Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft: Wandel durch Industrie 4.0
Für eine menschenorientierte Arbeits- und Organisationsgestaltung bedarf
es eines Verständnisses von Industrie 4.0, das sowohl die soziale als auch
die technische Dimension des Wandels umfasst. Unternehmen sollten
beispielsweise Weiterbildung und Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden
als strategische Aufgaben in den Fokus nehmen. Über diese und weitere
Herausforderungen sowie das Aufbrechen tradierter Rollen in den
Unternehmen spricht Hartmut Hirsch-Kreinsen im Interview. Er ist Mitglied
im von acatech koordinierten Forschungsbeirat Industrie 4.0 und Research
Fellow an der Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund.
Herr Hirsch-Kreinsen, für eine menschenorientierte Arbeits- und
Organisationsgestaltung bedarf es eines Verständnisses von Industrie 4.0,
das sowohl die soziale als auch die technische Dimension des Wandels
umfasst. Wo sehen Sie hier die entscheidenden Stellhebel?
Die allgemeine Auffassung der Arbeitsforschung ist seit langem, dass
digitalisierte Produktionsprozesse, eben auch Industrie 4.0, als
soziotechnische Systeme zu verstehen sind. Für eine menschenorientierte
bzw. qualifikationsorientierte Gestaltung von digitalisierten
Produktionsprozessen bedeutet dies, dass stets das Zusammenspiel digitaler
Technologien mit den dadurch induzierten personellen und organisatorischen
Veränderungen in den Blick zu nehmen ist. Anders formuliert, zentraler
Stellhebel ist, das Gesamtsystem der Produktion so zu gestalten, dass die
Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen berücksichtigt werden. Es
geht nicht nur darum, die Arbeitsorganisation oder ein technisches System
isoliert zu betrachten und zu gestalten, sondern vielmehr sicherzustellen,
dass sie gut aufeinander abgestimmt sind und im Kontext des gesamten
Produktionssystems wirksam werden.
Kompetenzentwicklung und Weiterbildung gelten angesichts der sich
beschleunigenden Digitalisierung auch in Zukunft als zentrale Bausteine,
den digitalen Wandel sozial und ökonomisch erfolgreich zu bewältigen. In
welchen Bereichen der Industrie 4.0 sehen Sie den größten Wandel der
Kompetenzanforderungen und wie können diese erfüllt werden?
Generelle Antworten sind hier schwierig, weil neue Kompetenzanforderungen
an die Mitarbeitenden je nach Funktion, Beschäftigungssegment,
Qualifikationsniveau und digitalen Systemen in unterschiedlicher Weise
auftreten und damit auch spezifische Maßnahmen erfordern. Je nach
Arbeitssituation sind hier stets valide Analysen und die Entwicklung
passgenauer Qualifizierungs- und Weiterbildungskonzepte erforderlich.
Freilich sind zwei häufig vernachlässigte Voraussetzungen hierfür
unabdingbar: Zum Ersten müssen Unternehmen Kompetenzentwicklung und
Weiterbildung als strategische Aufgaben ansehen. Zum Zweiten müssen die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ausreichenden Ressourcen und
motivierenden Bedingungen für effektive Qualifizierungsmaßnahmen
ausgestattet werden.
Eine erfolgreiche Einführung von Industrie 4.0 sowie der damit verbundenen
Geschäftsmodelle muss mit einem organisationalen Wandel einhergehen. Was
ist für Unternehmen im Vorfeld besonders zu berücksichtigen?
Wie auch vom Forschungsbeirat Industrie 4.0 in seinen Themenfeldern für
Forschung und Entwicklung betont, sind für eine erfolgreiche
Implementierung von Industrie 4.0 sowie der damit verbundenen
Geschäftsmodelle weitreichende unternehmensorganisatorische Anpassungen
notwendig, die von der Arbeits- bis zur Führungsebene reichen. Denn
Industrie 4.0 verändert die tradierten Rollen von Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, Führungskräften sowie Betriebsräten. Digitale Medien machen
Information und Wissen inner- und überbetrieblich transparenter und
Führungsfunktionen differenzieren sich auf verschiedenen Ebenen –
hierarchisch, horizontal, im Netzwerk etc.– aus. Insgesamt ist
festzuhalten, dass eine mangelnde Ausprägung von „Lessons Learned“, eine
fehlende adäquate Fehlerkultur sowie unzureichende Lösungen der
Wissensspeicherung und des Wissenstransfers in der Organisation, gerade
auch in global verteilten Wertschöpfungsketten, wesentliche Gründe
darstellen, warum viele Unternehmen nicht über den Prototypen-Status von
Industrie 4.0 hinauskommen. Es gilt nicht nur tradierte Denkweisen und
Prozesse zu überwinden, sondern durch geeignete Methoden des Change-
Managements einen Umbruch in Kultur und Organisationsstruktur von
Unternehmen herbeizuführen. Daher ist eine umfassende Neubewertung des
Führungsverständnisses sowie der Beteiligungsformen der Beschäftigten
unabdingbar.
Über den Forschungsbeirat Industrie 4.0:
Der Forschungsbeirat Industrie 4.0 trägt als strategisches und
unabhängiges Gremium wesentlich dazu bei, forschungsbasierte Lösungswege
für die Weiterentwicklung und Umsetzung von Industrie 4.0 aufzuzeigen und
somit Orientierung zu geben – mit dem übergeordneten Ziel, das deutsche
Innovationssystem und die Wertschöpfung zu stärken. Dafür kommen im
Forschungsbeirat aktuell 32 Vertreter*innen aus Wissenschaft und Industrie
mit ihrem interdisziplinären Expertenwissen zusammen, formulieren neue,
vorwettbewerblich beantwortbare Forschungsimpulse bzw. -bedarfe, zeigen
mittel- bis langfristige Entwicklungsperspektiven auf und leiten
Handlungsoptionen für die erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 ab. Die
Forschung im Bereich Industrie 4.0 fokussiert sich dabei verstärkt auf
Themen wie Nachhaltigkeit, Resilienz, Interoperabilität, technologische
bzw. strategische Souveränität und die zentrale Rolle des Menschen. Die
Arbeit des Forschungsbeirats wird von acatech – Deutsche Akademie der
Technikwissenschaften koordiniert, vom Projektträger Karlsruhe (PTKA)
betreut und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
gefördert.
