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Alle sollen teilhaben - Wie Kreise und kreisfreie Städte Integration neu denken

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Eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts untersucht neue Ansätze der
Integrationspolitik am Beispiel ausgewählter Kreise und kreisfreier
Städte.

Der demografische Wandel und seine Folgen sowie die häufig klammen
Kommunalkassen beeinträchtigen schon heute den Alltag vieler Menschen:
Dorfläden und Gaststätten schließen, Ärzt:innen finden keinen Nachwuchs
für ihre Praxen, vielerorts mangelt es an Fachkräften und Infrastruktur.
Zuwanderung und ein konstruktiver Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt
können dabei helfen, diese Herausforderungen zu bewältigen. Das erfordert
ein Umdenken, denn gerade strukturschwache Regionen sind bei Zuwandernden
bislang wenig beliebt. Eine neue, von der Stiftung Mercator geförderte
Studie des Berlin-Instituts beschreibt, wie Landkreise und kreisfreie
Städte Integration neu denken und mithilfe einer teilhabeorientierten
Integrationspolitik die gesellschaftliche Teilhabe aller Einwohner:innen –
zugewanderter wie alteingesessener – verbessern.

„Teilhabeorientierte Integrationspolitik soll die Chancen aller Menschen
vor Ort stärken und Hürden in allen wichtigen Lebensbereichen wie Arbeit,
Bildung, Gesundheit oder Wohnen abbauen“, sagt Frederick Sixtus, Mitautor
der Studie. Kreis- und Stadtverwaltungen sehen Integration nicht als
losgelöstes Themenfeld, sondern als Teil der Sozialpolitik. Vom Antrag im
Bauamt bis zur Familienberatung sollen alle Abteilungen Teilhabe und
Integration mitdenken. Dadurch stehen Verwaltungsleistungen und Maßnahmen
der Integrationsarbeit im besten Fall allen offen, die benachteiligt sind.
„Die Angebote vor Ort wenden sich so an alle Bewohner:innen, die davon
profitieren können. Warum sollte beispielsweise das Wissen über die
eigenen Rechte als Mieter:in nur für einen Teil der Menschen wichtig
sein?“, so Sixtus weiter.

Immer mehr Kreise und kreisfreie Städte denken Integration auf diese Weise
neu und schreiben sich teilhabeorientierte Integrationspolitik auf die
Fahne. Das Berlin-Institut hat 2021 alle Integrationskonzepte deutscher
Kreise und Städte analysiert. Von den 400 Kreisen und kreisfreien Städten
verfügten 221 bereits über ein Integrationskonzept. Seit 2016 zählen
hierzu auch viele ländliche Regionen. Rund zwei Drittel der
Integrationskonzepte legen ein teilhabeorientiertes
Integrationsverständnis zugrunde. Ihnen geht es im Kern um die
gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen. Sie wertschätzen die
internationale Vielfalt vor Ort als Potenzial und begreifen sie vor allem
als eines: den Normalfall.

Zuzug aus dem Ausland ist eine Chance für die Regionen

„Die Kreise und Städte reagieren damit auch auf aktuelle
Herausforderungen“, sagt Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts,
„denn gerade in vielen ländlichen Regionen Deutschlands schrumpft die
Bevölkerung und der Altersdurchschnitt der Bewohner:innen steigt.
Vielerorts kämpfen die Verantwortlichen mit klammen Kassen.“ Diese
Entwicklung geht oft mit einer wegbrechenden Versorgung einher: Busse
fahren nur noch zweimal täglich, Schulen fehlen Lehrkräfte,
Handwerksbetriebe und Pflegedienste finden keine Auszubildenden. Die
Regionen müssen sich daher verstärkt auch um neue Mitbürger:innen aus dem
Ausland bemühen. Diese können den Arbeitskräftemangel zumindest teilweise
abmildern und dazu beitragen, Schulen, Busse oder kleine
Einkaufsgelegenheiten zu erhalten. Hier setzt die teilhabeorientierte
Integrationspolitik an: Indem sie die Teilhabe aller Einwohner:innen
stärkt, soll die Region attraktiver werden – für alle die schon da sind
und für alle potenziellen Neubürger:innen.

Teilhabeorientierte Integrationspolitik im Praxistest

Um zu untersuchen, wie teilhabeorientierte Integrationspolitik in der
Praxis funktioniert, hat das Berlin-Institut sechs Landkreise und
kreisfreie Städte mit teilhabeorientierten Konzepten über anderthalb Jahre
bei ihrer Integrationsarbeit begleitet: Neumünster in Schleswig-Holstein,
Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt, das Altenburger Land in Thüringen, den
Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg, den Wetteraukreis in Hessen sowie
den Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen. Zahlreiche Interviews und
Gruppengespräche mit Mitarbeitenden in der Verwaltung, Beschäftigten bei
Trägern der Integrationsarbeit, Teilnehmenden von Maßnahmen sowie
ehrenamtlich Engagierten geben Einblick, wie teilhabeorientierte
Integrationsarbeit gelingt, auf welche Hürden die Beteiligten stoßen und
wie sie diese überwinden.

Geld, politischer Rückhalt und gute Kooperation im Netzwerk sind
unerlässlich
„In allen Regionen setzen sich Menschen leidenschaftlich für mehr Teilhabe
ein“, so Adrián Carrasco Heiermann, Mitautor der Studie. „oft fehlt es
aber an einer durchgängigen Finanzierung ihrer Arbeit.“ Häufig laufen die
Fördermittel nach wenigen Jahren aus, der Bedarf, Teilhabe für alle zu
stärken, hingegen besteht fort. Wichtig ist für die
Integrationsbeauftragten auch, dass die Lokalpolitik, also Kreistage und
Stadträte, und die Verwaltungsspitzen mitziehen, damit alle Maßnahmen rund
um Teilhabe, Diversität und Antidiskriminierung auch verbindlich umgesetzt
werden. „Und nicht zuletzt kommt es vor allem darauf an, dass die lokalen
Netzwerke aus Verwaltungen, Trägern, Vereinen und freiwillig Engagierten
gut zusammenarbeiten und eine Vision für das Zusammenleben teilen“, so
Carrasco Heiermann weiter.

Was können die Verantwortlichen vor Ort tun?

Eine Blaupause für mehr Teilhabe existiert nicht, dafür unterscheiden sich
die Ausgangslagen zwischen den Regionen zu stark – von der
Zuwanderungsgeschichte über die sozioökonomische Situation und politischen
Kräfteverhältnisse und die Gesetze in den Bundesländern bis hin zu den
Netzwerken vor Ort. Die Verantwortlichen verfolgen daher vielfältige
Strategien, um eine teilhabeorientierte Integrationspolitik zu
verwirklichen.

Sie werten zum Beispiel soziodemografische Daten aus und führen unzählige
Gespräche, um die Bedürfnisse vor Ort zu ermitteln. In Workshops
sensibilisieren sie ihre Kolleg:innen für den Umgang mit eigenen
Vorurteilen, für barrierearme Kommunikation und Diversität. Sie werben in
unermüdlicher Überzeugungsarbeit bei Kommunalpolitiker:innen und anderen
Schlüsselpersonen für ihren teilhabeorientierten Ansatz. Und vor allem
koordinieren sie die lokalen Netzwerke und regen die Beteiligten an,
Angebote zu entwickeln, die offen für alle Bewohner:innen sind, die davon
profitieren können.

Auf Konzepte sollten Taten folgen

Viele Kreise und Städte haben sich eine teilhabeorientierte
Integrationspolitik bereits vorgenommen, etwa indem sie diese in einem
Integrationskonzept festgeschrieben haben. „Doch die für Integration
verantwortlichen Personen müssen kontinuierlich dafür kämpfen, dass diese
Konzepte tatsächlich umgesetzt werden“, sagt Catherina Hinz und fordert:
„Landrät:innen und Oberbürgermeister:innen sollten ebenso wie die
Mitglieder der Kreistage und Stadträte Zuwanderung als Chance begreifen
und teilhabeorientierte Integrationspolitik als Instrument verstehen, das
Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft zu gestalten.“

Originalpublikation:
https://www.berlin-institut.org/studien-analysen/detail/alle-sollen-
teilhaben-1