Sonderausstellung "Ötzi. Der Mann aus dem Eis" in Oldenburg eröffnet
An kaum einer Mumie wird so viel geforscht wie an der Eismumie Ötzi. Seit
ihrer Bergung in den Ötztaler Alpen im Jahr 1991 hat die Wissenschaft
zahlreiche Erkenntnisse über den Mann aus der Kupferzeit gewonnen – was er
trug, was er aß, welche Gebrechen er hatte und wie er zu Tode kam. Erst
kürzlich sind neue Untersuchungsergebnisse zu seinem möglichen Aussehen
veröffentlicht worden. Vom 11. November 2023 bis 26. Mai 2024 präsentiert
das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg in Kooperation mit dem
Neanderthal Museum Mettmann die Sonderausstellung „Ötzi. Der Mann aus dem
Eis“.
Die Ausstellung stellt das heutige Wissen rund um Ötzi, seine Lebensweise
und seine Todesumstände vor rund 5300 Jahren vor. Eine lebensgroße
Rekonstruktion von Ötzi und originalgetreue Repliken von seinen
Kleidungsstücken, Waffen und Werkzeugen geben Einblicke in die Materialien
und Handwerkstechniken zum Ende der Jungsteinzeit. Interaktive Stationen
laden zum spielerischen Eintauchen in Ötzis Lebenswelt ein. Originale
archäologische Funde aus der Sammlung des Landesmuseums Natur und Mensch
Oldenburg bieten Besucher:innen einen faszinierenden Einblick in die
Lebenswelt der Menschen, die zur Zeit des Gletschermanns Ötzi in
Nordwestdeutschland lebten, die Trichterbecherkultur.
Die Gletschermumie Ötzi wurde im Jahr 1991 in den Ötztaler Alpen in der
Nähe der italienisch-österreichischen Grenze entdeckt und ist mit ihrem
Alter von etwa 5300 Jahren eine der bedeutendsten archäologischen
Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Immer wieder erscheinen neue
Untersuchungsergebnisse, die das Wissen um seine Person und die Art und
Weise wie er lebte und starb schärfen. Die Ausstellung präsentiert anhand
einer lebensgroßen Rekonstruktion, wie Ötzi vermutlich ausgesehen haben
könnte. Detailgetreue Repliken von Kleidung und Ausrüstungsgegenständen
wie beispielsweise sein Mantel aus Ziegenleder, gefütterte Schuhe aus
Lindenbast, ein Kupferbeil oder ein Dolch mit Feuersteinklinge zeigen die
Materialvielfalt in Ötzis Ausrüstung und zeugen davon, wie gut er für das
Leben unter alpinen Bedingungen ausgestattet war. Die Gegenstände lassen
auf verschiedenste handwerkliche Techniken und Fertigkeiten schließen, die
zur Bewältigung des Alltags in der Steinzeit unerlässlich waren.
Interessante Details lassen weitere Rückschlüsse zu seinem Leben zu, z.B.
dass er seine Ausrüstung nicht alleine gefertigt hat: Der Pfeil in Ötzis
Ausrüstung wurde von einer linkshändigen Person hergestellt, obwohl Ötzi
selbst mutmaßlich Rechtshänder war. Seine Kleidung ist aus Leder und Fell
und wurde mit äußerst feinen Stichen genäht. An einigen Stellen wurden
grobe Reparaturen vorgenommen, die Ötzi womöglich selbst durchgeführt hat.
Neben solchen detaillierten Einblicken geben die interaktiven Stationen
zur Archäotechnik die Möglichkeit, am Beispiel von Ötzis Ausrüstung die
Handwerkstechniken selbst auszuprobieren: so z.B. eine Textiltechnik, das
Zwirnen, das Bearbeiten von Feuerstein mit einem Geweihstück, das
sogenannte Retuschieren oder das Bohren von Stein. Einen spielerischen
Zugang bietet auch eine Selfiestation mit Ötzi-Verkleidungstücken und
alpinem Panorama.
Einen besonderen Schwerpunkt widmet die Ausstellung dem, was über Ötzis
individuelle Lebens- und Todesumstände bekannt ist: An Ötzis Körper wurden
die bislang ältesten bekannten Tätowierungen entdeckt. Über 50
Tätowierungen in Form von Strichbündeln und Kreuzen befinden sich an
Stellen, an denen der Mann körperliche Verschleißerscheinungen hatte.
Schnittverletzungen an seinen Händen zeugen von einem Kampf, eine – erst
auf computertomographischen Aufnahmen zu erkennende – Pfeilspitze im
Brustkorb von einem gewaltsamen Tod.
Ötzis nordwestdeutsche Zeitgenossen
Highlight der Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch sind auch die
originalen archäologischen Funde aus der museumseigenen Sammlung. Sie
liefern Einblicke in die Lebensweise von Ötzis Zeitgenossen in
Nordwestdeutschland. Denn anders als Ötzis Heimat zeichnet sich das
niedersächsische Tiefland durch geringe Höhenunterschiede aus. Es wurde
während der Saalekaltzeit geformt und ist gekennzeichnet durch
nährstoffarme, sandige Böden, bekannt als die Geest. Um etwa 3300 bis 3100
Jahre vor unserer Zeitenwende waren die Menschen hier sesshaft, rodeten
Waldgebiete, betrieben Ackerbau und trieben ihre Viehherden in die Wälder.
Diese frühbäuerliche Lebensweise hatte Nordwestdeutschland erst
vergleichsweise spät erreicht. Die Trichterbecherkultur – benannt nach
einer charakteristischen keramischen Gefäßform – pflanzte Getreide, baute
Ölfrüchte wie Lein an und hielt Tiere. Reich verzierte Keramikgefäße, die
im Hauswerk hergestellt wurden, zeugen von den handwerklichen Fähigkeiten
der Menschen. Die Bestattungen aus dieser Zeit sind eindrucksvolle
Zeugnisse: Großsteingräber sind über weite Bereiche Europas verbreitet.
Allein in Niedersachsen haben sich ca. 450 Anlagen bis heute erhalten.
Diese Grabstätten enthielten Grabkammern für mehrere Verstorbene über
mehrere Generationen hinweg. Grabbeigaben wie Keramikgefäße, Steingeräte,
Bernsteinschmuck oder älteste Kupfergegenstände geben Einblicke in die
Lebensweise der Menschen und lassen Rückschlüsse auf die gesellschaftliche
Stellung der Toten zu.
Mit „Ötzi. Der Man aus dem Eis“ zeigt das Landesmuseum Natur und Mensch
Oldenburg eine Ausstellung, die sowohl mit den detaillierten Informationen
zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur bekannten Gletschermumie Ötzi
aufwarten kann, als auch mit originalen archäologischen Funden aus der
museumseigenen Sammlung. Gemeinsam mit den interaktiven Stationen bieten
sie vielfältige Zugänge für Erwachsene, Kinder und Familien zu den
Lebensumständen dieser Zeit.
Begleitprogramm
Öffentliche Führungen durch die Ausstellung werden regelmäßig über den
Ausstellungszeitraum angeboten. Die ersten geführten Rundgänge finden am
12. November um 11.15 Uhr, am 26.11.2023 um 15:00 Uhr und speziell für
Familien am 3.12.2023 um 11.15 Uhr statt. Wer noch tiefer eintauchen
möchte, kann sich in Workshops in die Zeit zurückversetzen und z.B. Gefäße
aus Birkenrinde nach Ötzi Art fertigen oder die steinzeitliche Technik des
Feuermachens erlernen. Weitere Infos zu Ausstellung und Begleitprogramm
sowie Informationen zu buchbaren Programmen für Schulklassen und
Erwachsene finden sich auf der Museumswebsite: www.naturundmensch.de
