Biografie gewährt Einblick in Emil von Behrings Netzwerke
Der „Retter der Kinder“, endlich wird er auch als Mensch fassbar: Emil von
Behring war nicht nur Medizinpionier, Firmengründer und Nobelpreisträger,
er war auch ein geschickter Netzwerker. Eine neue Biografie befreit den
Marburger Jahrhundertwissenschaftler von den Auslassungen und
Fehldeutungen der Naziideologie, die ihn für sich zu vereinnahmen
versuchte:
Ulrike Enke: Emil von Behring 1854 – 1917. Immunologe – Unternehmer –
Nobelpreisträger, ISBN 978-3-8353-5501-9, Göttingen (Wallstein) 2023, 596
Seiten, 34 Euro.
Der Immunologe Emil von Behring (1854-1917) lehrte von 1895 bis zu seinem
Tod an der Marburger Universität das Fach Hygiene. In Robert Kochs
Institut für Infektionskrankheiten in Berlin hatte er zuvor die
körpereigene Immunabwehr entdeckt und die Grundlagen für die Serumtherapie
von Diphtherie und Tetanus gelegt. Im Jahr 1901 erhielt Behring den ersten
Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. In Marburg gründete der
Wissenschaftler wenig später sein Unternehmen für die Produktion von
Impfstoffen, die Behringwerke, die in veränderter Gestalt die Stadt bis
heute prägen.
„Behring war nicht der Einzelkämpfer, als der er meist dargestellt wurde“,
erklärt seine Biografin Dr. Ulrike Enke. In ihrem materialreichen Werk
zeigt die promovierte Literaturwissenschaftlerin die Netzwerke auf, die
Behring knüpfte. „Ich habe einen Gegenentwurf zur ersten Behring-Biografie
aus dem Jahr 1941 geschrieben, deren Hauptautor bekennender
Nationalsozialist war“, erläutert Enke. So sei Behrings Familie in dem
Buch so gut wie nicht vorgekommen – denn Behrings Ehefrau Else, eine
geborene Spinola, hatte jüdische Vorfahren.
Neu zugängliche Familienbriefe lassen Behring in einem anderen Licht
erscheinen. „Wir lernen nun einen herzlichen Familienmenschen und
fürsorglichen Vater kennen“, sagt Enke. Die Briefe ermöglichen Einblicke
in den Alltag einer Marburger Professorenfamilie, bei der Wissenschaft und
Privatleben aufs Engste verwoben waren. „Behring war ein sozialer
Aufsteiger, dem es als Dorfschullehrerkind gelang, dank hoher Intelligenz
und Durchsetzungsvermögens bis in die höchsten Kreise Europas
aufzusteigen“, erzählt die Medizinhistorikerin; „sein wissenschaftliches
Wirken ist eingebettet in die Medizin- und Sozialgeschichte des
ausgehenden 19. Jahrhunderts; durch den in den Medien äußerst präsenten
Behring verbreitete sich das in Labor, Tierstall und Klinik erarbeitete
neue Wissen“.
Ulrike Enke begann im Jahr 2009, den Nachlass Emil von Behrings zu
sichten, der in der Philipps-Universität aufbewahrt wird. In einem von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt bereitete sie den
persönlichen Nachlass des Nobelpreisträgers für die Publikation auf,
zunächst für eine online-Datenbank. „Bei dieser Arbeit habe ich sämtliche
Dokumente in Händen gehalten und gelesen“, bekundet Enke. Die Biografie
fasst nun die Ergebnisse der Forschungsarbeit zu einem facettenreichen
Bild des Menschen und Forschers Behring zusammen.
Am Mittwoch, den 15. November 2023 um 18:15 Uhr findet eine Lesung mit
Buchpräsentation im Großen Hörsaal des Gebäudes Bahnhofstraße 7 in Marburg
statt.
Die Philipps-Universität Marburg verleiht am Donnerstag, 2. November 2023
den Emil-von-Behring-Preis 2023 an die US-amerikanische Virenforscherin
Elizabeth Campbell. Nähere Angaben: <www.uni-
marburg.de/de/aktuelles/news/2
Weitere Informationen:
Verlagsseite zur Publikation: <www.wallstein-verlag.de/97838
von-behring-1854-1917.html>
