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Kiel Trade Indicator 2/24: Schiffsdurchfahrten im Roten Meer – erneuter Einbruch nach leichter Stabilisierung

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Der Konflikt im Nahen Osten verändert die internationalen Handelsrouten
auf See. Die Anzahl an Containerschiffen, die das Rote Meer und den
Suezkanal passieren, ist im Februar im Vergleich zum Januar abermals
gesunken. Gleichzeitig hat sich die Menge an Schiffen rund um das Kap der
Guten Hoffnung vor Afrika verdreifacht. Gesamtwirtschaftlich und speziell
für die deutsche Wirtschaft sind aber keine negativen Folgen zu erwarten,
sowohl die Frachtraten nach Europa als auch die ankommende Warenmenge in
der Nordsee stabilisieren sich. Dies geht aus dem jüngsten Update des Kiel
Trade Indicator hervor. Der Algorithmus wertet die weltweiten
Positionsdaten von Containerschiffen in Echtzeit aus.

Gegenwärtig fahren täglich noch etwa 40 Containerschiffe durch das Rote
Meer, im vergangenen Jahr waren es durchschnittlich deutlich über 100
Schiffe. Die aktuelle Schiffsmenge liegt nahe am Tiefpunkt von Mitte
Januar, zwischenzeitlich hatte sie sich auf rund 50 Schiffe erholt. Damit
ist der Einbruch des Schiffsverkehrs im Roten Meer seit den Angriffen der
Huthi-Rebellen offenbar noch nicht gestoppt.

Die Folgen für die Häfen der Nordsee mildern sich aber ab. Zunächst hatte
die abrupte Unterbrechung der üblichen Seeroute durch den Suezkanal für
Verzögerungen bei den ankommenden Schiffen geführt, weil diese einen
ungeplanten Umweg von rund 2 Wochen um das Kap der Guten Hoffnung vor
Afrika nehmen mussten.

Im Dezember und Januar legten rund 25 Prozent weniger Schiffe in Hamburg,
Bremerhaven, aber auch in den für Deutschland wichtigen Häfen Rotterdam
und Antwerpen an. Im Februar hat sich die Lücke auf rund 15 Prozent
geschlossen, Bremerhaven liegt sogar 2 Prozent im Plus. Referenz ist der
Wochendurchschnitt des Jahres 2023.

Die Frachtraten für den Transport eines Standardcontainers von China nach
Nordeuropa, dessen Weg bislang üblicherweise durch den Suezkanal führte,
stabilisieren sich. Sie haben ihren Höhepunkt von knapp 6.000 US Dollar
pro Standardcontainer von Mitte Januar hinter sich gelassen. Seitdem sinkt
der Spotpreis kontinuierlich und liegt aktuell bei rund 4.500 US Dollar.

Der Umweg um das Kap der Guten Hoffnung, den viele Schiffe jetzt zur
Umfahrung des Suezkanals nehmen, erhöht offenbar auch den Verkehr auf den
Weltmeeren. Um weiterhin eine enge Hafentaktung zu gewährleisten, könnten
Reedereien jetzt mehr Schiffe einsetzen. Die Anzahl an Containerschiffen,
die täglich auf See unterwegs sind, stieg von Januar auf Februar leicht um
0,3 Prozent an und liegt aktuell bei rund 5.450 Containerschiffen.

„Auch wenn die gesamtwirtschaftlichen Folgen überschaubar sind: Die
abermalige Unterbrechung gewohnter Handelsrouten im Nadelöhr des Roten
Meeres trifft auf eine sensibilisierte Stimmung für geoökonomische Risken
und Abhängigkeiten“, so Julian Hinz, Forschungsdirektor und Leiter des
Kiel Trade Indicators am IfW Kiel.

„Dabei sollte aber immer bedacht werden: Deutschland und Europa sind
wirtschaftlich so wohlhabend, weil sie offene Volkswirtschaften sind, die
vom Handel leben. Es muss also um Diversifizierung gehen, nicht um ein
Abkapseln. All dies spricht für die Diversifizierung von Lieferketten und
Handelspartnern, um Abhängigkeiten von einzelnen Zulieferern, Ländern,
aber auch Handelsrouten zu reduzieren.“


Wir arbeiten momentan an einer Verbesserung des Kiel Trade Indicator
Algorithmus. Während dieser Zeit finden die Updates unregelmäßig zu Beginn
eines Monats statt und zeigen keine Werte für Importe und Exporte. Etwa ab
Sommer veröffentlichen wir wieder in gewohnter Form, mit dann verbesserter
Methodik.

Weitere Schaubilder und Informationen zum Kiel Trade Indicator finden Sie
auf www.ifw-kiel.de/tradeindicator (https://www.ifw-
kiel.de/de/themendossiers/internationaler-handel/kiel-trade-indicator/).

Über den Kiel Trade Indicator

Der Kiel Trade Indicator schätzt die Handelsflüsse (Im- und Exporte) von
75 Ländern und Regionen weltweit sowie des Welthandels insgesamt. Im
Einzelnen umfassen die Schätzungen über 50 Länder sowie Regionen wie die
EU, Subsahara-Afrika, Nordafrika, den Mittleren Osten oder Schwellenländer
Asiens. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in
Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter
Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die
Schiffsbewegungen in preis- und saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber
dem Vormonat.

Die Auswertung erfolgt einmal im Monat um den 5. und liefert aktualisierte
Handelszahlen für den vergangenen und den laufenden Monat.

An- und ablegende Schiffe werden dabei für 500 Häfen weltweit erfasst.
Zusätzlich werden Schiffsbewegungen in 100 Seeregionen analysiert und die
effektive Auslastung der Containerschiffe anhand des Tiefgangs gemessen.
Mittels Länder-Hafen-Korrelationen können Prognosen erstellt werden, auch
für Länder ohne eigenen Tiefseehafen.

Der Kiel Trade Indicator ist im Vergleich zu den bisherigen
Frühindikatoren für den Handel deutlich früher verfügbar, deutlich
umfassender, stützt sich mit Hilfe von Big Data auf eine bislang
einzigartig große Datenbasis und weist einen im Vergleich geringen
statistischen Fehler aus. Der Algorithmus des Kiel Trade Indikators lernt
mit zunehmender Datenverfügbarkeit dazu (machine learning), so dass sich
die Prognosegüte im Lauf der Zeit weiter erhöht.