Gegen Leerstand und Landflucht: Wie soziale Innovationen ländliche Regionen stärken können
► Wissenschaft und Praxis bringen Bürger*innen zusammen, um Ideenreichtum
für ländliche Herausforderungen sichtbar zu machen
► Erste Veranstaltungen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt zeigen: Soziale
Innovationen können Kommunen handlungs- und zukunftsfähiger machen
► Bürgermeister von Lauchhammer, Brandenburg, sieht soziales Engagement
als wichtige Zukunftsressource
Berlin, 28. November 2023 – Weit entfernte Supermärkte und Arztpraxen,
Wegzug, Leerstand und demografischer Wandel: Viele ländliche Gemeinden
sorgen sich um ihre Zukunft. Um ihre Kommunen lebenswerter zu machen,
engagieren sich Bewohner*innen auch selbst: etwa in selbstorganisierten
Veranstaltungszentren, regionalen Lebensmittelläden, gemeinschaftlichen
Werkstätten oder Seniorencafés. Diesen Ideenreichtum sichtbar zu machen,
hat sich das Forschungsprojekt „WIRinREGIONEN“ vorgenommen. Wissenschaft
und Praxis untersuchen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg regionale
Netzwerke und bestehende Initiativen. Ihr Ziel: ländliche Gemeinschaften
zu fördern und strukturelle Probleme anzugehen.
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte
Vorhaben bringt dafür Menschen vor Ort zusammen – zum Beispiel in
Erzählcafés. Erste Veranstaltungen, etwa im brandenburgischen Lauchhammer,
zeigen: Investitionen in ein Quartiersmanagement, das Begegnung auf
Augenhöhe ermöglicht, bieten einen Mehrwert für Zivilgesellschaft und
Politik. Im Projekt arbeiten das Institut für ökologische
Wirtschaftsforschung (IÖW) und die Brandenburgische Technische Universität
Cottbus-Senftenberg (BTU) gemeinsam mit den Vereinen Wertewandel, Netzwerk
Zukunftsorte, HeimatBEWEGEN und dem Bundesverband Soziokultur zusammen, um
der Politik Möglichkeiten aufzuzeigen, soziale Innovationen zu fördern.
Lebenswerte Kommunen statt Landflucht: Allianzen von Bürger*innen vor Ort
stärken
„Bewohner*innen ländlicher Kommunen sind, anders als oft dargestellt,
lokalen Herausforderungen nicht hilflos ausgesetzt“, so Sabine Hielscher,
Projektleiterin am IÖW. „Im Gegenteil: Sie sind aktiv und nutzen ihr
lokales Wissen, um das Zusammenleben zu verbessern. Daher will das Projekt
Allianzen schaffen und herausfinden, was Engagement fördert und hemmt. Die
ersten Begegnungen vor Ort mit Bürger*innen in Ballenstedt, Lübbenau und
Lauchhammer zeigen: Die öffentliche Stärkung und positives Feedback an die
Engagierten helfen ihnen, motiviert zu bleiben. Auch der Austausch
zwischen Bürger*innen, Stadt und Politik ist wichtig, um Ziele
abzugleichen“, berichtet die Expertin für soziale Innovationen.
Transformationen, die von der Gesellschaft angestoßen werden, sind ein
Grundbaustein für den Wandel in ländlichen Regionen. Um sinkenden
Bevölkerungszahlen entgegenzuwirken, rufen Bürger*innen selbstorganisierte
Projekte ins Leben. Gemeinwohlorientierte Formate wie etwa „DORV-Zentren“
zielen auf das Angebot von Dienstleistungen und ortsnaher
Rundumversorgung. Sie bieten neben Lebensmittel- und Kulturangeboten
insbesondere eine soziale Integrationskraft. Um herauszufinden, welchen
Mehrwert diese Praktiken schaffen und wie die Anforderungen und
Bedürfnisse vor Ort aussehen, lädt das Projekt die Anwohner*innen zu
Erzählcafés ein. Die Ergebnisse ermöglichen einen Wissenstransfer und
sollen in politische Handlungsempfehlungen münden. So soll aufgezeigt
werden, welche strukturellen
Veränderungen nötig sind, um Regionen resilient und zukunftsfähig zu
machen.
Wie Lauchhammer für regionale Herausforderungen fit gemacht werden kann
Immer mehr Kommunen fördern soziale Innovationen aus der Mitte der
Gesellschaft. So auch die Stadt Lauchhammer in Brandenburg. In einem
Erzählcafé diskutierten Anwohner*innen Ende Oktober, welche Ideen sie für
die Zukunft haben oder wie der Ort mit Veränderungen wie der Alterung der
Gesellschaft umgehen kann. Die Veranstaltung, moderiert durch Melanie
Jaeger-Erben von der BTU, zeigt: Viele Teilnehmende schätzen etwa das vor
Ort ansässige Mehrgenerationenhaus und wünschen sich noch mehr solcher
Treffpunkte, bei denen sie sich engagieren können. Die Bürger*innen gaben
auch Impulse für die Stadtentwicklung: sichere Fahrradwege und mehr
Spielplätze sind ihnen wichtig.
Der Bürgermeister von Lauchhammer Mirko Buhr nahm an dem Erzählcafé teil.
Er betont: „In den letzten zwei Jahren haben wir Voraussetzungen für eine
positive Entwicklung unserer Stadt geschaffen. Dazu zählen die
Installation eines Quartiersmanagements, die Bildung von Stadtteilgremien
und die Fusion der zwei großen Wohnungsgenossenschaften. Das versetzt uns
in die Lage, der Stadt neue Impulse zu geben und wir profitieren vom
sozialen Engagement der Bürger*innen als wichtige Zukunftsressource. Ich
denke, wir sind auf einem guten Weg.“
2022 beauftragte die Stadtverwaltung den Verein Wertewandel, im
Stadtzentrum das Quartiersmanagement zu betreiben. Anstatt
Herausforderungen durch vorgegebene Lösungsansätze anzugehen, will der
Verein die Eigenkräfte im Viertel fördern. Er richtete etwa das Erzählcafé
aus und initiiert Graffitiworkshops, Quartiersspaziergänge und
Pflanzentauschbörsen. „Das Quartiersmanagement hat die Aufgabe, Synergien
zwischen Bürger*innen, Verwaltung und Politik herzustellen. Wir initiieren
Beteiligungsprozesse und organisieren Veranstaltungen zur Belebung des
Quartiers. Dabei soll die Bevölkerung aktiviert und bei der Entwicklung
eigener Ideen unterstützt werden“, so die Soziologin Kira Sawicka vom
Verein Wertewandel.
Digitales Werkstattgespräch am 19. Januar 2024: Die Rolle sozialer
Innovationen für zukunftsfähige Regionen
Am 19. Januar 2024 lädt das Projekt von 10:00 bis 12:30 Uhr Initiativen,
Praxisakteure, Forschende und politisch Aktive zu einem Online-
Werkstattgespräch ein. Neben Inputs der Projektbeteiligten wird es eine
Fishbowl-Diskussion mit Impulsstatements geben. Unter den Teilnehmenden
sind etwa Stefanie Pötzsch, Staatssekretärin im Ministerium für
Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-
Anhalt und Philipp Hentschel vom Verein Netzwerk Zukunftsorte.
Das Programm finden Sie hier: <https://www.wir-in-regionen.d
termine>
Anmelden können Sie sich per E-Mail bei <
Über das Projekt
Das Projekt „Zusammenwirken in Regionen (WIRinREGIONEN). Neue
Gemeinschaftlichkeit und soziale Innovationen für zukunftsfähige Regionen“
setzt sich zum Ziel, Neuausrichtungen in der Innovationspolitik
anzustoßen. Es wird vom BMBF gefördert und ist Teil des Programms
REGION.innovativ in der Forschungsrunde „Regionale Faktoren für Innovation
und Wandel erforschen – Gesellschaftliche Innovationsfähigkeit stärken“.
Der Projektträger Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betreut
das Vorhaben.
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Weitere Informationen:
- Zum Projekt „Zusammenwirken in Regionen (WIRinREGIONEN). Neue
Gemeinschaftlichkeit und soziale Innovationen für zukunftsfähige
Regionen“: <https://www.wir-in-regionen.d
- Publikationen des Projekts: <https://www.wir-in-regionen.d
weiterlesen>
- Zur Stadt Lauchhammer: <https://www.lauchhammer.de/in
