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Bio-Milchviehhaltung: Lösungen für das Kälberproblem

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Studie der Uni Hohenheim: Wissen über Zusammenhang zwischen Milch und
Geburt von Kälbern in Bevölkerung schwach ausgeprägt / Qualitätsmerkmal:
rotes Kalbfleisch

Wissensvermittlung, Förderung der Nachfrage und Unterstützung durch die
Politik – dies sind nach Erkenntnissen der Universität Hohenheim in
Stuttgart nur einige Ansätze, um das sogenannte Kälberproblem zu lösen.
Denn die zunehmende Produktion von Bio-Milch führt dazu, dass immer mehr
Bio-Kälber geboren werden. Ein Zusammenhang, der vielen Menschen gar nicht
bewusst ist, so das Ergebnis einer Untersuchung der Universität. Noch
weniger verbreitet ist jedoch das Wissen, dass für diese Bio-Kälber so gut
wie kein Markt existiert. Die Folge: Die Tiere werden größtenteils an
konventionell arbeitende Betriebe verkauft. Zusammen mit der Hochschule
für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), haben Hohenheimer
Forschende im Projekt „WertKalb“ Lösungen für dieses Kälberproblem
erarbeitet.

Die Zunahme der Milchproduktion führt dazu, dass immer mehr Kälber geboren
werden. Denn um kontinuierlich Milch zu geben, müssen Kühe einmal im Jahr
ein Kalb zur Welt bringen. „Diese Kälber erfahren weder unter ethischen
noch ökonomischen Aspekten eine Wertschätzung“, bedauert Prof. Dr. Mizeck
Chagunda vom Fachgebiet Tierhaltung und Tierzüchtung in den Tropen und
Subtropen an der Universität Hohenheim.

Vor allem männliche, aber auch überzählige weibliche Jungtiere, die nicht
zum Erhalt des Bestandes an Milchkühen benötigt werden, werden im Alter
von wenigen Wochen verkauft und nach Norddeutschland oder ins Ausland
transportiert, um dort gemästet zu werden. In besonderem Maß trifft dies
auf ökologisch wirtschaftende Milchviehbetriebe zu: Aktuell werden auf
Bio-Betrieben in Baden-Württemberg jährlich über 22.000 überzählige Kälber
geboren.

Für die Tiere bedeutet dies nicht nur lange Transporte, sie verlassen in
der Regel auch die regionale Bio-Wertschöpfungskette, da sie meist an
konventionell arbeitende Mastbetriebe verkauft werden. Sowohl für Bio-
Landwirt:innen als auch für Menschen, die Bio-Produkte kaufen, eine
unbefriedigende Situation.

Suche nach Lösungsansätzen: Alle müssen an einem Strang ziehen

Nach den Erkenntnissen der Forschenden liegt die Hauptursache in der
Spezialisierung der Milchviehbetriebe: „Sie hat zu einer Entkopplung des
riesigen Milchmarkts und des vergleichsweise winzigen Fleischmarkts
geführt: Die Nachfrage nach Bio-Milch ist ungleich höher als nach Bio-
Kalb- und -Rindfleisch“, erklärt Josephine Gresham, Koordinatorin der
Projektes „Innovative Strategien für eine ethische Wertschöpfung der
Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung“, kurz „WertKalb“.

Doch wie kann dieses Problem gelöst werden? Gemeinsam mit Bio-
Landwirt:innen, Bio-Verbänden, Erzeuger- und Absatzgemeinschaften und
einzelnen Fachleuten entwickelten Forschende der Universität Hohenheim und
der HfWU Strategien entlang der gesamten Wertschöpfungskette der
Milchviehhaltung – angefangen bei der Tierzüchtung über die Tierhaltung
bis zur Vermarktung.

„So ein Vorhaben kann nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen und
bereit sind, konstruktiv zusammen zu arbeiten“, betont Projektleiter Prof.
Dr. Chagunda. Insgesamt beteiligten sich 21 Betriebe und Organisationen an
dem Verbundprojekt. Der Fokus lag dabei auf den Bio-Musterregionen
Ravensburg, Biberach, Hohenlohe und Freiburg.

Maßnahmen-Katalog

Die Forschenden erarbeiteten einen ganzen Katalog an Maßnahmen. Angefangen
bei Wegen, erst gar nicht so viele Kälber zu erzeugen: „Wenn in rund 13
Prozent der baden-württembergischen Betriebe die Zeit zwischen den
einzelnen Geburten nur um drei Monate erhöht würde, so kämen circa sieben
Prozent weniger Kälber auf die Welt, ohne dass die Milchleistung
wesentlich verringert wird“, so Josephine Gresham. Dies ließe sich noch
steigern: „Es könnten sogar 14 Prozent weniger sein, würde die Zeit um
sechs Monate erhöht.“

Es folgen Ansätze, um die Mast interessanter zu machen. Dies können unter
anderem Zweinutzungsrassen sein, die sowohl Milch als auch Fleisch
liefern, aber auch sogenannte Gebrauchs- oder Kreuzungszüchtungen, bei
denen die Kälber schneller an Gewicht zunehmen und eine bessere
Fleischqualität aufweisen. Eine stressfreie Schlachtung im
Herkunftsbetrieb verbessert die Fleischqualität zusätzlich. Zum
Maßnahmenkatalog: https://oekolandbauforschung-bw.uni-
hohenheim.de/wertkalb_hintergrund

Jeder Betrieb muss eigenen Weg finden – Politik gefordert

„Es kann jedoch nicht eine Strategie für alle Betriebe geben, sondern
jeder landwirtschaftliche Betrieb muss individuell eine für sich passende
Strategie entwickeln“, fasst Josephine Gresham zusammen. „Auch die Politik
ist gefordert, sinnvolle und für Landwirt:innen einhaltbare
Rahmenbedingungen zu setzen, die Spielraum für die individuellen
Gegebenheiten des betreffenden Betriebs lassen.“

Problematik in der Bevölkerung weitgehend unbekannt

Ein entscheidender Punkt bei allen Maßnahmen sind jedoch die
Verbraucher:innen: Nur wenn sie das Fleisch kaufen und konsumieren, können
sich die Aufzucht der Kälber und weitere Investitionen für die
Landwirt:innen lohnen. Information und Aufklärungsarbeit sind nach
Erkenntnissen der Forschenden ein wichtiger Schlüssel dazu.

Denn eine für Süddeutschland repräsentative Online-Umfrage unter 918
Teilnehmenden brachte überraschende Ergebnisse: Zwar wussten 63 Prozent
der Befragten, dass Kuh und Kalb oft unmittelbar nach der Geburt
voneinander getrennt und junge Kälber häufig über lange Strecken
transportiert werden.

Jedoch sind Label, wie zum Beispiel „Zeit zu zweit – für Kuh + Kalb“, die
für Produkte vergeben werden, bei denen die Kälber die ersten Lebensmonate
bei der Mutter verbringen, weitgehend unbekannt. Auch andere Praktiken,
das Problem des geringen Marktwertes der überschüssigen Bio-
Milchviehkälber sowie die geringe Nachfrage nach Bio-Rindfleisch kannten
nur sechs Prozent der Teilnehmenden.

„Vielen Menschen scheint der Zusammenhang zwischen Milch und Rind- bzw.
Kalbfleisch nicht bewusst zu sein“, sagt Studienautorin Mareike Herrler
vom Fachgebiet Angewandte Ernährungspsychologie der Universität Hohenheim.
„Eventuell verdrängen sie diese Tatsache aber auch, um Schuldgefühle beim
Kauf von Milchprodukten zu vermeiden.“

Tierwohl wichtig – Geschmack und Geld noch wichtiger

Denn die meisten Menschen sorgen sich um das Wohlergehen von Milchkälbern
und empfinden Mitgefühl für diese Tiere. So ist das Tierwohl eines der
wichtigsten Motive für den Kauf von Bio-Lebensmitteln: „Vor allem
Personen, die sich der Probleme in der Tierhaltung bewusst sind, kaufen
häufiger Bio-Milch und -Milchprodukte – möglicherweise in dem Glauben,
damit einen Beitrag zum Tierwohl zu leisten“, so Mareike Herrler.

„Tatsächlich ist den Menschen der Geschmack der Produkte jedoch noch
wichtiger und sie müssen sich die meist teureren Produkte auch leisten
können“, fasst die Expertin ein anderes Ergebnis ihrer Studie zusammen. So
konsumierten Befragte mit einem höheren Haushaltsnettoeinkommen sowohl
Bio-Lebensmittel insgesamt als auch Bio-Milch und -Molkereiprodukte
häufiger.

Wissen vermitteln – Nachfrage fördern

Gezielte Informationen über die Problematik und zu möglichen Lösungen
fördert die Kaufbereitschaft für ethisch hergestellte Milch- und
Fleischprodukte: „Die Menschen sind durchaus gewillt, ihren Teil zum
Tierwohl beizutragen. Aber sie brauchen Anreize und die richtige Form der
Informationen“, erklärt Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop vom Fachgebiet
Angewandte Ernährungspsychologie.

So erwartet die Kundschaft bei Kalbfleisch beispielsweise vor allem
helles, zartes Fleisch. Doch qualitativ hochwertiges Fleisch von Kälbern,
die nach geltenden Tierwohlstandards aufgezogen werden, ist deutlich rot
gefärbt. „Hier muss darauf hingewiesen werden, dass rotes Kalbfleisch
sogar ein Qualitätsmerkmal ist“, sagt Prof. Dr. Chagunda, „denn es enthält
mehr ungesättigte Fettsäuren und besitzt eine wertvollere Proteinstruktur
als helles Fleisch.“

Einen guten Ansatzpunkt die Nachfrage nach Bio-Kalbfleisch zu erhöhen
sehen die Forschenden in der Betriebsgastronomie, wie beispielsweise in
Kantinen, Mensen und Cafeterien. Hier bietet sich die Möglichkeit, bereits
verarbeitete Gerichte aus Bio-Kalbfleisch zu probieren und sich
gleichzeitig zu informieren. In einem Pilotversuch wurde das Angebot gut
angenommen und die Kantinenleitung will auch in Zukunft Bio-Produkte
bevorzugt anbieten. „Trotzdem ist es wichtig, dass das Fleisch auch im
Supermarkt um die Ecke zu finden ist“, unterstreicht Mareike Herrler.

HINTERGRUND: Projekt WertKalb – Innovative Strategien für eine ethische
Wertschöpfung der Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung

WertKalb ist eines von vier Projekten im Forschungsprogramm Ökologischer
Landbau, das die Landesregierung von Baden-Württemberg ins Leben gerufen
und finanziell gefördert hat. Koordiniert wird das Programm vom
Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau an der Universität Hohenheim.

Ziel des Projektes war es, Antworten auf die drängende Frage zu liefern,
wie eine tierethisch vertretbare, nachhaltige und den Prinzipien des
ökologischen Landbaus konforme Entwicklung der Branche gestaltet werden
kann. Somit trägt das Projekt zur Verringerung des Kälberproblems bei und
unterstützt sowohl die Weiterentwicklung und Stärkung des ökologischen
Landbaus als auch die landwirtschaftliche und gesellschaftliche
Transformation in Richtung Nachhaltigkeit und verstärktem Bio-Konsum.