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Expertin: „Nachhaltige Ernährung wird an Bedeutung gewinnen“ – Gedanken zum Tag der gesunden Ernährung am 7. März

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Vegetarisch oder fleischlastig? Nachhaltig oder nicht? Der Ernährungsstil
spielt in unserer Gesellschaft eine wachsende Rolle. Vor allem für junge
Menschen ist eine gesunde Lebensweise – meist angeregt durch Social Media
– heute wichtiger denn je. Anlässlich des Tags der gesunden Ernährung am
7. März spricht Dr. Juliane Heydenreich, Professorin für experimentelle
Sporternährung an der Universität Leipzig, über Ernährungstrends, die
Gefahren von Nahrungsergänzungsmitteln und ihr Ziel, die Sporternährung
als eigenständige wissenschaftliche Disziplin in Deutschland zu
etablieren.

Frau Heydenreich, Sie sind deutschlandweit die erste Professorin für
Experimentelle Sporternährung. Welche Ziele haben Sie sich für Ihr junges
Forschungsgebiet gesetzt?

Die Sporternährung ist in der Sportwissenschaft international sehr
etabliert, aber leider bisher im deutschsprachigen Raum
unterrepräsentiert. Das möchte ich ändern. Ich forsche unter anderem zu
gesunder Ernährung im Leistungssport, wie Sportlerinnen und Sportler
unterstützt werden können, damit sie gesund bleiben und leistungsfähig
sind. Ein anderer Forschungsbereich ist Public Health. Ich forsche daran,
wie Bewegung und Ernährung mit bestimmten Gesundheitsparametern
zusammenhängen.

Am 7. März ist der Tag der gesunden Ernährung. Welche Rolle spielt sie in
unserer Gesellschaft?

Das erste Alarmsignal kam vor etwa 20 bis 30 Jahren. Damals wurde
festgestellt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche adipös sind, mit
allen bekannten Folgeerkrankungen. Das wurde damals als gesellschaftliches
Problem erkannt. Es gab erste Interventionen, aber mit den Gegenmaßnahmen
wurde zunächst wenig erreicht. Die Zahlen sind nicht mehr weiter
gestiegen. Allerdings befanden sie sich auf einem hohen Level. Erst in den
vergangenen fünf Jahren gab es parlamentarische Signale, um diesem Trend
zu begegnen. Gerade auf Social Media spielen heute Fitness und Ernährung
eine große Rolle. Das beeinflusst vor allem Kinder und Jugendliche extrem.
Es ist aber unklar, ob diese Ernährungstipps immer gesund sind. Mein
persönlicher Eindruck ist, dass insbesondere Kinder, Jugendliche und junge
Erwachsene heute mehr Interesse an gesunder Ernährung haben als noch vor
einigen Jahren. Sie sind offener als Ältere, ihr Verhalten zu ändern. Auch
der soziale Status, das Arm-Reich-Gefälle, der Bildungsgrad und die
Tatsache, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land wohnt, beeinflussen die
Ernährungsweise. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat zehn
evidenzbasierte Regeln für vollwertiges Essen und Trinken herausgebracht,
die ich sehr empfehle. Das ist umso wichtiger, weil die Kompetenz,
Lebensmittel zuzubereiten, in unserer Gesellschaft immer geringer wird und
stattdessen häufiger Fertiggerichte gegessen werden.

Ist eine fleischlose Ernährung tatsächlich gesund oder fehlen dem Körper
dadurch wichtige Substanzen?

Der Verzicht auf Fleisch und Fisch, also eine vegetarische
Ernährungsweise, wird auch von der DGE für alle empfohlen. Es kommt
allerdings immer darauf an, sich dabei ausgewogen zu ernähren. Kindern,
Jugendlichen, Schwangeren und Erkrankten rät die DGE dagegen von einer
rein veganen Ernährung, also dem Verzicht auf tierische Produkte jeder
Art, ab. Sie wird nur für gesunde Erwachsene empfohlen. Egal, ob vegan
oder vegetarisch – jeder sollte sich immer ausgewogen ernähren und sich
mehr Gedanken darüber machen, was er isst. Klar sollte sein, dass es auch
viel veganes Junk-Food gibt. Und jeder Verzicht auf einzelne
Lebensmittel(gruppen) erhöht immer das Risiko, dass ich in ein Defizit
komme.

Wie hat sich generell die Einstellung der Deutschen zum Thema Ernährung
gewandelt?

Für Jüngere spielt die Nachhaltigkeit eine extreme Rolle. Dazu gehört auch
eine nachhaltige Ernährung. Auch deshalb verzichten sie häufig auf
tierische Produkte. Laut Planetary Health Diet sollte die Ernährung aus
einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel wie Gemüse, Obst,
Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte sowie pflanzliche Öle bestehen. Die
Zufuhr von tierischen Produkten wie Milch-Produkte, Eier, Fleisch und
Fisch sollte ebenso stark eingeschränkt werden wie die Zufuhr von Zucker.
Es sollte darauf geachtet werden, regionale, saisonale und ökologische
Lebensmittel zu verwenden. Zudem müsste die Lebensmittelverschwendung
halbiert werden.
Das Thema vegetarische und vegane Ernährung ist auf jeden Fall bei
Jüngeren auf dem Vormarsch. Einer Umfrage zufolge ernähren sich 10,4
Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen vegetarisch und 2,3
Prozent vegan. Es gibt in Supermärkten viel mehr vegetarische und vegane
Lebensmittel als früher. Diese Produkte sind nicht immer gesünder, aber
die Industrie erzielt damit große Gewinne. Für ältere Menschen ist die
Ernährungsumstellung oft schwieriger. Meist geschieht das erst nach
einschneidenden Ereignissen wie beispielsweise einer Erkrankung.

Stichwort Nahrungsergänzungsmittel – wie sinnvoll sind sie tatsächlich?

Es gibt einige Szenarien, in denen es durchaus angebracht ist,
Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Menschen, die sich vegan ernähren,
sollten zusätzlich das Vitamin B12 zu sich nehmen. Auch wenn im Blutbild
ein Mangel festgestellt wurde, sollte man diesen durch Einnahme eines
Zusatzstoffes beseitigen. Weiterhin empfiehlt die DGE eine Vitamin D
Supplementierung in den Wintermonaten. Eine pauschale Einnahme aller
anderen Nahrungsergänzungsmittel sehe ich skeptisch. Oftmals ist der
Körper mit der Aufnahme der hochkonzentrierten Nährstoffe überfordert und
scheidet sie gleich wieder aus. Es besteht auch das Risiko, dass bestimmte
Nahrungsergänzungsmittel die Zusammensetzung der Darmmikroben verändern.
Weiterhin ist das Risiko einer Überdosierung von Mikronährstoffen erhöht.
Vielen ist gar nicht bewusst, dass bestimmte Vitamine in zu hoher
Konzentration längerfristig beispielsweise zu Vergiftungen der Leber
führen können. Nahrungsergänzungsmittel zählen nicht als Arznei-, sondern
als Lebensmittel. Die Hürden für ihre Zulassung sind sehr niedrig.
Manchmal enthalten sie Substanzen, die auf der Dopingliste stehen. Mein
Tipp: Nur bei vertrauenswürdigen Herstellern kaufen und auch nur die
Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, die ich wirklich brauche. Im Internet
ist zudem die sogenannte Kölner Liste mit Produkten zu finden, die ein
Dopinglabor auf Reinheit geprüft hat.

Wohin geht Ihrer Meinung nach der Ernährungstrend der Zukunft?

Eine nachhaltige Ernährungsweise wird an Bedeutung gewinnen. Die EAT-
Lancet-Kommission hat 2019 den Report Planetary Health Diet
veröffentlicht. Darin beschreiben Forschende ein theoretisches Modell, wie
eine nachhaltige und gesunde Ernährung für alle Menschen weltweit möglich
wäre. Es ist pflanzenbasiert, erlaubt aber auch in kleinen Mengen
tierische Produkte. Allerdings müssten die Menschen in den westlichen
Ländern dafür extrem ihre Ernährungsweise verändern, beispielsweise nur
noch ein Siebtel der Menge an rotem Fleisch konsumieren. Ich denke, dass
dieser Trend immer mehr ins Bewusstsein der Menschen kommt.

Hinweis:

Prof. Dr. Juliane Heydenreich ist eine von rund 200 Expert:innen der
Universität Leipzig, auf deren Fachwissen Sie in unserem Expert:innen-
Netzwerk zurückgreifen können.