Bedeutung der Prävention und Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen
Dr. Eva Schäffer, Kiel, wird am 9. November beim „Presidential Symposium“
den Aspekt der Prävention bei neurodegenerativen Erkrankungen beleuchten.
Denn unter gesundheitsökonomischen, aber auch unter ethischen Aspekten
wird die pharmakologische Therapie allein nicht ausreichen, um mit diesen
Erkrankungen als Gesellschaft umzugehen.
Die Primärprävention richtet sich prinzipiell an die Allgemeinbevölkerung,
die Sekundärprävention an Betroffene in der Frühphase, noch vor der
eigentlichen Diagnosestellung, und die Tertiärprävention an die bereits
Erkrankten. Das Ziel ist in allen Fällen, den künftigen Krankheitsverlauf
positiv zu beeinflussen und langfristig die Lebensqualität zu verbessern,
indem Beeinträchtigungen bzw. Behinderung vermieden, verlangsamt oder
möglichst lange hinausgezögert werden.
Parkinson-Prävention
Beispiel Parkinson: Der große Vorteil der begleitenden bzw. präventiven
Maßnahmen ist, dass Effekte für alle Erkrankungsphasen, die
asymptomatische, die prodromale und die manifeste Phase, nachweisbar sind.
Eine beeindruckende Datenlage gibt es zu den Aspekten Ernährung [1–4],
Schlaf [5, 6] sowie Training/körperliche Aktivität [7–10].
Eine Studie aus dem Jahr 2020 [11] analysierte 176 Publikationen zum Thema
körperliche Aktivität als Intervention bei der Parkinson-Krankheit. Im
Ergebnis konnten für mehrere Sportarten positive Auswirkungen auf das
Risiko und die Symptome der Parkinson-Krankheit gezeigt werden. Dazu
gehören Laufen, Tanzen, traditionelle chinesische Kampfsportarten, Yoga
und Krafttraining. Die körperliche Aktivität verbesserte insgesamt die
motorische Leistungsfähigkeit, einschließlich Kraft, Gleichgewicht und
Flexibilität. Außerdem wurden positive Effekte auf die nicht motorischen
Symptome (wie z.B. autonome Dysfunktion und Depressionen) gezeigt. Die
Erhebung untersuchte auch, wie es zu der protektiven Wirkung von Sport
kommt.
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Exkurs: Auf welchen pathophysiologischen Mechanismen beruht die präventive
Wirkung von Sport?
Auf molekularer Ebene werden die positiven Effekte von Sport durch
verschiedene Mechanismen vermittelt – teilweise abhängig von der
Intensität der durchgeführten Aktivitäten. So kann bereits leichte
körperliche Aktivität Inflammation und oxidativen Stress reduzieren und
die Funktion der Mitochondrien, d.h. den Energiestoffwechsel der Zellen,
verbessern. Diese positiven Effekte sind v. a. in der Muskulatur, dem
Herzen und im Blut (Konzentration inflammatorischer Zytokine und
Blutfluss) nachweisbar; klinisch kam es in den Studien u. a. zu einer
besseren Regulation autonomer Funktionen (d.h. Zusammenspiel von
sympathischem und parasympathischem Nervensystem) und einer besseren
Schlafqualität.
Moderate bis intensive körperliche Aktivität führt über die Herz- und
Muskelfunktion hinaus zu positiven Effekten im Gehirn – es kam in den
Studien zur Verbesserung von kognitiven Beeinträchtigungen und
Depressionen. Biochemische und histopathologische Effekte waren eine
Reduzierung der α-Synuclein-Ansammlungen, Modulation der neuronalen
Autophagie und verminderte Nervenzellverluste. Auch die Expression von
BDNF („brain-derived neurotrophic factor“) wurde gesteigert. Dieser
neurotrophe Faktor ist ein Protein, das bei der Entwicklung und
Ausdifferenzierung sowie der Regenerationsfähigkeit von Nervenzellen eine
Rolle spielt und die synaptische Plastizität bzw. die kognitiven
Funktionen (z. B. Gedächtnis) verbessert.
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Demenz-Prävention
Prävention spielt auch bei Demenz-Erkrankungen eine große Rolle. Insgesamt
könnten 35 % aller Demenzen durch den Lebensstil und die Korrektur
verschiedener Risikofaktoren verhindert werden. Neben zu wenig Bewegung
und „schlechter“ Ernährung sind das die Abnahme der Hörfähigkeit,
Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen, Diabetes mellitus, Depression und
geringer sozialer Kontakt. Bereits früh im Leben scheint die Bildung
Einfluss zu nehmen, in den mittleren Lebensjahren dann die Abnahme der
Hörfähigkeit, Bluthochdruck, Fettleibigkeit, später dann Rauchen,
körperliche Inaktivität, Diabetes mellitus, Depression [12].
Im Hinblick auf die Ernährung wird die MIND-Diät, eine Kombination aus
mediterraner Diät und der DASH-Diät, empfohlen. Letztere ist eine salz-
und fettarme Kost, die speziell für Bluthochdruck-Betroffene entwickelt
wurde. Beobachtungsstudien deuteten auf einen positiven Effekt für die
Hirngesundheit [2]. Ähnlich vitamin-, ballaststoff- und polyphenolhaltig
wie die MIND-Diät ist die in Skandinavien entwickelte Nordische Diät, die
den Ernährungsgewohnheiten und dem Sortiment in nordischen Ländern und
Bundesländern entgegenkommt und für die ebenfalls positive Effekte auf
wesentliche Krankheitsmechanismen neurodegenerativer Erkrankungen
beschrieben sind [13].
Früherkennung von großer Bedeutung
Beide Erkrankungen, Alzheimer wie Parkinson, entstehen viele Jahre, bevor
die typischen klinischen Symptome zutage treten. Das ist wertvolle Zeit,
die für Präventionsmaßnahmen genutzt werden kann. Somit gewinnen die
Primär- und die Sekundärprävention durch die immer besser werdenden
Möglichkeiten der Früherkennung an Bedeutung. „Aus ethischer Sicht ist die
Beratung von Menschen in der Prodromalphase, für die noch keine
Medikamente zur Verfügung stehen, zu Präventionsmöglichkeiten besonders
relevant. Sie ist eine zunehmend wichtige Aufgabe von Neurologinnen und
Neurologen“, erklärt Dr. Schäffer.
Noch liegen keine „einfachen Bluttest“ zur Frühdiagnose von Alzheimer oder
Parkinson vor, aber die Forschung arbeitet auf Hochtouren daran.
Federführend in Deutschland ist auf dem Gebiet der Parkinson-Früherkennung
die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Daniela Berg von der Christian-Albrechts-
Universität in Kiel (CAU). Im Juni letzten Jahres berichteten
Mitarbeiterinnen der Gruppe in Zusammenarbeit mit der Biochemie in Kiel in
der Zeitschrift „Brain“ über einen großen Forschungserfolg. Es war
erstmals gelungen, in Patientenblut sogenannte α-Synuclein-Seeds in
neuronalen Vesikeln nachzuweisen [14]. Neuronale Vesikel sind von
Nervenzellen abgeschnürte kleinste Bläschen, die vom Gehirn ins Blut
abgegeben werden. Auf dieser Grundlage wurde der Nachweis von
fehlgefaltetem α-Synuclein aus Blut entwickelt. Aktuell werden
Bestätigungsstudien und die weitere Entwicklung des Tests vorangebracht.
Ist die Entwicklung abgeschlossen, müssen weitere klinische Prüfungen
erfolgen. „Es ist wichtig, dass alle Tests vor dem routinemäßigen Einsatz
in der Klinik zunächst an großen Kohorten evaluiert werden, um die
Sicherheit im Hinblick auf die Diagnosestellung nachzuweisen. Denn gerade
bei schwerwiegenden Erkrankungen ist die Zuverlässigkeit eines Bluttests
von größter Bedeutung“, erklärt Dr. Schäffer.
Im Bereich der Alzheimer-Früherkennung ist der Nachweis der veränderten
Proteine im Blut möglich und wird derzeit weiterentwickelt. Nach Ansicht
der Expertin ist es somit nur noch eine Frage der Zeit, bis
Früherkennungsbluttests für Parkinson und Alzheimer auch in der Routine
vorliegen.
[1] Kujawska M, Jodynis-Liebert J. Polyphenols in Parkinson’s disease: a
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[11] Fan B, Jabeen R, Bo B, Guo C, Han M, Zhang H, Cen J, Ji X, Wei J.
What and How Can Physical Activity Prevention Function on Parkinson's
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