Tödliche Holzfallen des römischen Militärs erstmals im Originalzustand zu sehen
Nach dem erfolgreichen Abschluss archäologischer
Forschungskampagnen zu zwei römischen Militärlagern bei Bad Ems sind die
Funde und Befunde am 26. Februrar 2024 in Mainz der Öffentlichkeit
präsentiert worden. Zum ersten Mal ist es den Forschenden gelungen,
angespitzte Holzpfähle aus einem römischen Verteidigungsgraben (1. Jh. n.
Chr.) nahezu unbeschadet zu bergen. Bislang war diese Wehrtechnik und
potenziell tödliche Falle für Angreifende nur durch schriftliche Quellen
bekannt: Nun konnten solche Pfähle erstmals archäologisch geborgen und in
den spezialisierten Restaurierungslaboren des Leibniz-Zentrums für
Archäologie (LEIZA) untersucht werden.
„Im inneren Spitzgraben des Kleinkastells haben wir die angespitzten
Holzpfähle in einem Verteidigungssystem gefunden. Bemerkenswert ist, dass
die Funde in ihrem ursprünglichen funktionalen Konstruktionskontext
erhalten geblieben sind. Die außergewöhnlich gute Erhaltung der
Holzobjekte und die sehr gut erhaltenen und geborgenen Stoffreste aus
dieser Zeit sind vor allem der dauerhaften Staunässe zu verdanken. Solche
Annäherungshindernisse wurden bereits von antiken Autoren wie Caesar
beschrieben, aber erstmals gelang hier im gesamten Römischen Reich der
archäologische Nachweis solcher pila fossata“, so beschreibt der
Archäologe Prof. Dr. Markus Scholz von der Goethe-Universität Frankfurt
a.M. die Fundsituation.
Eine kleine Sensation für die Archäologie
Die 23 Holzfunde sind 2019 für die nächsten 2,5 Jahre den spezialisierten
Laboren des LEIZA zur Konservierung und Restaurierung überlassen worden.
„Diese ungewöhnlich gut erhaltenen archäologischen Funde verdanken wir vor
allem dem sauerstoffarmen Feuchtboden, der von dichten Sedimentschichten
bedeckt war. In meiner 35-jährigen Berufstätigkeit hatte ich es noch nie
mit so festaufsitzenden Sedimentauflagen zu tun, “ beschreibt Markus
Wittköpper, Experte für Nassholzkonservierung im LEIZA, seinen ersten
Eindruck. Die Generaldirektorin des LEIZA Univ.-Prof. Dr. Alexandra W.
Busch ergänzt: „Diese auf den ersten Blick unscheinbaren Holzpfähle aus
den Militärlagern bei Bad Ems sind für die Archäologie eine kleine
Sensation, über die sich die Spezialistin für das römische Militär in mir
besonders freut. So bin ich auch persönlich sehr stolz darüber, dass die
Labore zur Restaurierung und Konservierung am LEIZA wieder einmal ihre
einzigartige Expertise einbringen konnten, um die Holzfunde dauerhaft zu
erhalten.“
Mehrere Hektar große römische Militärlager mit Platz für über 3000 Mann
Die Spuren der zwei römischer Militärlager, die für wenige Jahre um die
Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. besetzt waren, sind im Rahmen des drei
Jahre laufenden wissenschaftlichen Projekts zwischen 2017 und 2019
aufgedeckt worden. Die Auswertungen konnten 2023 abgeschlossen werden. Mit
hoher Wahrscheinlichkeit stehen die Lager in Zusammenhang mit der Suche
nach Silberadern unter dem römischen Statthalter Curtius Rufus, die durch
den römischen Historiker Tacitus überliefert wurde. Das größere der beiden
Lager, mit einer Fläche von etwa 8 Hektar, bot Platz für 3000 Mann. Es war
mit Spitzgräben, einem Erdwall und hölzernen Türmen befestigt. Diese
Entdeckung wurde erst im Jahr 2016 durch den ehrenamtlichen Denkmalpfleger
Jürgen Eigenbrod gemacht.
Bislang galt das Areal im Wald auf dem „Blöskopf“ aufgrund seiner Lage
oberhalb der Bad Emser Silberbergwerke und in der Nachbarschaft
historischer Abbauspuren (Pingenfelder) seit dem 19. Jahrhundert als
römisches Hüttenwerk. Aufgrund seiner Nähe zum Limes wurde es in das 2.
bis 3. Jahrhundert datiert. Nach den Prospektionen und Ausgrabungen
zwischen 2018 bis 2019 fanden die Forschenden heraus, dass es sich um ein
ca. 0,1 Hektar großes Kleinkastell handelt, welches um 50 n. Chr. offenbar
der Kontrolle eines römischen Bergbaureviers diente. Im Inneren dieses
Kleinkastells befindet sich einer der zweitältesten Steinbauten rechts des
Rheins, der als zentraler Wehrbau in der Anlage identifiziert werden
konnte.
Gebündelte Expertise verschafft fundierten Blick in die Zeit des Römischen
Reichs
Dr. Heike Otto, Generaldirektorin Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz freut
sich: „Es ist selten, dass ein so fundierter Blick in die Zeit des
Römischen Reiches möglich wird. Ich möchte allen an diesem Projekt
beteiligten Expertinnen und Experten aus zahlreichen Disziplinen herzlich
danken und die Publikation zum Thema wärmstens empfehlen.“ Das Buch „Die
frühkaiserzeitlichen Militäranlagen bei Bad Ems im Kontext des römischen
Bergbaus“ präsentiert die Ergebnisse der mehrjährigen
Forschungskooperation zwischen der Generaldirektion Kulturelles Erbe
Rheinland-Pfalz, der Goethe-Universität Frankfurt a. M., der Gesellschaft
für Archäologie an Mittelrhein und Mosel, der Friedrich-Alexander-
Universität Erlangen, der HTW Berlin und dem Leibniz-Zentrum für
Archäologie in Mainz.
