CARUS – Geschichte und Zukunft eines visionären Forschungsprojekts
In seinem neuen Buch „The Internet of Animals“ erzählt Martin Wikelski die
Geschichte von ICARUS – einem internationalen Großprojekt zur
wissenschaftlichen Beobachtung von Tierverhalten aus dem Weltraum. Das
Buch zeigt außerdem, wie wir Menschen von Tieren lernen können, unsere
Lebensgrundlagen zu erhalten.
Der Grundgedanke ist so logisch wie einleuchtend: Um das individuelle und
kollektive Handeln von Tieren zu verstehen, von ihnen zu lernen und ihre
zuverlässigsten Entscheidungsprinzipien gar für uns zu nutzen, reicht es
nicht aus, einzelne Tiere räumlich und zeitlich begrenzt zu beobachten.
Vielmehr muss in vielerlei Hinsicht groß gedacht werden – über
Lebensdauern, Art- und Ländergrenzen hinweg und manchmal sogar bis ins
Weltall.
Diese Erkenntnis war 2001 die Geburtsstunde von ICARUS, der „International
Cooperation for Animal Research Using Space“. Doch es sollte fast 20 Jahre
dauern, bis im September 2020 mit ICARUS tatsächlich ein weltraumbasiertes
Tierbeobachtungssystem den wissenschaftlichen Betrieb aufnahm – als
gemeinsames Projekt des Max-Planck-Instituts (MPI) für Verhaltensbiologie
und der Universität Konstanz in Kooperation mit der russischen
Raumfahrtbehörde Roskosmos und dem Deutschen Zentrum für Luft- und
Raumfahrt (DLR). Zu verdanken ist dies dem Engagement Martin Wikelskis,
der das Projekt initiierte und unermüdlich vorantrieb. Er ist
geschäftsführender Direktor des MPI für Verhaltensbiologie und
Honorarprofessor an der Universität Konstanz.
Forschungsanekdoten aus erster Hand
In einem erzählerischen Sachbuch beschreibt Wikelski nun die Geschichte
des ICARUS-Projekts, das als große Vision einer Handvoll befreundeter
Forschender in einem kleinen Dorf in Panama seinen Ursprung nahm und
inzwischen Realität ist. In „The Internet of Animals: Was wir von der
Schwarmintelligenz des Lebens lernen können“ berichtet er aus erster Hand
über die Ursprünge und Entstehung des Projekts sowie den Durchbruch für
die Verhaltensforschung, den der Start von ICARUS bedeutete. Zusätzlich
vermittelt das Buch auf leichtverständliche Art überraschende Fakten über
verschiedenste Tiere, von denen wir bisher glaubten, sie gut zu kennen.
So legt Wikelski in dem Buch unter anderem dar, wie Landvögel über
Hunderte von Kilometern Ozeane überwinden, welch enorme Distanzen Bienen
zurücklegen, um Blütenstaub zu transportieren, und ob Elefanten einen
nahenden Tsunami erkennen. Er schildert faszinierende Erlebnisse rund um
den Globus mit Libellen und Füchsen, Seelöwen, Meerechsen, Walhaien und
Nashörnern und zeigt, wie uns Wissen über das Verhalten von Tieren dabei
helfen kann, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten.
„Dieses Buch ist meine Art, die uns abhandengekommene Verbindung zur
Tierwelt und dem darin enthaltenen Wissen wiederzubeleben“, so Wikelski.
„Wir alle haben unsere Erfahrungen mit Tieren – seien es Haustiere oder
andere Tiere. Indem ich wissenschaftliche Erkenntnisse und diese
alltäglichen Erfahrungen zusammenbringe, möchte ich zeigen, wie nahe
unsere beiden Welten beieinanderliegen und wie viel wir von Tieren lernen
könnten, wenn wir nur zuhören würden – bzw. könnten.“
Internationale Zusammenarbeit in herausfordernden Zeiten
Auch die Geschichte von ICARUS selbst bleibt spannend – denn ein
internationales Kooperationsprojekt dieser Größenordnung ist nicht nur
schwer auf die Beine zu stellen, es unterliegt auch den Entwicklungen des
politischen Weltgeschehens. So übermittelten nach dem Start des ICARUS-
Projekts im Jahr 2020 leichte, an Tieren angebrachte Sensoren ihre Daten
zunächst an eine Antenne und Computer auf dem russischen Modul der
Internationalen Raumstation ISS, bevor sie von dort zu den Forschenden
gelangten. Diese Zusammenarbeit mit Roskosmos ermöglichte es, das
Verhalten und die Wanderungen von Tausenden von Tieren auf der ganzen Welt
zu beobachten – sogar an schwer zugänglichen Orten wie über Ozeanen, in
Wüsten und in Regenwäldern. Als jedoch im März 2022 der russische Krieg
gegen die Ukraine begann, musste die Partnerschaft zwischen der deutschen
und der russischen Raumfahrtbehörde eingestellt werden – das unerwartete,
zwischenzeitliche Aus für ICARUS.
Doch die Erfolgsgeschichte von ICARUS wird fortgeschrieben: Das Projekt
wird auf Basis von Satelliten anstelle der ISS weitergeführt. Die gesamte
Technik eines neuen Empfängersystems konnte auf einem kleinen Satelliten –
einem sogenannten CubeSat – untergebracht werden. Bereits im Juni 2023
startete ein solcher CubeSat von Kalifornien aus ins All. Mit ihm wird das
ICARUS-Team in den nächsten Monaten wichtige Tests durchführen. 2025 soll
dann mit dem neuen Empfängersystem die zweite ICARUS-Generation gestartet
werden. Das Ziel: ein „Internet der Tiere“ etablieren, das Auskunft
darüber gibt, wie sich Ökosysteme und das Klima verändern und wie die
Tiere auf diese Veränderungen reagieren – um aus diesem riesigen Schatz an
Informationen zu lernen.
„Migration im Tierreich ist weniger durch genetische Veranlagung bestimmt
als durch erlerntes Wissen. Wie Insekten, Raubkatzen oder Meeressäuger
sich bewegen, untereinander kommunizieren und agieren, hat das Potenzial,
die Zukunft unseres Planeten zu verändern“, so Wikelski. Er ist überzeugt:
Dank des „Internets der Tiere“ werden wir in der Lage sein, besser mit dem
Klimawandel umzugehen, uns vor Naturkatastrophen zu schützen oder den
Wildtierhandel sowie die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen – und
somit nicht nur den Artenschutz, sondern unser aller Leben auf der Erde zu
verbessern.
Faktenübersicht:
- Neues erzählerisches Sachbuch von Martin Wikelski über die Geschichte
des ICARUS-Projekts
- Titel: The Internet of Animals. Was wir von der Schwarmintelligenz des
Lebens lernen können
- Verlag (deutsche Ausgabe): Piper Verlag (EAN: 978-3-89029-561-9)
- Erscheinungsdatum: 29. Februar 2024
- 2025 soll mithilfe von Satelliten der wissenschaftliche Betrieb der
zweiten ICARUS-Generation starten.
- Das neue ICARUS-System wird von der Max-Planck-Gesellschaft gefördert.
Gebaut wird es von TALOS und neosat. Die Weltraum-Mission 2025 von ICARUS
wird in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum SPACE der Universität der
Bundeswehr München (UniBW) und dem Münchner Startup OroraTech
durchgeführt.
- Martin Wikelski ist Direktor am Max-Planck-Institut für
Verhaltensbiologie und Honorarprofessor an der Universität Konstanz. 2021
erhielt er den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg – unter anderem
für seine Verdienste um die Wissenschaftskommunikation.
- Am 20. März 2024 wird Wikelski ab 19:00 Uhr in der Buchhandlung Osiander
Konstanz (Kanzleistraße 5, 78462 Konstanz-Altstadt) eine Lesung halten.
