach den bislang vorliegenden Abschlüssen nominal um 5,6 Prozent

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Zwischenbilanz des WSI-Tarifarchivs:

Tariflöhne steigen 2023 nach den bislang vorliegenden Abschlüssen nominal
um 5,6 Prozent – Angesichts anhaltend hoher Inflationsraten kommt es nach
wie vor zu Reallohnverlusten

Unter Berücksichtigung der im 1. Halbjahr 2023 getätigten Neuabschlüsse
und der in den Vorjahren für 2023 bereits vereinbarten Tarifverträge
steigen die Tariflöhne in diesem Jahr nominal um durchschnittlich 5,6
Prozent.

Unter Berücksichtigung der im 1. Halbjahr 2023 getätigten Neuabschlüsse
und der in den Vorjahren für 2023 bereits vereinbarten Tarifverträge
steigen die Tariflöhne in diesem Jahr nominal um durchschnittlich 5,6
Prozent. Vor dem Hintergrund der weiter sehr hohen Preissteigerungen im 1.
Halbjahr 2023 ergibt sich hieraus real ein Rückgang von durchschnittlich
1,7 Prozent. In dieser Berechnung kann die Wirkung der steuer- und
abgabenfreien Inflationsausgleichsprämien allerdings nicht in vollem
Umfang berücksichtigt werden, weil diese, je nach individuellem
Steuersatz, unterschiedlich ist. Bei einem Teil der Beschäftigten dürfte
der Reallohnverlust daher deutlich kleiner ausfallen. In vielen
Tarifbereichen tragen die vereinbarten Prämien zur Kaufkraftsicherung bei
(mehr unten). Generell ist für den weiteren Jahresverlauf eine positivere
Tendenz bei der realen Tariflohnentwicklung absehbar, weil die Inflation
dann spürbar sinken dürfte. Dies ist das Ergebnis der aktuellen
Halbjahresbilanz, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung heute
vorlegt.

Für gut 9,2 Millionen Beschäftigte werden im Laufe des Jahres 2023
Tariferhöhungen wirksam, die bereits 2022 oder früher in Tarifverträgen
mit mehrjähriger Laufzeit festgelegt wurden. Hierzu gehören auch große
Tarifbranchen wie z. B. die Metall- und Elektroindustrie oder die
Chemische Industrie, deren in diesem Jahr wirksame Tariferhöhungen bereits
im Herbst 2022 vereinbart wurden. Hinzu kommen im 1. Halbjahr 2023 neue
Tarifvereinbarungen für weitere 4,4 Millionen Beschäftigte, darunter die
Deutsche Post AG und der Öffentliche Dienst (Bund und Gemeinden). Werden
lediglich die Tarifabschlüsse aus den Jahren 2022 und früher
berücksichtigt, so ergibt sich ein durchschnittlicher Zuwachs von 5,1
Prozent. Die Neuabschlüsse aus dem 1. Halbjahr 2023 liegen hingegen bei
einer durchschnittlichen Tariferhöhung von 6,6 Prozent (siehe auch
Abbildung 1 in der pdf-Version dieser PM; Link unten). Insgesamt gilt für
etwa die Hälfte der rund 34 Millionen sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten in Deutschland ein Tarifvertrag.

Gegenüber der durchschnittlichen Tariferhöhung von 2022 hat sich der
nominale Zuwachs der Tariflöhne 2023 von 2,7 Prozent auf 5,6 Prozent mehr
als verdoppelt (siehe auch Abbildung 2 in der pdf-Version dieser PM; Link
unten). „Die aktuellen Tarifabschlüsse, die oft erst nach umfangreichen
Warnstreiks erzielt werden konnten, zeigen einen deutlichen Trend hin zu
höheren Tariflohnzuwächsen“, sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Prof.
Dr. Thorsten Schulten. „Angesichts einer nach wie vor sehr hohen
Inflationsrate von 7,4 Prozent im 1. Halbjahr 2023 konnten die
Tariflohnzuwächse bislang trotzdem im Durchschnitt die Preissteigerungen
nicht ausgleichen. Allerdings kann im 2. Halbjahr 2023 mit einem starken
Rückgang der Inflation gerechnet werden, so dass am Jahresende eine
deutlich positivere Tarifbilanz absehbar ist, bei der die Reallohnverluste
stärker begrenzt werden.“

-Wirkung von steuer- und abgabenfreien Inflationsausgleichsprämien-

In den meisten Tarifabschlüssen des Jahres wurden zudem sogenannte
Inflationsausgleichsprämien vereinbart (siehe auch Tabelle 1). Hierbei
handelt es sich um steuer- und abgabenfreie Einmalzahlungen, die den
Beschäftigten, im Vergleich zu einer regulären Tariferhöhung, einen
höheren Nettolohn und den Arbeitgebern niedrigere Arbeitskosten
ermöglichen. Je nach Tarifbereich variieren die
Inflationsausgleichsprämien zwischen 1.000 und 3.000 Euro und werden über
einen Zeitraum von zwei Jahren in mehreren Tranchen oder auch als
monatliche Zusatzzahlungen ausgezahlt.

Da die Steuer- und Abgabenersparnisse bei den Inflationsausgleichsprämien,
je nach Steuerklasse und Haushaltskontext, sehr unterschiedlich ausfallen,
sind sie in den Berechnungen zur durchschnittlichen Tariflohnentwicklung
lediglich als Bruttoeinmalzahlungen berücksichtigt. Um die darüber hinaus
gehenden Steuer- und Abgabenersparnisse der Inflationsprämie zu bewerten,
hat das WSI-Tarifarchiv zusätzlich auf der Grundlage der
durchschnittlichen Steuer- und Abgabenquote für einzelne Tarifbranchen
Modellrechnungen durchgeführt. Wenn der „Brutto-für-netto“-Effekt der
Inflationsausgleichsprämien berücksichtigt wird, fallen die
Tariflohnerhöhungen 2023 in einigen Branchen deutlich höher aus.
Beispielsweise steigen die Tariflöhne im Öffentlichen Dienst (Bund und
Gemeinden) unter Berücksichtigung der Steuer- und Abgabenersparnisse um
9,8 Prozent, ohne diesen Effekt sind es lediglich 6,8 Prozent.

„Die steuer- und abgabenfreien Inflationsausgleichsprämien tragen 2023 in
vielen Tarifbranchen dazu bei, die Reallöhne zu sichern“, sagt Schulten.
„Da es sich hierbei um Einmalzahlungen handelt, wirken sie sich mit ihrem
Auslaufen in den Folgejahren jedoch stark dämpfend auf die Lohnentwicklung
aus.“

-Ausblick-

Nach wie vor gibt es in der Tarifrunde 2023 auch einige ungelöste
Tarifkonflikte. Dies gilt insbesondere für den Einzelhandel sowie den
Groß- und Außenhandel, wo bereits seit mehreren Monaten verhandelt wird,
ohne dass bislang ein Ergebnis erzielt werden konnte. Im 2. Halbjahr 2023
starten außerdem eine Reihe neuer Tarifverhandlungen, darunter u. a. für
den Öffentlichen Dienst in den Ländern.

„Angesichts der sich deutlich eintrübenden Konjunkturaussichten darf es zu
keinem weiteren Einbruch beim privaten Konsum kommen“, sagt WSI-Experte
Schulten. Deshalb ist es nach seiner Analyse „besonders wichtig, dass auch
im 2. Halbjahr 2023 die Tariflohndynamik weiter anhält und
Kaufkraftverluste möglichst vermieden werden.“