Tag gegen häusliche Gewalt (25.11.2023): „Viele wünschen sich im Nachhinein, es hätte jemand gefragt“
Die Zahl der zur Anzeige gebrachten Fälle von häuslicher Gewalt steigt.
Das liegt auch an der größer werdenden gesellschaftlichen Aufmerksamkeit.
Gut geschultes medizinisches Personal kann als in der Regel erste
Anlaufstelle für Opfer einen wichtigen Beitrag leisten, dass sie sich
offenbaren. Bettina Pfleiderer ist Ärztin am UKM (Universitätsklinikum
Münster). Die Expertin für geschlechtersensible Medizin und ehemalige
Welt-Ärztinnenbund-Präsidentin leitet als Professorin der Universität
Münster auch das auf drei Jahre angelegte europaweite Opferschutzprojekt
VIPROM (Victim Protection in Medicine), das Beschäftigte in der Medizin
sensibilisieren soll, mögliche Opfer zu erkennen.
Frau Prof. Pfleiderer, Menschen die von häuslicher Gewalt betroffene sind
bleiben bei der medizinischen Vorstellung ihrer Verletzungen manchmal
unerkannt, zumindest aber schweigen sie zur wahren Herkunft ihrer
Verletzungen. Welche Rolle kommt da dem medizinischen Personal zu?
Wir haben durch Interviews mit den in der Medizin Beschäftigten
festgestellt, dass bei ihnen oft nicht ausreichend Kenntnisse zu möglichen
Hinweisen für häusliche Gewalt vorhanden sind. Das führt zu Unsicherheit
und man traut sich in der Folge oft nicht, nach Misshandlungen zuhause zu
fragen. Ziel unseres europaweiten Projekts VIPROM ist es, die Lehrpläne
für den medizinischen Sektor so zu erweitern, dass die Beschäftigten
sicher sind, Patientinnen und Patienten nach häuslicher Gewalt zu fragen.
Das geht im arbeitsverdichteten Alltag oft unter, dass man einen Verdacht
anspricht, auch weil es für beide Seiten mit Scham oder auch Hilflosigkeit
behaftet sein kann.
Worauf müssen Beschäftigte des Medizinsektors bei einem Anfangsverdacht
von häuslicher Gewalt denn konkret achten?
Dazu müsst man zunächst einmal wissen, welche Formen und Hinweise von
häuslicher Gewalt es gibt. Da geht es zum Beispiel um die typischen
Verletzungsmuster, aber auch um auffälliges Verhalten. Und dann, wenn ich
dieses Wissen habe, muss ich genau hinsehen. In der Gynäkologie und
Geburtshilfe sehen wir andere Hinweise als in der chirurgischen
Notaufnahme. Wenn man die roten Flaggen bei der Anamnese oder Behandlung
erkennt, ist schon viel gewonnen – dann muss man sich nur noch zu fragen
trauen.
In welchen medizinischen Disziplinen werden denn potentielle betroffene
von häuslicher Gewalt zuerst vorstellig?
Es gibt natürlich „Hot-Spots“ wie die Notaufnahme, wo körperliche
Verletzungen durch Misshandlungen zuerst eintreffen. Außerdem die
Geburtshilfe, denn es ist bekannt, dass Gewalt im häuslichen Umfeld in
vielen Fällen durch eine Schwangerschaft entweder erstmals ausgelöst wird
oder bestehende Gewalt eskaliert. Es gibt also bestimmte Risikosituationen
für Frauen. Aber auch Männer können von häuslicher Gewalt betroffen sein.
Wenn Kinder Gewalt erleiden, kommen diese mit Verletzungen in die
pädiatrische Notaufnahme. Da ist der Blick auf die typischen
Verletzungsmuster glücklicherweise im Sinne des Kinderschutzes schon
länger geschärft. Aber auch Depressionen als Folge der Gewalt können
auftreten; seelische Verletzungen können so schlimm wie körperliche sein.
Letzten Endes sehen wir in der Medizin Betroffene in jeder Fachdisziplin.
Was sind besondere Verdachtsmomente, wenn sich eine Patientin oder ein
Patient mit auffälligen Verletzungen in der Klinik vorstellt?
Ein wichtiges Verdachtsmoment ist, wenn das Verletzungsmuster
offensichtlich nicht zu dem passt, was der oder die Betroffene zur
Entstehung der Verletzungen erzählt. Auch eine wichtige Beobachtung ist
es, wenn eine Begleitperson mit in die Klinik kommt und dann dort für die
Patientin oder den Patienten antwortet. Wenn diese nicht gerade bewusstlos
sind, dann ist das eine absolut rote Flagge – da sollte man sehr hellhörig
werden.
Wie könnte eine gute Reaktion auf solch ein Verhalten aussehen?
Am besten isoliert man die Begleitperson erst einmal räumlich von dem
Patienten oder der Patientin. Man muss dringend eine Situation schaffen,
in der man mit dem Patienten oder der Patientin alleine sprechen kann.
Wenn häusliche Gewalt auf Nachfrage verneint wird, muss man das allerdings
als medizinisches Personal unbedingt respektieren. Das ist für mich eine
ganz wichtige Botschaft: Man darf von Gewalt Betroffene nicht gegen ihren
Willen etwas aufzwingen. Diese brauchen im Schnitt fünf bis sieben
Anläufe, bevor sie überhaupt etwas sagen. Jede Nachfrage eröffnet einen
Weg dorthin. Wichtig ist, in die Dokumentation mitaufzunehmen, dass man
nachgefragt hat. Viele betroffene Personen von häuslicher Gewalt sagen im
Nachhinein: Ich wünschte, es hätte jemand gefragt.
Warum ist eine gerichtsfeste medizinische Dokumentation so wichtig?
Es kann Jahre nach dem ersten Auftreten von Gewalt passieren, dass dann
irgendein Auslöser dazu führt, dass der oder die Betroffene endlich zur
Polizei geht und Gewalt anzeigt. Allerdings passiert das nur in
geschätzten zehn Prozent der Fälle überhaupt. Ersthelfer nach häuslicher
Gewalt sind dagegen Beschäftigte aus der medizinischen Versorgung. Wenn
dann die Ersthelfenden ihren Verdacht medizinisch richtig dokumentieren,
kann das vor Gericht später ein wertvoller Baustein für den Beweis von
Gewalt sein, der dann in vielen Fällen auch herangezogen wird.
