Rückblick auf Corona-Schulschließungen: Eltern in schwierigen sozialen Lagen brauchen besondere Unterstützung
Eine jetzt veröffentlichte Studie zeigt, dass insbesondere sozial
benachteiligte Familien die pandemiebedingte Schulausfälle in den Jahren
2020 und 2021 als problematisch erlebt haben. Die Forscher mahnen gezielte
Unterstützungsangebote an, um Bildungsungleichheiten entgegenzuwirken.
Die Studie von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe
(LIfBi) und der Universität Leipzig zeigt anhand von Daten des Nationalen
Bildungspanels (NEPS), wie die Eltern von Schulkindern die Schulschließung
in den Corona-Jahren 2020 und 2021 erlebt haben. Die Forscher zeigen auf,
welche Familien in diesen Zeiten besonders belastet waren und folgern:
Soll der Verschärfung von Bildungsungleichheiten entgegengewirkt werden,
sind es besonders sozial benachteiligte Familien, aber auch
Alleinerziehende, zugewanderte und kinderreiche Familien, die deutlich
mehr Unterstützungsangebote beim Lernen zuhause benötigen.
Häusliche Lernsituation wird während der zweiten Schulschließung
schlechter bewertet
Zwei Drittel der Eltern schätzten ihre technischen und digitalen
Kenntnisse sowie ihre Fähigkeit, die Kinder inhaltlich zu unterstützen, in
der ersten Phase der Schulschließung im Frühjahr 2020 noch als voll und
ganz ausreichend ein – während der zweiten Phase im Winter 2020/21 waren
es nur noch etwas mehr als die Hälfte. Auch die für den Distanzunterricht
nötige technische Ausstattung wurde zunehmend kritischer gesehen.
Schätzten mehr als drei Viertel der Eltern diese während der ersten
Schulschließungen noch als voll und ganz ausreichend ein, waren es im
zweiten Lockdown einige Monate später 10 % weniger. „Da in der zweiten
Schulschließungsphase vermehrt Online-Plattformen und Videochats genutzt
wurden, hatten Eltern dann vermutlich größere technische Schwierigkeiten
als während der ersten Schließphase, in der überwiegend E-Mails eingesetzt
wurden“, so der Erstautor der Studie Dr. Markus Vogelbacher.
Betreuung und Lernrückstände machten Sorgen
Starke Anspannung erfuhr die familiäre Situation während der zweiten Phase
der Schulschließungen durch Schwierigkeiten bei der Betreuung der Kinder
und gleichzeitiger Berufstätigkeit. „Die Situation in der Familie war
während der zweiten Schulschließungen sehr herausfordernd: Sowohl bei der
Betreuung als auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gaben knapp
1/3 der befragten Eltern starke bis sehr starke Probleme an“, so
Vogelbacher. Weitere 20 bzw. 25 % der Eltern berichtete von Problemen im
mittleren Umfang bei Betreuung bzw. Berufstätigkeit.Pessimistisch blickten
die Eltern auch auf die Kompetenzentwicklung ihrer Kinder. Während der
ersten Schulschließungen glaubten rund 34 % der Eltern, dass ihre Kinder
in den Hauptfächern zuhause ebenso viel wie in der Schule lernen. Dieser
Anteil sank im zweiten Lockdown leicht auf 30 %. Dafür stieg der Anteil
der Eltern, die Bildungsrückstände durch den Distanzunterricht erwarten
von 20 auf 31 % deutlich an.
Größere Herausforderungen für sozial Benachteiligte
Die Lernsituation in der zweiten Welle variierte deutlich je nach sozialer
Lage: Formal niedrig gebildete Mütter und Väter (maximal
Hauptschulabschluss) fühlten sich im Gegensatz zu Befragten mit höherer
Bildung (Mittlere Reife oder höher) durchweg schlechter informiert, welche
Aufgaben die Kinder zu bearbeiten haben. Gleiches gilt für
alleinerziehende Elternteile, die sich ebenfalls weniger gut informiert
fühlten.
Im Vergleich zu den Befragten mit der niedrigsten Bildung sahen sich alle
anderen Bildungsgruppen besser in der Lage, ihrem Kind beim Lernen des
Schulstoffs zu helfen. Die einkommensschwächste Gruppe fühlte sich im
Gegensatz zu allen anderen Einkommensgruppen weniger kompetent, ihre
Kinder inhaltlich zu unterstützen. Eine niedrigere inhaltliche
Unterstützungsfähigkeit berichten außerdem Befragte aus Familien, in denen
mindestens ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist. Auch bei der
räumlichen Situation und der Möglichkeit, dem Kind einen ruhigen Platz zum
Lernen zur Verfügung zu stellen, zeigen sich Einkommenseffekte und
Nachteile für kinderreiche Familien.
Bildungsungleichheiten durch gezielte Unterstützung entgegenwirken
„Unsere Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen
und im Zeitverlauf eine kritischere Bewertung der häuslichen
Lernsituation“, fasst Prof. Dr. Thorsten Schneider von der Universität
Leipzig die Studie zusammen. Er fordert: „Besonders sozial benachteiligten
Gruppen müssen Unterstützungs-, Coaching- und Vernetzungsangebote von den
Schulen und öffentlichen Trägern unterbreitet werden, um den bereits
entstandenen Bildungsungleichheiten durch die Corona-Pandemie
entgegenzuwirken – vor allem, wenn es zu längeren Phasen des
Distanzlernens kommt“.
Hintergrund der Studie
Für die Auswertung wurden die Antworten von 1.813 Eltern aus dem Jahr 2020
und von 1.898 Eltern aus dem Jahr 2021 herangezogen, die seit rund zehn
Jahren regelmäßig im Rahmen des NEPS befragt werden. Die überwiegende
Mehrheit ihrer Kinder, zu denen sie regelmäßig befragt werden, befand sich
während des ersten Lockdowns in der zweiten Klassestufe, während des
zweiten Lockdowns im Winter und Frühjahr 2021 in der dritten Klassenstufe.
Befragt wurden die Eltern zur Übermittlung der Lernmaterialien und der
Gestaltung des Distanzunterrichtes, zum Wissen um die Aufgaben der Kinder,
zur Einschätzung ihrer inhaltlichen Unterstützungsfähigkeit und ihrer
technischen und digitalen Kenntnisse sowie zur räumlichen Situation und
der Möglichkeit, dem Kind einen ruhigen Platz zum Lernen zur Verfügung zu
stellen. Es wurde zudem erhoben, ob die Eltern zugewandert sind, wie viele
Elternteile und Kinder im Haushalt leben, über wie viel Einkommen sie
verfügen, welche Bildungsabschlüsse sie besitzen und ob sie erwerbstätig
sind.
Alle Ergebnisse der Auswertung finden sich im vollständigen Bericht „Und
schon wieder war die Schule dicht“ der mit weiteren
Hintergrundinformationen zum Download bereit steht:
https://www.lifbi.de/LinkClick
