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Landtagswahlen Bayern & Hessen 2023: CSU in Bayern legt verständlichstes Wahlprogramm vor

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Hohenheimer Verständlichkeitsindex: Kommunikationswissenschaftler:innen
der Universität Hohenheim analysieren Wahlprogramme auf formale
Verständlichkeit.

Komplizierte Fremdwörter, „Denglish“ und Monster-Sätze: Vor den
Landtagswahlen 2023 in Bayern und Hessen haben
Kommunikationswissenschaftler:innen der Universität Hohenheim in Stuttgart
die Wahlprogramme der Parteien auf ihre formale Verständlichkeit hin
untersucht. Ihr Ergebnis: Die meisten Programme sind sprachlich nur schwer
verständlich. Das sei eine verschenkte Chance, die Wählerschaft zu
erreichen, so die Forschenden. Am sprachlich verständlichsten ist das
Programm der CSU in Bayern, in Hessen teilen sich SPD und Linke den ersten
Platz. Schlusslichter sind in Bayern die SPD, in Hessen die FDP. Die
Studie im Detail unter https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media
/Wahlprogramm-Check_2023_Bayern_Hessen.pdf


„Parteien sollten ihre Positionen klar und verständlich darstellen, damit
die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen
können. Dazu dienen die Wahlprogramme“, betont der
Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der
Universität Hohenheim. Er hat zusammen mit Dr. Claudia Thoms die
Wahlprogramme zu den Landtagswahlen 2023 in Bayern und Hessen untersucht.

Wahlprogramme mit ähnlicher Verständlichkeit wie bei den Landtagswahlen
2018

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Forschenden unter anderem
nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen und zusammengesetzten Wörtern.
Anhand solcher Merkmale bilden sie den „Hohenheimer
Verständlichkeitsindex“ (HIX). Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis
20 (leicht verständlich).
Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Programme zur Landtagswahl in
Bayern mit 8,6 Punkten auf einem ähnlichen Niveau wie bei der letzten
Landtagswahl im Jahr 2018 (9,0 Punkte). In Hessen lag der
Durchschnittswert 2018 bei 7,5 Punkten. 2023 liegt er bei 7,2 Punkten.
Damit belegt Hessen bei der formalen Verständlichkeit der Programme Platz
13 der 16 Bundesländer. Bayern liegt auf Platz 1.

CSU in Bayern am verständlichsten, SPD und Linke in Hessen

Das formal verständlichste Wahlprogramm in Bayern liefert die CSU mit 12,1
Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Den letzten Platz
belegt das Programm der SPD mit 6,5 Punkten. In Hessen ist die Bandbreite
der Verständlichkeit deutlich kleiner. Die Programme der SPD und der
Linken belegen mit jeweils 7,7 Punkten den ersten Platz. Die FDP landet
mit 6,6 Punkten auf dem letzten Verständlichkeits-Platz.

„Wie schon bei vorherigen Wahlen hat die CSU auch zur Landtagswahl 2023
das sprachlich mit Abstand verständlichste Wahlprogramm vorgelegt“, sagt
Prof. Dr. Frank Brettschneider. „Ein Wert von 12,1 Punkten auf dem
Hohenheimer Verständlichkeitsindex kann sich sehen lassen. Bei den anderen
Parteien ist hingegen noch viel Luft nach oben.“ Die formale
Verständlichkeit aller anderen Wahlprogramme liegt zum Teil deutlich unter
einem Wert von 10,0. Für Prof. Dr. Brettschneider sind diese Werte
enttäuschend: „Alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz
und Bürgernähe auf die Fahne geschrieben, doch mit derartigen
Wahlprogrammen verpassen sie eine kommunikative Chance. Sie schließen
einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus.“

Verständlichkeitshürden schließen Wählerinnen und Wähler aus

„Minimalrepräsentationsprinzip“ (AfD Bayern), „CleanTech“ (CSU),
„Cyberhype“ (Linke Bayern), „activity-based working“ (FDP Bayern), „DRG-
Fallpauschalfinanzierung“ (FW Bayern), „Sustainable-Finance-Instrumente“
(Grüne Bayern), „Komorbiditäten“ (AfD Hessen), „AI-Quality-Hub“ (CDU
Hessen), „self-paced-Formate“ (FDP Hessen), „female fintech founders“
(Grüne Hessen), „Präexpositionsprohylaxe“ (sic!) (Linke Hessen), „third
mission“ (SPD Hessen): Die Programme der Parteien enthalten zahlreiche
Fremd- und Fachwörter. Vor allem für Leserinnen und Leser ohne politisches
Fachwissen stellen diese eine große Verständlichkeitshürde dar.

Einen ähnlichen Effekt hätten Wortzusammensetzungen oder
Nominalisierungen, so Dr. Claudia Thoms, wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Fachgebiet Kommunikationstheorie. Einfache Begriffe würden so zu Wort-
Ungetümen, wie z. B. „Telekommunikationsmindestversorgungsverordnung“ (SPD
Bayern), „Nachhaltigkeitsrechenschaftsberichte“ (AfD Bayern),
„Car2Infrastructure-Kommunikation“ (FDP Hessen) oder
„Hochleistungsrechnerinfrastruktur“ (CDU Hessen).

„Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis. Das gilt besonders für
Menschen, die wenig lesen. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine
Information vermitteln“, erklärt Dr. Thoms. „Der längste Satz findet sich
im Programm der Linken in Bayern mit 62 Wörtern. Aber auch bei allen
anderen Parteien tauchen überlange Sätze auf. Sätze mit 30 und 40 Wörtern
sind keine Seltenheit.“

Prof. Dr. Brettschneider fügt hinzu: „Die von uns gemessene formale
Verständlichkeit ist natürlich nicht das einzige Kriterium, von dem die
Güte eines Wahlprogramms abhängt. Deutlich wichtiger ist der Inhalt. Unfug
wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist.
Und unverständliche Formulierungen bedeuten nicht, dass der Inhalt falsch
ist. Formale Unverständlichkeit stellt aber eine Hürde für das Verständnis
der Inhalte dar.“

HINTERGRUND: Hohenheimer Verständlichkeits-Analysen

Das Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft, insbesondere
Kommunikationstheorie, an der Universität Hohenheim untersucht seit 17
Jahren die formale Verständlichkeit zahlreicher Texte: Wahlprogramme,
Medienberichterstattung, Kunden-Kommunikation von Unternehmen,
Verwaltungs- und Regierungskommunikation, Vorstandsreden von DAX-
Unternehmen.

Möglich werden diese Analysen durch die Verständlichkeits-Software
„TextLab“. Die Software wurde von der H&H CommunicationLab GmbH in Ulm und
von der Universität Hohenheim entwickelt. Sie berechnet verschiedene
Lesbarkeitsformeln sowie Textfaktoren, die für die Verständlichkeit
relevant sind (z. B. Satzlängen, Wortlängen, Schachtelsätze). Daraus
ergibt sich der „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er bildet die
Verständlichkeit von Texten auf einer Skala von 0 (schwer verständlich)
bis 20 (leicht verständlich) ab. Zum Vergleich: Doktorarbeiten in
Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3
Punkten. Hörfunk-Nachrichten kommen im Schnitt auf 16,4 Punkte, Politik-
Beiträge überregionaler Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung,
der Welt oder der Süddeutschen Zeitung auf Werte zwischen 11 und 14.

Weitere Informationen
Download Studie: https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/Wahlprogramm-
Check_2023_Bayern_Hessen.pdf