Soziale Bewegungen und Wissenschaft: „Jetzt gehen wir auch auf die Straße“

Die Welt entwickelt sich weiter – wie viele positive Entwicklungen dabei
aus sozialen Bewegungen entstanden sind, verdeutlicht ein neues Fachbuch.
Mit-Herausgeberinnen Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit und Prof. Dr. Andrea
Schmelz von der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Coburg sprechen im
Interview über bedeutende Bewegungen, über Verbindungen zu Sozialer Arbeit
und darüber, warum es Forscher:innen nicht nur um analytische Ergebnisse
geht. Sondern auch um Haltung.
Eine der seltenen Filmaufnahmen des Jahres 1913 stammt von einem Derby in
England und zeigt, wie sich die Frauenrechts-Aktivistin Emily Davison vor
das Rennpferd des Königs wirft. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nur
eine Frau in England, die sich politisch betätigen durfte, und das war die
Queen. Mit aufsehenerregenden Aktionen kämpften die Suffragetten für das
Wahlrecht (englisch „suffrage“) für Frauen. Es ist ein Beispiel –
insgesamt ist die Geschichte sozialer Bewegungen geprägt von tragischen
Schicksalen und Anfeindungen, aber eben auch von bahnbrechenden Erfolgen
für Freiheit und Gerechtigkeit. Als entscheidender Faktor erwies sich
dabei eine maximale mediale Aufmerksamkeit. Daran hat sich von den
Suffragetten bis zu den heutigen Klima-Aktivist:innen der letzten
Generation nichts geändert. Das neue Fach- und Lehrbuch „Internationale
Soziale Arbeit und soziale Bewegungen“ ermöglicht einen historischen und
internationalen Vergleich und eine professionelle Einordnung. Zwei der
Herausgeber:innen forschen und lehren an der Hochschule Coburg: Prof. Dr.
Claudia Lohrenscheit und Prof. Dr. Andrea Schmelz von der Fakultät Soziale
Arbeit berichten im Interview, wie die Wissenschaft zur Versachlichung der
Diskussion beitragen kann – und warum es auch bei nüchterner Einschätzung
manchmal richtig ist, Partei zu ergreifen.
Die Klima-Aktisti:innen der „Letzten Generation“ erregen viel Aufsehen –
und viel Unmut. Wie ordnen Sie das ein?
Prof. Dr. Andrea Schmelz: Die deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit hat
sich durch ein Positionspapier solidarisch mit dieser Bewegung gezeigt und
darüber bin ich sehr froh. In unserem Buch kommt die Letzte Generation im
Kontext der Verbindungen zwischen nationalen und internationalen Klima-,
Gerechtigkeits- und auch Umweltbewegungen und ökologisch bewegter Sozialer
Arbeit vor. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Protestformen des
zivilen Ungehorsams in den sozialen Bewegungen immer eine Rolle spielten –
ob bei den Suffragetten oder in der Frauen-Bewegung - immer ging es darum,
Aufmerksamkeit für unhaltbare Zustände zu erregen. Die Klimakrise betrifft
uns alle: Jetzt können wir noch etwas tun. Jetzt müssen wir aber auch
handeln.
Viele finden die Protestformen zu radikal und kriminell – auch Polizei und
Justiz …
Schmelz: Wenn die Letzte Generation beispielsweise Landschaftsgemälde mit
Kartoffelbrei beworfen hat, ging es nicht darum, die Werke zu beschädigen
– sie sind ohnehin hinter Glas – sondern darum, eine Diskussion anzustoßen
darüber, dass es diese Landschaften vielleicht bald nicht mehr gibt und um
Folgen wie Lebensmittelknappheit aufgrund von Extremwetterereignissen oder
Dürrekastastrophen im globalen Maßstab, aber auch hierzulande. Bei dem
viel diskutierten Verkehrsunfall in Berlin wurde inzwischen gerichtlich
bestätigt, dass die Radfahrerin auch ohne die Verkehrsblockade leider
nicht hätte gerettet werden können. Die Aktivist:innen achten auch darauf,
einen Rettungskorridor zu ermöglichen, beispielsweise in dem sie sich mit
einer Hand nicht auf die Straße, sondern an einen anderen Aktivisten
kleben. Die Kriminalisierung ist unerträglich.
Was ist so schlimm?
Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit: Mitglieder der letzten Generation können
präventiv in Haft genommen werden – besonders weitreichend sind dabei die
Befugnisse der bayerischen Polizei. Jemand, der keine Straftat begangen
hat, kann wochenlang eingesperrt werden. Ohne Gerichtsverfahren! Das ist
ein schwerer Eingriff in Grund- und Menschenrechte. Und wir reden hier
nicht von erwachsenen Straftätern, sondern von Kindern, Jugendlichen und
jungen Erwachsenen, die friedlich demonstrieren. Es ist sehr bedenklich,
wenn Menschenrechtsbewegungen so kriminalisiert werden. Sie werden uns
politisch vorantreiben und wenn wir in zehn Jahren auf diese Bewegung
zurückblicken, werden wir dankbar dafür sein. Das ist die Natur von
Menschenrechtsbewegungen: Sie müssen Störungsereignisse produzieren, um
Gehör zu finden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Innovation und positive
demokratische Entwicklung kommen oft vom Rand und nicht aus der Mitte. Wir
wären heute eine andere Gesellschaft, wenn wir diese ganzen wunderbaren
sozialen Bewegungen nicht hätten. Zum Beispiel hätten wir ohne die
ökologischen Bewegungen, die sich seit den 1980er Jahren entwickeln, nicht
das Bewusstsein, dass Atomkraftwerke problematisch sind oder dass wir die
Wälder schützen müssen. Dasselbe gilt für viele andere soziale Bewegungen.
Welche Bewegungen waren die erfolgreichsten?
Lohrenscheit: Bewegungen, die für Geschlechtergerechtigkeit eintreten,
waren und sind sehr erfolgreich. Wenn wir 40, 50 Jahre zurückschauen, geht
es um Frauenrechte. Hinzu kam der Schutz der sexuellen Orientierung.
Insgesamt geht es einfach darum, dass für alle dieselben Freiheits- und
Gleichheitsrechte gelten: beispielsweise das Recht auf eine Eheschließung
von schwulen und lesbischen Paaren, aber auch die Selbstbestimmung der
eigenen geschlechtlichen Identität. In Deutschland ist es heute verboten,
bei Babys, die nicht mit einem eindeutigen männlichen oder weiblichen
Geschlecht geboren werden, eine geschlechtskorrigierende Operation
vorzunehmen. In unserem Buch wird auch ein intergeschlechtlicher Aktivist
aus Uganda porträtiert, der dieses Thema gegen große Widerstände in seinem
Heimatland gesetzt hat. Es gibt Riesenerfolge – aber gerade im Bezug auf
Geschlechtergerechtigkeit auch Rückschritte. Schwangerschaftsabbrüche
werden in vielen Ländern kriminalisiert und die Frauen verfolgt, in
einigen US-amerikanischen Staaten ist es verboten, im Schulunterricht über
die sexuelle Orientierung zu sprechen. Die Worte schwul, lesbisch, bi,
trans oder queer dürfen im Unterricht nicht gesagt werden. Es dürfen keine
Kunstwerke gezeigt werden, in denen das Geschlecht zu sehen ist – wegen
Michelangelos David verlor eine Schulleiterin ihren Job. Es ist verrückt!
Wir sehen sehr konträre Entwicklungen: sehr erfreuliche und gleichzeitig
sehr besorgniserregende.
Wie kamen Sie auf das Thema?
Lohrenscheit: Wir beide und auch unsere beiden Herausgeber-Kolleginnen
forschen und lehren schon lange in diesen Bereichen – der Verlag hat uns
wegen eines Lehrbuchs für die Internationale Soziale Arbeit angefragt.
Schmelz: Das Buch bündelt unsere jahrelangen Forschungsergebnisse, die wir
auch immer wieder in die Lehre eingebracht haben.
Was haben Sie Neues entdeckt?
Lohrenscheit: Ich bin auf den Begriff Adultismus gestoßen, der das
Machtungleichgewicht zwischen jungen Menschen und Erwachsenen bezeichnet –
auch im Bezug auf gesellschaftliche Strukturen. Manche sagen da: Na
logisch! Kinder sind noch klein und Erwachsene müssen sich kümmern. Aber
die UN-Kinderrechtskonvention gibt vor, dass Kinder das Recht haben
mitzubestimmen und auch politisch teilzuhaben. Ich beschäftige mich seit
20 Jahren mit dem Thema Menschenrechte und mit Kinderrechten – und
Adultismus ist ein relativ neues, spannendes Thema. Das höre ich auch von
den Studierenden.
Schmelz: Einer meiner Schwerpunkte ist Migrationssozialarbeit und ich habe
festgestellt, dass soziale Bewegungen im Bereich der Migration in der
Sozialen Arbeit kaum wahrgenommen werden – und umgekehrt gibt es
Aktivist:innen, die zum Beispiel geflüchtet sind und große Vorbehalte
gegen die Soziale Arbeit haben, weil Soziale Arbeit in diesem Bereich eben
sehr oft Erfüllungsgehilfin staatlicher Aufträge ist. Beispielsweise, wenn
es um Abschiebung geht. Ein anderer Schwerpunkt sind bei mir die
ökologischen Bewegungen, die es seit Jahrzehnten sowohl weltweit als auch
hier in Deutschland gibt und was Klimagerechtigkeit und sozialökologische
Transformation für sozialarbeiterisches Handeln bedeutet. In diesem
Bereich gibt es noch wenig Forschung.
Lohrenscheit: Was ich beim Thema Klima wirklich überraschend finde, ist
dass Wissenschaftler:innen sich heute mehr und mehr auch selbst als
Aktivist:innen verstehen – das ist in dieser Dimension neu, obwohl wir
dieses Engagement zum Beispiel auch aus der Frauenhausbewegung kennen.
Die Wissenschaft warnt aber doch bereits seit Jahrzehnten vor den Folgen
des Klimawandels …
Lohrenscheit: Ja, und jetzt gehen wir auch auf die Straße. Eine Kollegin
war beispielsweise in Lüzerath dabei, als das Dorf für den Abriss geräumt
wurde, weil ein Energiekonzern den Kohleabbau ausbauen will.
Ihr Buch gibt einen Überblick über weltweite Bewegungen und die
Verbindungen zu Sozialer Arbeit. Wem würden Sie es gerne mal auf den
Nachttisch legen?
Schmelz: In erster Linie richten wir uns an Studierende der Sozialen
Arbeit, aber natürlich auch an Praktiker:innen und alle, die sich für
sozialwissenschaftliche Themen und Proteste gegen globale Ungleichheiten
und Gewaltverhältnisse interessieren. Mit diesen gesellschaftlich
relevanten Fragen sollen sich auch diejenigen beschäftigen, die ansonsten
eher in technischen Fächern unterwegs sind.
Lohrenscheit: Es ist natürlich auch für die Aktivist:innen selbst
spannend, die finden sich darin wieder und es sind auch viele Ikonen der
sozialen Bewegungen porträtiert. Was mich in meinem Themenfeld
beschäftigt, richtet sich vor allem an die Politik, deshalb – ja, ich
würde es dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
auf den Tisch legen, dem Bundesjustizministerium und dem
Bundesinnenministerium.
Zum Buch:
Claudia Lohrenscheit / Andrea Schmelz / Caroline Schmitt / Ute Straub:
Internationale Soziale Arbeit und soziale Bewegungen. Nomos-Verlag, Baden-
Baden, 2023, 232 Seiten, 24 Euro.
