Sandabbau in Kambodscha: Legal, aber ungerecht
Mother Nature Cambodia, Preisträger des diesjährigen Right Livelihood
Awards, will den übermäßigen Sandabbau in Kambodscha stoppen. Welche
sozio-ökologischen Folgen dieser hat, erklärt Robert John.
Seit 2012 engagiert sich die soziale Bewegung Mother Nature Cambodia für
mehr Umweltgerechtigkeit und Demokratie in Kambodscha. Die
Preisträger*innen des Right Livelihood Awards 2023, auch Alternativer
Nobelpreis genannt, kämpfen unter anderem gegen den massiven Sandabbau in
ihrem Heimatland.
„Der Bauboom sowie umfangreiche Landverfüllungsprojekte sorgen in
Kambodscha dafür, dass der Binnenmarkt stetig mehr Bausand nachfragt.
Allein die Hauptstadt Phnom Penh verbraucht jährlich rund 106 Millionen
Tonnen Sand. Zum Vergleich: Der Bedarf in Deutschland liegt insgesamt bei
rund 80 Millionen Tonnen pro Jahr“, sagt Robert John. Der Akademische
Mitarbeiter am Institut für Geographie der Universität Freiburg promoviert
zum Sandmarkt in Kambodscha. Sein Fokus: der Zusammenhang zwischen
Sandhandel, Umweltgerechtigkeitsfragen und der Machtarchitektur des
autoritär geführten Staates. Im Rahmen seiner Forschung arbeitet John seit
2016 mit Mother Nature Cambodia zusammen.
Verlust von Heimat, Land und Leben
Um die enorme Nachfrage zu decken, fördere die Baubranche im Mekong
Flusssand jenseits der Lizenzvereinbarungen, sagt John. „Der Sand in
Kambodscha ist im Vergleich zu anderen Ländern sehr günstig. Zudem eignet
sich der Flusssand aufgrund seiner Beschaffenheit besser zum Bauen als
Wüsten- oder Küstensand.“
Indem die Industrie im Mekong mehr Sand abbaue als dieser transportiere,
überschreite die Sandindustrie regelmäßig natürliche Grenzen, sagt John.
Er ergänzt, dass sowohl Schäden an Ökosystemen als auch der Verlust von
Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort in Kauf genommen würden: „Durch die
steigende Fließgeschwindigkeit des Flusses kommt es zu massiven Erosionen.
In besonders schlimm betroffenen Gemeinden brechen bis zu 43 Meter Land am
Flussufer jährlich ab und das Wasser schwemmt Häuser sowie angrenzende
Straßen und Anbauflächen weg. Staatliche Kompensationszahlungen gäbe es
keine, da die Regierung die Landverluste entlang der Flüsse als natürliche
Erosionsprozesse einstufe. Auch Förderfirmen, die häufig näher als erlaubt
am Ufer arbeiteten und Fördermengen überschritten, würden keine
finanziellen Entschädigungen leisten. Zu den materiellen Verlusten kämen
negative Folgen auf ökologischer Ebene – etwa der sinkenden
Grundwasserspiegel, die mindere Wasserqualität, rückläufige Fischbestände
und Vegetation.
Abbau und Verwendung gleichermaßen problematisch
Kambodscha nutze den Flusssand mittlerweile primär für eigene Bauvorhaben,
wie Landerweiterungsprojekte und den Bau von Immobilien. Allen voran in
Phnom Penh würden Feuchtgebiete für Satellitenstädte zerstört, wobei deren
ökologische Funktionen verloren gingen. „Somit hat nicht nur der Abbau von
Flusssand, sondern auch dessen spätere Verwendung gravierende sozio-
ökologische Folgen“, erklärt der Wissenschaftler. Durch die Verfüllung
seien die Anbauflächen von Gemüse vor Ort, die 20 Prozent des städtischen
Bedarfs gedeckt haben, zerstört worden. Das Abwasser der Stadt, zuvor
ausschließlich durch die Feuchtgebiete natürlich gereinigt, fließe nun
dreckig in den Mekong. Gleichzeitig führe die Verfüllung dazu, dass Häuser
ärmerer Bevölkerungsschichten auf niedrig liegenden Flächen häufig
überflutet würden – aufgrund der zerstörten Filterfunktion der
Feuchtgebiete nun mit verschmutztem Wasser, da noch nicht ausreichend
Kläranlagen gebaut wurden.
