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Abkopplung von China für deutsche Wirtschaft teuer, aber zu überstehen

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Bei einem abrupten Handelsstopp mit China würde Deutschlands Wirtschaft um
rund 5 Prozent einbrechen. Der Schock ist vergleichbar mit dem nach der
Finanzkrise oder der Corona-Krise. Das ergeben Simulationsrechnungen unter
Federführung des IfW Kiel. Mittel- bis langfristig pendelt sich der
Verlust auf jährlich rund 1,5 Prozent ein. Bei einem schrittweisen,
behutsamen Zurückfahren der Handelsbeziehungen würden die hohen
Anfangskosten vermieden.

„Der Handel mit China bringt uns Wohlstand und ist kurzfristig praktisch
nicht zu ersetzen. Ein Bruch hätte hohe Kosten für Deutschland, dennoch
besitzt unser Land gesamtwirtschaftlich genug Widerstandskraft, um selbst
solch ein extremes Szenario zu überstehen“, sagt Moritz Schularick,
Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel). Anlass ist die
Vorstellung einer neuen Analyse eines internationalen Forschungsteams
unter Federführung des IfW Kiel (Hinz et al.: „Was wäre wenn? Die
Auswirkungen einer harten Abkopplung von China auf die deutsche
Wirtschaft“ https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/was-waere-wenn-die-
auswirkungen-einer-harten-abkopplung-von-china-auf-die-deutsche-

wirtschaft-32325/?ADMCMD_simTime=1702533600). Die Ergebnisse der Studie
diskutieren wir heute Vormittag live in einem Online-Event, mehr
Informationen dazu am Ende der Meldung.

Methodisch orientieren sich die Berechnungen an der vieldiskutierten
Studie zur Abkoppelung Deutschlands von russischem Gas (https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/what-if-germany-is-cut-off-from-russian-
energy-25922/
), auf deren Grundlage einige der Autoren frühzeitig
vorausgesagt hatten, dass diese handhabbar sein würde.

Verfeindete Handelsblöcke: Wohlstandsverlust von bis zu 5 Prozent

In der aktuellen Analyse modelliert die Forschungsgruppe einen Zerfall der
Weltwirtschaft in verfeindete Handelsblöcke. Dabei stehen sich die
Europäische Union samt USA und G7-Staaten auf der einen und China mit
seinen Verbündeten, insbesondere Russland, auf der anderen Seite
gegenüber. Alle direkten Handelsbeziehungen zwischen den beiden Blöcken
werden gekappt. Außerdem gibt es noch eine Gruppe neutraler Staaten, etwa
Brasilien, Indonesien oder die Türkei, mit denen beide Blöcke weiterhin
Handel treiben.

Ein solcher Zerfall hätte für Deutschland erhebliche Wohlstandsverluste
zur Folge, wenn er abrupt eintritt und das Land unvorbereitet trifft
(Cold-Turkey-Szenario, übersetzt: kalter Entzug). Deutschlands
Wirtschaftsleistung bricht den Berechnungen zufolge dann im ersten Jahr um
bis zu 5 Prozent ein.

Mittel- bis langfristig, also nach 4 bis 5 Jahren, wenn sich die deutsche
Wirtschaft auf die neue Realität eingestellt und alternative
Handelsbeziehungen innerhalb ihrer Verbündeten und mit neutralen Staaten
organisiert hat, liegt der Wohlstandsverlust dauerhaft bei rund 1,5
Prozent jährlich.

Bestehende Handelsverbindungen mit China können nicht ad hoc kompensiert
werden

Verursacht werden die hohen Kosten für Deutschland also vor allem durch
die kurzfristigen Auswirkungen eines plötzlichen Handelsabbruchs, weil
bestehende Handelsverbindungen mit China ad hoc nicht kompensiert werden
können.

Die Autoren vergleichen den Handelsschock mit einem Szenario, bei dem die
deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen weiter unverändert intakt sind.

„Die deutsche Politik hat sich bei der Frage, ob sich Deutschland einen
Lieferstopp russischer Energie leisten kann, von Interessengruppen mit
überzogenen Warnungen verunsichern lassen. Unsere aktuellen Berechnungen
sollen der Politik im Umgang mit China wissenschaftliche Fakten als
Entscheidungsgrundlage liefern, wenn es etwa um die Frage geht, mit
welchen ökonomischen Maßnahmen Deutschland oder die EU etwa auf eine
Invasion Chinas in Taiwan reagieren soll oder kann“, so Schularick.

Ein schrittweises, behutsames Zurückfahren der Handelsbeziehungen zwischen
den westlichen Alliierten und China samt seinen Verbündeten bis hin zum
Handelsstopp nach 3 Jahren hätte auf lange Sicht denselben
Wohlstandsverlust wie der abrupte Handelsabbruch zur Folge, jährlich rund
1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung (Gradual-Decoupling-Szenario). Der
starke Wirtschaftseinbruch in den ersten Monaten und Jahren würde aber
vermieden, stattdessen entstünde der Wohlstandsverlust sukzessive.

Ein sogenanntes De-Risking-Szenario, in dem sich die deutsche Wirtschaft
nur teilweise von China löst, grundsätzlich aber die Handelsbeziehungen
aufrechterhält, würde mittel- bis langfristig Wohlstandseinbußen von
jährlich rund einem halben Prozent nach sich ziehen.

In Zwischenszenarien, bei denen die Handelsbeziehungen zwar abrupt enden,
Deutschland sich aber vorher in Teilen von China entkoppelt hat, fällt die
Wirtschaft auf den Pfad des Cold-Turkey-Szenarios zurück und folgt dann
dessen Anpassungspfad zum langfristigen Wohlstandsverlust von rund 1,5
Prozent. Der Einbruch nach dem Handelsschock ist dann also weit weniger
stark als im Ursprungsszenario.

In allen simulierten Szenarien sind die Kosten für China in Relation zur
Wirtschaftskraft deutlich, nämlich um rund 60 Prozent, höher als für
Deutschland.

Entkopplung von China politische Entscheidung

„Jede Entkopplung der deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen ist für
Deutschland mit Kosten verbunden. Die vergleichsweise geringen Kosten
einer teilweisen Entkopplung, oder Entkopplung nur in bestimmten Sektoren,
können als Versicherungsprämie gegen einen schmerzhaften
Wirtschaftseinbruch verstanden werden, der eintritt, wenn die Verflechtung
eng bleibt und abrupt endet“, so Julian Hinz, Handelsforscher und
Forschungsdirektor am IfW Kiel und federführender Autor der Studie.

„Ob und wie stark sich Deutschland vom Handel mit China lösen will, ist
eine politische Entscheidung. Sie ist vor allem mit der Frage verbunden,
ob die geoökonomische Verhandlungsposition des Westens bzw. Deutschlands
durch enge Handelsverbindungen mit China gestärkt oder geschwächt wird.“

Die Autoren betonen in ihrem Papier eine Reihe von Einschränkungen, die
der Natur von Modellrechnungen innewohnen. Die wichtigste ist, dass das
Ergebnis entscheidend von der Annahme beeinflusst wird, wie schnell
Deutschland neue Handelsverbindungen organisieren kann, wenn die alten
enden, also wie groß, ökonomisch gesprochen, die sogenannte
Handelselastizität ist. Die Autoren orientieren sich hier an der jüngsten
Literatur und verwenden die Elastizitäten eher konservativ, kalkulieren
die Kosten also am oberen Ende der Skala.

Außerdem erfassen die Modellrechnungen nicht alle konjunkturellen
Verstärkungseffekte. Die Autoren betonen aber, dass dies an den
grundsätzlichen Schlussfolgerungen der Studie nichts ändert.

Jetzt lesen: Hinz et al.: „Was wäre wenn? Die Auswirkungen einer harten
Abkopplung von China auf die deutsche Wirtschaft“ (https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/was-waere-wenn-die-auswirkungen-einer-harten-
abkopplung-von-china-auf-die-deutsche-

wirtschaft-32325/?ADMCMD_simTime=1702533600)

Hinweis: Wir werden die Ergebnisse der Studie heute Vormittag in einem
Online-Event diskutieren:

Was wäre, wenn? Die Auswirkungen einer harten Abkopplung von China auf die
deutsche Wirtschaft

Donnerstag, 14. Dezember 2023, 11 bis 12 Uhr via Zoom

Gesprächspartner
Moritz Schularick, IfW Kiel, Präsident
Mikko Huotari, MERICS, Direktor
Janka Oertel, European Council on Foreign Relations, Direktorin Asien-
Programm