Expertise rettet Leben - DDG fordert Verbesserungen in der stationären Diabetesversorgung
„Der Klinikaufenthalt wird für Diabetespatient*innen zunehmend
gefährlich“, so die Bilanz von Expert*innen auf der heutigen
Jahrespressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin.
Betroffene sollten sich daher an DDG-zertifizierte Kliniken wenden, die
ein hohes Maß an Diabetes-Expertise und Versorgungssicherheit aufweisen.
Um Zertifizierungen zu fördern und Kliniken Anreize zu geben, eine
entsprechende Expertise vorzuhalten, muss die Krankenhausreform eine
adäquate Finanzierung und Förderung der Fort- und Weiterbildung im Bereich
der Diabetologie ermöglichen. Das sei bislang nicht ausreichend
berücksichtigt.
Selbst für erfahrenes diabetologisches Fachpersonal stellt die Behandlung
insbesondere von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes Typ 1 eine
Herausforderung dar. „Ihre ständig schwankende Stoffwechsellage aufgrund
ihres Wachstums bedarf einer hochprofessionellen, interdisziplinären
Betreuung – das gilt für die ambulante aber auch für die stationäre
Versorgung“, erklärt Dr. med. Silvia Müther, Fachärztin für Kinder- und
Jugendmedizin und Leiterin des Diabeteszentrums für Kinder und Jugendliche
an den DRK Kliniken Berlin Westend auf der Jahrespressekonferenz der DDG
in Berlin. Sie verweist dabei auf die aktuell angepasste S3-Leitlinie, die
auf internationalem Expertenkonsens beruht.2 Eine weitere Herausforderung
stellen die neuen Diabetestechnologien dar, die die Behandlung und
Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen zwar deutlich verbessert
hätten, jedoch auch immer mehr technische Expertise voraussetzen.
Mit diesen Veränderungen kann das Personal in vielen Krankenhäusern neben
dem Alltagsgeschäft kaum Schritt halten. „Klinken in Deutschland sind
nicht ausreichend auf diese Situation vorbereitet. Nur etwa jede 6. Klinik
weist eine adäquate Diabetesexpertise auf“, kritisiert Professor Dr. med.
Baptist Gallwitz, Vorstandsmitglied und Pressesprecher der DDG. „Fehlende
Diabeteskompetenz kann zu Behandlungsfehlern und Todesfällen führen“, sind
sich Müther und Gallwitz einig. Diabetes-Zertifizierungen wiederum sorgen
für mehr Patientensicherheit: „Eine spezialisierte Betreuung trägt
nachweislich zu einer Senkung der Krankenhaustage und -wiederaufnahmen,
einem niedrigeren HbA1c-Wert bei besserem Krankheitsmanagement und zu
weniger Folgekomplikationen bei“, weiß Gallwitz.
Anschauliche Beispiele liefert Norbert Kuster, Vorsitzender des
Landesverbands NRW e. V. in der Deutschen Diabetes-Hilfe – Menschen mit
Diabetes (DDH-M) in einem Einspieler auf der Pressekonferenz: „Wir merken,
dass in Kliniken mit Zertifizierung die Versorgung wesentlich besser ist
als in Häusern ohne Zertifizierung“. So berichtet er über ein Mitglied der
DDH-M, dem bei einer akuten Unterzuckerung in der Klinik Insulin gespritzt
werden sollte – eine lebensgefährliche Situation.
Qualität muss transparent sein – und finanziert werden!
Nicht nur Patientinnen und Patienten profitieren von einer hochwertigen
Behandlung in professionalisierten Diabeteszentren. Auch für die
Mitarbeitenden und die Einrichtung selbst bietet eine Zertifizierung
Benefits. „Wenn geregelte Fort- und Weiterbildungen, Hospitationen und
regelmäßige Besprechungen feste Bestandteile der Arbeit werden, sind die
Mitarbeitenden sicherer in der Behandlung von Menschen mit Diabetes und
ihre Zufriedenheit steigt“, sagt Professorin Dr. univ. Julia Szendrödi,
Vizepräsidentin der DDG und Ärztliche Direktorin der Klinik für
Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie
des Universitätsklinikums Heidelberg. Dies fördere auch den Zusammenhalt
des Teams und erhöhe die Arbeitgeber-Attraktivität des jeweiligen
Krankenhauses, das zugleich eine bessere Reputation und Außenwirkung
erhalte, so die Expertin.
„Im Zuge des Krankenhaustransparenzgesetzes
Krankenhausreform, könnte dies eine entscheidende Komponente der
Selbstdarstellung darstellen“, führt die Heidelberger Diabetologin aus.
„Zertifizierungen spielen schon jetzt eine entscheidende Rolle für
Kliniken, um sich fachlich hervorzuheben und werden voraussichtlich noch
entscheidender sein, wenn es nach Inkrafttreten des Transparenzgesetzes
darum geht, Patientinnen und Patienten durch eine qualitativ hochwertige
Behandlung für sich zu gewinnen und ihr Standing in der
Krankenhauslandschaft zu behaupten.“
Doch das müsse auch finanziert und gesundheitspolitisch gefördert werden,
so die Expertinnen und Experten auf der Pressekonferenz. „Damit sich die
Mitarbeitenden in den Krankenhäusern die notwendige Expertise aneignen
können, müssen ausreichende finanzielle Mittel bereitgestellt werden“,
gibt Gallwitz zu Bedenken. Um also auch im Bereich der Diabetologie eine
flächendeckende leitliniengerechte Versorgung gewährleisten zu können,
müssten drei wichtige Punkte in die politische Agenda miteinfließen:
3-Punkte-Plan für eine sichere Diabetesversorgung
1. Strukturierte Diabetes-Erkennung und -Versorgung in allen
Krankenhäusern!
2. Vulnerable Gruppen schützen! Kinder sowie multimorbide ältere Menschen
mit einem Diabetes brauchen besondere Pflege und zeit-intensive ärztliche
Betreuung.
3. Versorgungsqualität muss finanziert werden! Krankenhäuser mit
Diabetesbehandlungsstrukturen sollten finanzielle Zuschläge erhalten.
Einrichtungen ohne diabetologische Expertise finanzielle Abschläge.
Originalpublikation:
1 Hess G, Weber D, Kellerer M, Fritsche A, Kaltheuner M. Erfahrungen von
Diabetes Typ 1 Patienten bei stationären Behandlungen - eine
Patientenbefragung von winDiab. Diabetologie und Stoffwechsel 2023
2 S3-Leitlinie, Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes
mellitus im Kindes- und Jugendalter
(https://register.awmf.org/de/
