Reallabore: Experimentierräume nachhaltig und partizipativ gestalten
Stellungnahme des Netzwerks „Reallabore der Nachhaltigkeit“ zur Initiative
des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz für ein Reallabore-
Gesetz
Das Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ und das Wuppertal Institut
als Gründungsmitglied des Netzwerks begrüßen die Erarbeitung eines
bundesweiten Reallabore-Gesetzes, wie vom Bundesministerium für Wirtschaft
und Klimaschutz (BMWK) angeregt, schlägt aber wesentliche Ergänzungen vor
– etwa bei der Ausrichtung auf Nachhaltigkeit, harmonisierten
Mindeststandards und Partizipation der Zivilgesellschaft.
Wuppertal, 18. September 2023: Das Netzwerk als Zusammenschluss von mehr
als 50 Organisationen der deutschsprachigen Reallabor-Community mahnt in
einer aktuellen, innerhalb des Netzwerks gemeinschaftlich erarbeiteten
Stellungnahme insbesondere an, dass Ergebnisoffenheit und der
gesellschaftliche Diskurs bei der Erprobung von technischen und sozialen
Innovationen in Reallaboren nicht vernachlässigt werden dürfen.
„Reallabore bieten Orte zum konstruktiven Streiten und Lernen sowie zur
konkreten Mitgestaltung in einer gelebten Demokratie“, betont Mitautorin
der Stellungnahme Dr. Franziska Stelzer, Senior Researcherin im
Forschungsbereich Innovationslabore und langjährige Reallaborforscherin am
Wuppertal Institut. „Solche Reflexions- und Gestaltungskompetenzen sind
wesentliche Voraussetzungen für eine gemeinsame Zukunftsgestaltung und
gelingende Transformation.“
Konsequente Ausrichtung auf Nachhaltigkeit
Das Netzwerk hebt zudem hervor, dass wirksame Reallabore grundlegende
Charakteristika erfüllen müssen, um ihr volles Potenzial entfalten zu
können. Die im Grünbuch Reallabore des BMWK genannten übergreifenden
Standards sollten deshalb um Kriterien ergänzt werden, wie zum Beispiel
Forschungsorientierung: Reallabore dienen auch dazu, neues Wissen zu
erzeugen; Akteursvielfalt und Partizipation: vielfältige Akteur*innen aus
Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und vor allem der Zivilgesellschaft
werden angemessen einbezogen; Labor-Charakter: Reallabore sind Räume für
gesellschaftliche Experimente, die ergebnisoffen und reversibel
durchgeführt werden; sowie Bildung: Reallabore dienen als
transdisziplinäre Lern- und Bildungsräume.
Das Netzwerk betont insbesondere die konsequente Orientierung von
Reallaboren an Nachhaltigkeitszielen für die gesetzliche Ausgestaltung der
Experimentierräume. So sollte im Reallabore-Gesetz verbindlich verankert
werden, dass Reallabore Nachhaltigkeit als erste Prämisse für das Erproben
von Innovationen setzen.
„Reallabore sollten sich am Konzept der starken Nachhaltigkeit orientieren
und wirtschaftliche und soziale Innovationen im Rahmen planetarer Grenzen
ermöglichen“, fordert Dr. Oliver Parodi, Sprecher des Netzwerks
„Reallabore der Nachhaltigkeit“. “Alles andere wäre nicht nur unzeitgemäß,
sondern auch politisch unverantwortlich. Nicht zuletzt auch, weil der
Koalitionsvertrag der Bundesregierung das Erreichen von
Nachhaltigkeitszielen einfordert.“
Partizipation für eine starke Beteiligung von Zivilgesellschaft
Weltweit sind Reallabore und ähnliche ‚Labs‘ in den letzten Jahren zu
einer wichtigen Einrichtung in der transdisziplinären und transformativen
Forschung und Praxis geworden. In ihnen können innovative Ideen und neue
gesellschaftliche Praktiken konkret und praxisnah entwickelt, erprobt und
erforscht werden. Damit werden Reallabore zu Inkubatoren des Wandels und
können zu einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft beitragen.
Wichtigster Pluspunkt von transdisziplinär angelegten Reallaboren ist
dabei die Interaktion von sektor-, branchen-, disziplinen- und
Ttchnologieübergreifend arbeitenden Akteuren und Akteurinnen. Das
Reallabore-Gesetz und der geplante One-Stop-Shop Reallabore – also eine
zentrale Anlaufstelle für die Beratung der Praxis, Wissenssammlung und
Wissenstransfer in die Gesetzgebung – sollten dabei die Rolle der
Zivilgesellschaft weiter stärken. Dazu gehört neben einer adäquaten
Ansprache auch die verstärkte finanzielle Förderung ihrer Arbeiten im
Reallabor.
Über das Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit”
Das Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ umfasst 50 Organisationen
sowie über 80 aktive und abgeschlossene Reallabore im deutschsprachigen
Raum. Die Akteur*innen im Netzwerk arbeiten seit mehr als zehn Jahren in
und zu Reallaboren. Sie haben sowohl den theoretischen Diskurs als auch
die Verwirklichung von Reallaboren maßgeblich mitgeprägt und in diesem
Zeitraum wichtige Beiträge zur Entwicklung, Umsetzung, Rahmensetzung und
Förderung von Reallaboren geleistet.
Herausgebende Institutionen der Stellungnahme zur Initiative des
Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) für ein
Reallabore-Gesetz sind: Ecological Research Network (Ecornet), Frankfurt
University of Applied Sciences (FRA UAS), Leibniz-Institut für ökologische
Raumentwicklung (IÖR), ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung,
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Leuphana Universität Lüneburg,
Öko-Institut, Wuppertal Institut sowie weitere Akteur*innen des Netzwerks
“Reallabore der Nachhaltigkeit”.
Weitere Informationen:
Stellungnahme des Netzwerks „Reallabore der Nachhaltigkeit“ zur Initiative
des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) für ein
Reallabore-Gesetz
www.reallabor-netzwerk.de/stel
Netzwerk “Reallabore der Nachhaltigkeit”
https://www.reallabor-netzwerk
