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25 Jahre Lawinenwinter 1999

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Vor 25 Jahren befanden sich die Alpen im Ausnahmezustand. Enorme
Schneemassen führten verbreitet zu «sehr grosser Lawinengefahr», der
höchsten Gefahrenstufe. In der Folge ereigneten sich zahlreiche
Lawinenunfälle. Das SLF bietet zu diesem Thema mehrere Beiträge an.

Der schneereiche Winter 1998/99 führte zu zahlreichen Lawinenunfällen, in
der Schweiz und im gesamten Alpenraum. Was Mitarbeitende des SLF in dieser
Extremsituation erlebt und welche Erkenntnisse sie gewonnen haben.

Fünf bis acht Meter Neuschnee innerhalb von vier Wochen am Alpennordhang,
unterbrochene Strassen und Bahnlinien, abgeschnittene Ortschaften,
teilweise ohne Strom, Einheimische und hunderttausende Touristen sassen
fest – der Lawinenwinter 1999 jährt sich zum 25. Mal. Innerhalb eines
Monats richteten Lawinen allein hierzulande Schäden in Höhe von rund 600
Millionen Schweizer Franken an. 17 Menschen kamen allein in der Schweiz
ums Leben.

Auslöser war eine besondere Wettersituation. Gleich drei Mal kurz
hintereinander traten niederschlagsreiche Nordweststaulagen auf: vom 26.
bis 29. Januar, vom 5. bis 10. Februar und vom 17. bis 24. Februar. Sie
führten zu intensiven Schneefällen. Erstmals seit der Einführung 1993
herrschte die höchste Lawinenwarnstufe fünf («sehr gross») grossflächig
für mehrere Tage hintereinander.

Die Mitarbeitenden des SLF arbeiteten zum Teil täglich, auch an den
Wochenenden – so sie an ihren Arbeitsplatz kamen. Der heutige Leiter des
Lawinenwarndiensts Thomas Stucki übernachtete eigens bei einem Kollegen,
da die Strasse zu seinem Wohnort gesperrt war (siehe auch Interview mit
Thomas Stucki zum Lawinenwinter 1999). Permafrost-Expertin Marcia Phillips
war eine Woche lang im Ortsteil Monstein von der Aussenwelt abgeschnitten.
«Das war auch schön», sagt sie heute. Sie und einige ihrer damaligen
Kolleginnen und Kollegen erzählen hier von ihren Erlebnisse in diesem
Extremwinter, darunter SLF-Leiter Jürg Schweizer, der sich an eine teils
hektische und angespannte Stimmung erinnert.

Der Lawinenwinter 1999 in der Schweiz in Zahlen:
- Rund 1200 Schadenlawinen in den Schweizer Alpen
- 28 Verschüttete, von denen 17 nicht überlebten (ohne touristische
Unfälle)
- 131 verschüttete Schneesportlerinnen und Schneesportler, von denen 19
ums Leben kamen
- Sachschäden in Höhe von mehr als 600 Millionen Schweizer Franken
- Indirekte finanzielle Folgen für die Tourismusbranche vermutlich mehr
als 300 Millionen Schweizer Franken

Nach der dritten und letzten Niederschlagsperiode erkundeten mehrere
Mitarbeitende mit dem Helikopter das Ereignis und untersuchten einzelne
Lawinenniedergänge im Detail. So flogen Jürg Schweizer und Lukas Stoffel
nach Leukerbad, wo eine künstlich ausgelöste Lawine das halbe Dach eines
Mehrfamilienhauses weggerissen und eine Strasse verschüttet hatte. Danach
ging es weiter – und auf Bitten der Behörden zum Schneeprofil graben in
einem 35 Grad steilen Hang 1500 Meter oberhalb eines teilevakuierten
Dorfes. Ungefährlich war das nicht. «Da lagen drei bis vier Meter Schnee,
das war wirklich ein komisches Gefühl», erinnert sich Stoffel.
Letztendlich fanden die beiden keine Schwachschicht. «Aber dennoch, es war
schon so, entweder war die Evakuierung nicht angebracht, oder wir waren
tollkühn», sagt Schweizer rückblickend.

Die grossen Lawinenwinter in der Schweiz und ihre Folgen:
1887/88: mehr als 1000 Lawinen, erstmals werden Schäden dokumentiert
1951: rund 1300 Schadenlawinen, der Lawinenwarndienst wird ausgebaut, der
Stützverbau in Anrissgebieten wird forciert
1954: 325 Schadenlawinen, Lawinenmodelle entstehen
1968: besonders schwer traf es Davos, die Bedeutung von Gefahrenkarten
wird offensichtlich, deren Erarbeitung forciert
1999: rund 1200 Schadenlawinen, temporäre Schutzmassnahmen werden forciert
2018: rund 150 Schadenlawinen, es zeigt sich, dass sich die Kombination
von permanentem und temporärem Lawinenschutz bewährt

Marcia Phillips wurde nach Evolène geschickt, weil sie französisch
spricht. Dort war der folgenschwerste Lawinenniedergang in diesem Winter
in der Schweiz, der zwölf Menschen das Leben kostete, und das
drittschwerste des Landes im 20. Jahrhundert. Phillips kartierte die
Lawinen, nahm Schäden auf und fotografierte diese. «Die ganze Zeit über
wurde ich von Einheimischen zum Kaffee eingeladen, die Menschen wollten
von ihren Erlebnissen erzählen.»

Die Lawinenexperten waren auch international gefragt. Stefan Margreth,
heute Leiter der Forschungsgruppe Schutzmassnahmen, und der Geophysiker
Paul Föhn flogen im Auftrag des Landesgerichtes Innsbruck ins
österreichische Galtür, um das dortige Unglück zu untersuchen, das grösste
des Winters. Eine Lawine hatte den Dorfteil Winkl zerstört. 31 Personen
starben. Die Schneemassen waren in Bereiche vorgedrungen, die gemäss der
Gefahrenkarten als sicher galten. Die Justizbehörden stellten ihre
Verfahren ein.

Anders im Falle von Evolène. Das Walliser Kantonsgericht verurteilte den
Gemeindepräsidenten und den Sicherheitschef zu bedingten Gefängnisstrafen.
Erst 2006, sieben Jahre nach dem Unglück, wurden die Urteile
rechtskräftig. Der Beschluss verunsicherte zahlreiche Mitarbeitende der
Lawinendienste. Das SLF untersuchte eigens, ob tatsächlich Grund zur Sorge
besteht und kam zum Schluss, das Urteil verschärfe nicht die
Sorgfaltspflichten. «Zudem hat die Schweiz seit dem Lawinenwinter 1998/99
zahlreiche Massnahmen ergriffen, damit Lawinendienste in einer ähnlichen
Situation die Lage noch besser meistern können», sagt Jürg Schweizer als
Hauptautor der Analyse.

Der Lawinenwinter beschäftigte die Forschenden am SLF noch viele Jahre.
Zahlreiche Studien sowie ein rund 600 Seiten starkes Buch entstanden
(siehe unten). Aus den Analysen gingen zahlreiche neue Projekte und Ideen
für den Schutz vor Lawinen hervor. «Der Lawinenwinter 1999 hat vor allem
im Bereich der organisatorischen Massnahmen grosse Anstrengungen
ausgelöst», sagt Schweizer und verweist als Beispiel auf das
Interkantonale Frühwarn- und Kriseninformationssystem IFKIS, entwickelt
vom SLF und Vorläufer des heute verwendeten Systems SLFPro. Eine weitere
Erkenntnis war, dass Lawinen zu sprengen eine sinnvolle, kostengünstige
Alternative zu Lawinenverbauungen ist. Gleichzeitig wurde laut Margreth
aber auch die Bedeutung der Bauten klar: «Abschätzungen zeigen, dass im
Februar 1999 rund 300 Schadenlawinen durch deren Wirkung verhindert
wurden.»

«Die Dimension der Lawinen war beeindruckend»

Thomas Stucki leitet den Lawinenwarndienst am WSL-Institut für Schnee- und
Lawinenforschung SLF. Im Interview erinnert er sich an den Lawinenwinter
1998/99. Es war der dritte Winter als Lawinenwarner für den damals
31-Jährigen.

Herr Stucki, sind Sie und ihre Kollegen im Winter 1998/99 vor lauter
Schnee überhaupt noch an ihren Arbeitsplatz gekommen?

Für alle, die nah am Institut gewohnt haben, ging das gut. Ich selbst
wohnte etwas entfernt in Frauenkirch und hatte immer eine Tasche mit
Kleidern dabei für den Fall, dass die Straße geschlossen werden könnte. An
einem frühen Morgen, ich war noch zu Hause, hatte mich der Leiter des
Gemeinde-Lawinendienstes Davos angerufen, um sich mit mir über die
Lawinensituation auszutauschen und dann gesagt, er würde jetzt die Straße
nach Frauenkirch schließen. Ich habe mich darauf schleunigst auf den Weg
ans SLF gemacht und für ein paar Tage bei einem Kollegen übernachtet.

Konnten Sie denn noch wie gewohnt arbeiten?

Im Grundsatz ja – wir gaben aber zusätzliche Lawinenbulletins heraus und
brauchten mehr Leute, z.B. um die vielen Anfragen zu beantworten. Zudem
mussten die vielen gemeldeten Lawinen, die bis in die Talsohlen abgingen,
festgehalten werden. Schneedeckeninformation gab es eher weniger als
sonst, weil der Aktionsradius der Beobachter stark eingeschränkt war. Es
gab ja dann schlussendlich gebietsweise fünf bis acht Meter Neuschnee. Das
sind gewaltige Mengen. Und es war gefährlich. Seit der Einführung der
fünfteiligen europäischen Gefahrenstufenskala im Jahr 1993 war es das
erste Mal, dass wir die Stufe fünf großflächig und über längere Zeit
benutzt hatten. Ausserordentlich war auch, dass wir am Ende der dritten
Periode Erkundungsflüge mit Helikoptern gemacht hatten. Davon habe ich
schon noch ein paar sehr eindrückliche Bilder im Kopf.

Welche?

Die Dimension der Lawinen war beeindruckend, und die häufig eingeschneiten
Lawinenverbauungen – gut hat es nicht noch mehr Schnee gegeben. Und dass
teilweise das Gelände etwas anders aussah als sonst, weil da eben so viel
Neu- und Triebschnee lag.

Wie funktionierte der Lawinenwarndienst damals?

Wir hatten ein und zwei Winter zuvor einiges neu eingeführt: Ein
dreiköpfiges Bulletinteam, Bulletinausgabe um 17 Uhr als Prognose für 24
Stunden, erste regionale Lawinenbulletins für gewisse Gebiete morgens um
acht Uhr zur räumlichen und zeitlichen Verdichtung der Information, und
wir hatten ein neues, gemeinsames Produkt mit Meteo Schweiz, die
Frühwarnung für Schnee und Lawinengefahr. Wir hatten wohl Computer-Tools
zur Darstellung der Daten in der Datenbank, haben aber viel mit Papier und
Farbstift gearbeitet. Viele Informationen kamen per Fax rein. Zum
Informationsaustausch haben wir häufig mit regionalen Lawinendiensten
telefoniert.

Die Telefonleitung hat demnach funktioniert.

Ja, schon. Auch Mobiltelefone gab es schon, es waren aber keine
Smartphones. Da kommt mir noch etwas in den Sinn: Im Haus des Kollegen,
bei dem ich übernachtet hatte, gab es gerade einen Ort, an dem
Handyempfang war, und da lag das Pikett-Telefon dann auch immer – heute
kaum mehr vorstellbar.

Und wenn der nächste Lawinenwinter kommt?

Wenn eine solche Situation heute eintreten würde, dann wäre es bestimmt
wieder eine Herausforderung, weil wir mit ausserordentlichen, seltenen
Lawinenlagen grundsätzlich wenig Erfahrung haben. Aber ich bin überzeugt,
dass wir diese meistern würden.