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Ziel von Städtebau und Landesplanung: „ein besseres Leben für alle“

Prof. Mario Tvrtkovic forscht und lehrt an der Hochschule Coburg unter anderem zu Transformation, zu nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und Land.  Natalie Schalk  Hochschule Coburg
Prof. Mario Tvrtkovic forscht und lehrt an der Hochschule Coburg unter anderem zu Transformation, zu nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und Land. Natalie Schalk Hochschule Coburg
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Prof. Mario Tvrtkovic forscht und lehrt an der Hochschule Coburg unter anderem zu Transformation, zu nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und Land.  Natalie Schalk  Hochschule Coburg
Prof. Mario Tvrtkovic forscht und lehrt an der Hochschule Coburg unter anderem zu Transformation, zu nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und Land. Natalie Schalk Hochschule Coburg

Bezahlbarer Wohnraum, der CO2-Ausstoß des Gebäudesektors, die
Lebensqualität in Stadt und Land: Mit aktuellen Herausforderungen
beschäftigt sich die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
(DASL). Sie fördert Städtebau und Landesplanung in Wissenschaft und Praxis
und berät z.B. auch das Bundesbauministerium zur großen Reform des
Bundesbaugesetzes, die 2024 anstehen soll. Prof. Mario Tvrtkovic wurde
Ende 2023 zum Wissenschaftlichen Sekretär und Präsidiumsmitglied der DASL
gewählt. Er forscht und lehrt an der Hochschule Coburg u.a. zu
Transformation, nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und
Land. Im Interview erklärt er, was wir jetzt für eine gute Zukunft tun
müssen.

Warum sind Städtebau und Landesplanung für die Zukunft entscheidend?
Prof. Mario Tvrtkovic: Als Gesellschaft nutzen wir das Land für
Siedlungsgebiete und Verkehrsinfrastruktur, brauchen es aber auch, um die
Ernährung sicherzustellen und für die Energieversorgung. Fotovoltaik,
Windenergie: Alles hängt mit der Landnutzung zusammen. Hierbei verbrauchen
wir zu viele Ressourcen, produzieren zu viele Schadstoffe und emittieren
zu viel CO2. Wir bringen durch unser Handeln das Klima und die Anzahl der
Arten auf der Erde, die Biodiversität, sehr stark in Bedrängnis. Ein
großer Verursacher dieser Probleme, sind die Städte, denn hier leben viele
Menschen und hier sind viele Prozesse und Strukturen angelegt.
Gleichzeitig sind Städte von den Folgen stark betroffen, beispielsweise,
wenn Wasser bei Starkregen nicht versickern kann. In Städten lässt sich
aber auch viel erreichen: Prozesse und gesellschaftlicher Zusammenhalt
können so organisiert werden, dass es nachhaltig und im Sinne von sozialem
Ausgleich und Gemeinwohl funktioniert. Das müssen wir viel aktiver tun.
Wir müssen Lösungen in Städtebau und Regionalentwicklung suchen.

Was konkret muss sich ändern?
Es geht darum, die Lebensbedingungen in Städten und Kommunen zu verbessern
und zum Beispiel an die Folgen der Klimakrise anzupassen. Stadträume
brauchen mehr Wasser, mehr Bäume und Verschattung. Anders als viele
glauben, ist die Entwicklung einer blaugrünen Stadt aber weniger ein
technologisches Projekt als ein gesellschaftliches. Es ist wichtig, dass
wir systemisch denken und über das Lokale hinaus. Bei Starkregen zum
Beispiel lassen sich die Kreisläufe des Wassers über die weitere Region
wieder ausgleichen. Da hilft Technologie natürlich. Gleichzeitig ist klar,
dass wir den Anteil an Flächen, die versiegelt sind, reduzieren müssen.
Und global müssen wir bei aktuell acht Milliarden Menschen auf der Erde
aushandeln, wie alle einen ausreichenden und gerecht verteilten Zugang zu
endlichen Ressourcen, nachhaltigen Verkehrsangeboten, Wohnraum oder
Freizeit und Erholungsflächen erhalten.

Welche Rolle spielt die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
(DASL)?
Nur mit vorausschauendem, planerischen Handeln der Kommunen, Städte und
der Bundesländer lässt sich die räumliche und bauliche Entwicklung so
lenken, dass gesellschaftspolitische Wertvorstellungen über eine
angemessene Lebensumwelt jetzt und für die kommenden Generationen
umgesetzt werden. Städtebau und Landesplanung umfassen beispielsweise die
Planung von Bodennutzung und Infrastrukturinvestitionen, die Gestaltung
und baukulturelle Erhaltung und Entwicklung des Orts- und
Landschaftsbildes. In der DASL haben sich Fachleute aus Städtebau und
Landesplanung zusammengeschlossen, die besondere Leistungen in Forschung
und praktischer Planung erbracht haben. Bei diesen Themen hat die
Hochschule Coburg eine bedeutende Stellung, und bereits 2022 habe ich in
Coburg den Hochschultag der DASL zum Thema „Transformative Kraft der
Region“ organisiert. Das war das 100. Jubiläumsjahr der Akademie und aus
diesem Anlass haben wir uns auch mit der Berliner Erklärung deutlich zu
einer gesellschaftlichen Mitverantwortung von Städtebau und Landesplanung
für die Zukunft der Städte und Regionen positioniert. Die Fachdisziplinen,
die für die räumliche Entwicklung zuständig sind, tragen auch für die
Transformation zur Nachhaltigkeit eine Verantwortung. Die DASL fördert
diese Themen in Wissenschaft und Praxis und macht sie der Öffentlichkeit
zugänglich.

Auf welche Weise?
Beispielsweise durch Aus- und Weiterbildung nach dem akademischen
Abschluss. Auch Vorträge und wissenschaftliche Tagungen dienen dem
Transfer. Und wir setzen uns dafür ein, institutionelle Strukturen zu
verändern, Rechtsformen zu öffnen, Rechtsrahmen zu reformieren. Wir
bringen uns auch bei einem neuen Landesentwicklungsplan für Bayern ein
(www.besseres-lep-bayern.de) und wirken mit weiteren Verbänden und
Institutionen beratend bei der dringend nötigen Novellierung des
Bundesbaugesetzes, die dieses Jahr ansteht.

Warum braucht das Bundesbaugesetz die Reform?
Das Baugesetzbuch stammt aus dem Jahr 1960 und wurde zwar immer wieder
ergänzt, angepasst und nachgebessert, aber es wird den Herausforderungen
des 21. Jahrhunderts nicht gerecht: Klima- und Umweltschutz zum Beispiel,
Klimaanpassung, Ressourcenschutz, Flächensparen, Umbau des Bestands. Wenn
wir die Lebensqualität der Menschen künftig erhalten und verbessern
wollen, müssen wir handeln.

Ok, aber wo ist das Problem?
Wie wir produzieren, wohnen, uns bewegen und wie wir konsumieren: Das
müssen wir grundlegend ändern. Wissenschaftlich ist klar, dass die
Zeiträume für die Transformation zur Nachhaltigkeit eng sind. Das Problem
ist: Gesamtgesellschaftlich und auch in der Wissenschaft schaffen wir es
nicht ausreichend, zu erklären, dass der Wandel hin zu nachhaltiger
Entwicklung nicht negativ ist, kein Verlust. Es bedeutet einen Gewinn.
Trotzdem wird viel Negatives erzählt, denn es gibt viele, die von
bestehenden Rahmenbedingungen wirtschaftlich und machtpolitisch
profitieren. Die renommierte Harvard-Professorin Naomi Oreskes hat in
ihrer Forschung zur Desinformation zum Beispiel belegt, dass die fossile
Industrie auch nicht vor gezielter Irreführung der Öffentlichkeit
zurückschreckt, um ihr Geschäftsmodel zu erhalten. Veränderungen bringen
Unsicherheit mit sich. Deshalb ist uns als Akademie ein großes Anliegen -
auch im Sinne der politischen Beratung – zu vermitteln, dass eine
Transformation zur Nachhaltigkeit eine sozial gerechtere und lebenswertere
Zukunft bedeutet. Es geht um ein besseres Leben für alle. Dabei ist klar,
dass für sozialen Ausgleich gesorgt werden muss, dass die Steuerung von
Transformationsprozessen am Gemeinwohl orientiert sein muss. Städte und
die Kommunen, Stadtplanung an sich sind ja auch verantwortlich für die
gute öffentliche Daseinsvorsorge. Im Fokus stehen Menschen mit ihren
unterschiedlichen ökonomischen Möglichkeiten.

Wie muss sich die Planung unserer Städte und Regionen verändern?
Wir müssen die Dinge auch gesamtökonomisch klar benennen. Nur wenn wir den
gesamten Lebenszyklus beim Bau betrachten, also alle Kosten inklusive
Abbau und Umweltkosten, Transport, Emissionen und Entsorgung, zeigt sich
die Kosten-Wahrheit. Dann ist klar, dass die Zukunft des Bauens im Bestand
liegt. Im Moment geben wir wirtschaftliche Fehlanreize, zum Beispiel für
hohen Ressourcen- und Flächenverbrauch. Das muss sich ändern. Planung,
Stadt, Mobilität, Landschaft, Freiraum: Alles hängt zusammen. Deshalb
brauchen wir ein integratives, interdisziplinäres und transdisziplinäres
Verständnis der Lebensumwelt, in dem die Menschen ein Teil des Ganzen sind
und nicht außerhalb stehen. Das vermittle ich auch in unserem Studiengang
Architektur an der Fakultät Design der Hochschule Coburg.