Zum Weltsuizidpräventionstag: 25 Menschen versterben in Deutschland jeden Tag durch Suizid
Neuregelung zum assistierten Suizid birgt Gefahr erhöhter Suizidfälle/
4-Ebenen-Interventionsansatz wirkungsvolles Instrument im Kampf gegen
Suizidversuche und Suizide
Leipzig/ Frankfurt am Main, 7. September 2023 – Anlässlich des
Weltsuizidpräventionstages am Sonntag (10. September) macht die Stiftung
Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention darauf aufmerksam, dass in
Deutschland aktuell täglich 25 Menschen einen Suizid und schätzungsweise
500 Personen einen Suizidversuch begehen. Die aktuell diskutierten
Neuregelungen zum assistierten Suizid könnten die Suizidzahlen in Folge
noch einmal erhöhen. Verstärkte Bemühungen im Bereich der Suizidprävention
sind nötig. Der in Deutschland entwickelte 4-Ebenen-Ansatz der Bündnisse
gegen Depression ist laut eines neueren systematischen Reviews der
weltweit beste und am häufigsten implementierte Interventionsansatz zur
Prävention suizidaler Handlungen.
Mehrheit der Suizide erfolgt im Kontext psychischer Erkrankungen
2021 verstarben in Deutschland 9.215 Menschen durch Suizid – das sind mehr
Menschen, als im Verkehr (ca. 2.900), durch Drogen (ca. 1.800) und durch
AIDS (ca. 220) zu Tode kommen (Statistisches Bundesamt, 2021). Die Zahl
der Suizidversuche wird mehr als 20-mal so hoch geschätzt.
Suizide erfolgen fast immer vor dem Hintergrund einer nicht optimal
behandelten psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression. „Die
überwältigende Mehrheit der Suizide in Deutschland sind keine Freitode,
sondern die tragische Folge schwerer psychischer Erkrankungen. So geht
Depression mit großem Leiden und tiefer Hoffnungslosigkeit einher.
Bestehende Probleme werden in der Depression vergrößert und als unlösbar
wahrgenommen. In ihrer Verzweiflung sehen Menschen dann im Suizid den
einzigen Weg, diesem unerträglichen Zustand zu entkommen“, erklärt Prof.
Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche
Depressionshilfe und Suizidprävention. Die konsequente und
leitlinienkonforme Behandlung der Depression und anderer psychischer
Erkrankungen ist zentraler Baustein jeder Suizidprävention.
Ansprechpartner sind Psychiater, Psychologische Psychotherapeuten und
Hausärzte.
In den letzten 40 Jahren hat sich die Zahl der Suizidopfer halbiert. „Der
Rückgang der Suizide dürfte vor allem darauf zurück zu führen sein, dass
mehr Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen sich
Hilfe holen und eine Diagnose bzw. Behandlung erhalten“, so Prof. Ulrich
Hegerl, der auch die Senckenberg-Professur an der Universität Frankfurt/M.
inne hat. Aufgrund von Wissensdefiziten, Stigmatisierungen, der
krankheitsbedingten Antriebs- und Hoffnungslosigkeit sowie vor allem auch
Defiziten im Gesundheitssystem bestehen jedoch weiter große
Versorgungslücken. „Es ist völlig inakzeptabel, dass ein suizidgefährdeter
Mensch oft erst nach Wochen einen Facharzttermin bekommt“ so Hegerl
weiter.
Neuregelungen zum assistierten Suizid
Über die gesetzliche Neuregelung zum assistierten Suizid soll
sichergestellt werden, dass es zuverlässige Hilfsangebote für ein
selbstbestimmtes Sterben gibt. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und
Suizidprävention sieht in Verbindung mit diesen Neuregelungen auch
Risiken: „Eine verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe wird darin
bestehen, sicherzustellen, dass die Entscheidung sterben zu wollen
tatsächlich freiverantwortlich getroffen wurde und nicht Folge einer
verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung durch die schwarze Brille der
Depression ist. Problematisch ist auch, dass das
Bundesverfassungsgerichtsurtei
könnte. Ich habe viele depressiv erkrankte Menschen betreut, die ihre
depressive Krankheitsphase nur überlebt haben, weil das Tabu sie vom
Suizid abgehalten hat. Sie wollten das ihrer Familie nicht antun. Wird
Suizid zu einer jedem offenstehenden Option, so kann dies die oft
lebensrettende Schwelle für suizidales Verhalten senken und zu einem
Anstieg auch der nicht-assistierten, krankheitsbedingten Suizide führen“,
befürchtet Hegerl. In den Niederlanden sind im Zuge der Liberalisierung
der Sterbehilfe pro Jahr nicht nur um die 6.000 Menschen durch einen
assistierten Suizid aus dem Leben geschieden, sondern entgegen der
Erwartung nahmen auch die Raten für die einsamen, nicht-assistierten
Suizide zu. Dieser Anstieg stand im Gegensatz zu der positiven Entwicklung
der Suizidraten in fast allen anderen europäischen Ländern.
Wie Suizidprävention gelingen kann: international etablierter 4-Ebenen-
Ansatz
Der von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention unter
Leitung von Prof. Ulrich Hegerl entwickelte 4-Ebenen-Interventionsansatz
hat sich als ein wirkungsvolles Instrument im Kampf gegen Suizidversuche
und Suizide gezeigt. Es ist zudem das weltweit am häufigsten
implementierte Suizidpräventionsprogramm. Der 4-Ebenen-Ansatz verbindet
zwei Ziele: die bessere Versorgung von Menschen mit Depression und die
Prävention von Suiziden sowie Suizidversuchen. In einer umschriebenen
Region (Stadt, Gemeinde) werden dafür gleichzeitig Interventionen auf vier
Ebenen gestartet:
• Kooperation mit Hausärzten (u.a. Schulungen)
• Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Plakatkampagne, öffentliche
Veranstaltungen)
• Schulungen von Multiplikatoren (z.B. Pfarrer, Lehrer,
Journalisten, Altenpflegekräfte, Polizisten)
• Unterstützung für Betroffene und deren Angehörige, u.a. durch
Informationsmaterialien, die Förderung der Selbsthilfe und das digitale
Selbstmanagement-Programm iFightDepression (tool.ifightdepression.com/).
Dieser Ansatz wurde zudem in zahlreichen europäischen und
außereuropäischen Ländern (Australien, Neuseeland, Kanada und Chile)
übernommen.
Eine neue systematische Überblicksarbeit zu Ansätzen der Suizidprävention
von Linskens et al. (2022) kommt zu dem Schluss, dass die 4-Ebenen-
Intervention zur Suizidprävention am vielversprechendsten von allen
untersuchten Ansätzen ist. „Bisher werden diese lokalen Bündnisse zur
Suizidprävention durch Bürgerengagement, Ehrenamt und Spenden getragen.
Äußerst hilfreich wäre es, wenn diese gerade vor dem Hintergrund der
gesetzlichen Neuregelungen zum assistierten Suizid eine staatliche
Förderung erhalten würden“ so Hegerl.
