Festveranstaltung zur Aufnahme des Codex Manesse in das UNESCO- Weltdokumentenerbe
Die prachtvoll gestaltete Sammlung mittelhochdeutscher Lied- und
Spruchdichtung ist das wertvollste Buch der Universitätsbibliothek
Heidelberg
Der Codex Manesse im Bestand der Universitätsbibliothek Heidelberg gehört
seit Mai dieses Jahres zum UNESCO-Weltdokumentenerbe „Memory of the
World“. Die prachtvoll gestaltete Sammlung mittelhochdeutscher Lied- und
Spruchdichtung steht am 19. September 2023 im Mittelpunkt einer
Festveranstaltung zur Aufnahme in dieses Verzeichnis. Prof. Dr. Maria
Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, wird ein Grußwort
sprechen. Knut Zuchan, Leiter der Arbeitseinheit für Multilaterale
Kulturpolitik/UNESCO im Auswärtigen Amt, wird die Urkunde übergeben. Es
folgen drei wissenschaftliche Fachvorträge zur herausragenden kulturellen
Bedeutung des Codex Manesse. Zu der öffentlichen Veranstaltung lädt der
Rektor der Ruperto Carola, Prof. Dr. Bernhard Eitel, in die Aula der Alten
Universität ein. Beginn ist um 17 Uhr.
Wie der Codex Manesse im „Gedächtnis der Menschheit“ verankert ist, wird
der Historiker Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard in seinem Vortrag
ausführen; der Staatssekretär a.D. ist Vorsitzender des Deutschen
Nominierungskomitees für das UNESCO-Programm. „Zur Geschichte eines
weltberühmten Buches“ spricht im Anschluss daran Dr. Veit Probst, Direktor
der Universitätsbibliothek Heidelberg. Der Heidelberger Germanist und
Dekan der Neuphilologischen Fakultät der Ruperto Carola, Prof. Dr. Ludger
Lieb, hält zum Abschluss der Veranstaltung einen Vortrag mit dem Titel
„Was dokumentiert der Codex Manesse? Zur Performanz des Minnesangs“.
Der Codex Manesse entstand in seinem Grundstock um 1300 in Zürich –
vermutlich auf Betreiben von Rüdiger Manesse und seinem Sohn Johannes, die
die mittelhochdeutsche Lieddichtung in ihrer gesamten Gattungs- und
Formenvielfalt zusammentragen wollten. Mehrere Nachträge kamen bis etwa
1340 hinzu. Die Handschrift umfasst 426 beidseitig beschriebene
Pergamentblätter. Darauf wurden die Texte von 140 Dichtern in rund 6.000
Strophen gesammelt. Mehr als die Hälfte der Werke ist ausschließlich in
dieser Handschrift überliefert. Von herausragender künstlerischer Qualität
ist zudem die repräsentative Ausgestaltung des Codex Manesse. Den Texten
sind 137 farbige, ganzseitige Miniaturen vorangestellt: Sie zeigen die
Dichter in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten.
Seit dem frühen 17. Jahrhundert ist die Handschrift im Besitz der
Heidelberger Kurfürsten nachweisbar. Vor der Eroberung der Stadt
Heidelberg durch Truppen der katholischen Liga im Jahr 1622 wurde sie
vermutlich von der kurfürstlichen Familie auf der Flucht mitgeführt und
nach dem Tod von Kurfürst Friedrich V. im Jahr 1632 von dessen Witwe
Elisabeth Stuart in finanzieller Notlage verkauft. Von 1657 an befand sich
die Liederhandschrift im Besitz der Königlichen Bibliothek in Paris, der
heutigen Bibliothèque nationale de France. 1888 kehrte sie in einem
komplizierten französisch-englisch-deutschen Tauschgeschäft nach
Heidelberg zurück. Seitdem befindet sie sich in der Universitätsbibliothek
Heidelberg. Schon seit vielen Jahren wird der Codex im klimatisierten
Tresor der Universitätsbibliothek aufbewahrt und aus konservatorischen
Gründen nur noch äußerst selten öffentlich gezeigt. Neben dem online
zugänglichen Digitalisat kann ein aufwendig gestaltetes Faksimile in der
Universitätsbibliothek besichtigt werden.
Das Programm „Memory of the World“ wurde im Jahr 1992 mit dem Ziel ins
Leben gerufen, dokumentarische Zeugnisse von universellem Wert zu sichern
und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Über die Aufnahme des Codex
Manesse hat der UNESCO-Exekutivrat, das politische Steuerungsgremium der
Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und
Kommunikation, am 18. Mai in Paris entschieden. Zum Weltdokumentenerbe in
Deutschland gehören unter anderem die Göttinger Gutenberg-Bibel, die
Himmelsscheibe von Nebra oder Goethes literarischer Nachlass.
