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IMK-Inflationsmonitor: Teuerungsraten unterschiedlicher Haushalte nah am Inflationsziel - Zeit für zügige Zinssenkungen

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Neue Werte und erweitertes Datenangebot

IMK-Inflationsmonitor: Teuerungsraten unterschiedlicher Haushalte nahe am
Inflationsziel – Zeit für zügige Zinssenkungen

Die Inflationsrate in Deutschland ist im Februar auf 2,5 Prozent gesunken.
Damit ist sie vom Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von
zwei Prozent nicht mehr weit entfernt – obwohl mehrere Maßnahmen der
Bundesregierung zuletzt preistreibend gewirkt haben.

Die Inflationsbelastung verschiedener Haushaltstypen, die sich nach
Einkommen und Personenzahl unterscheiden, lag dabei relativ nah
beieinander. Der Unterschied zwischen der höchsten und der niedrigsten
haushaltsspezifischen Rate betrug im Februar einen Prozentpunkt. Während
einkommensschwache Haushalte im Mittel der Jahre 2022 und 2023 eine höhere
Teuerung schultern mussten als Haushalte mit mehr Einkommen, war ihre
Inflationsrate im Februar unterdurchschnittlich: Der Warenkorb von
Alleinlebenden mit niedrigen Einkommen verteuerte sich um 1,6 Prozent, der
von Familien mit niedrigen Einkommen um 1,8 Prozent. Das ergibt der neue
IMK Inflationsmonitor, den das Institut für Makroökonomie und
Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung vorlegt.*

Dr. Silke Tober, IMK-Inflationsexpertin, und der wissenschaftliche
Direktor Prof. Dr. Sebastian Dullien berechnen seit Anfang 2022 monatlich
spezifische Teuerungsraten für neun repräsentative Haushaltstypen, die
sich nach Zahl und Alter der Mitglieder sowie nach dem Einkommen
unterscheiden (mehr zu den Typen und zur Methode unten und in der
Abbildung im Anhang). Seit kurzem liefert der Monitor ein erweitertes
Datenangebot: Online lassen sich längerfristige Trends der Inflation für
alle sowie für ausgewählte einzelne Haushalte im Zeitverlauf in
interaktiven Grafiken abrufen (Link zur Datenbank unten).

Die längerfristige Betrachtung illustriert noch einmal sehr anschaulich,
dass ärmere Haushalte während der aktuellen Teuerungswelle bis in den
Sommer 2023 hinein besonders stark durch die Inflation belastet waren,
weil sie einen großen Teil ihres schmalen Budgets für Güter des
Grundbedarfs wie Nahrungsmittel und Haushaltsenergie ausgeben müssen.
Diese waren die stärksten Preistreiber. Im Laufe der letzten Monate hat
die Preisdynamik dort aber stark nachgelassen, so dass sich die
einkommensspezifischen Differenzen seit dem Höhepunkt im Oktober 2022
deutlich verändert haben. Damals hatten Familien mit niedrigen Einkommen
die höchste Inflationsbelastung im Haushaltsvergleich mit 11,0 Prozent.
Dagegen waren es beim Haushaltstyp der Alleinlebenden mit sehr hohen
Einkommen 7,9 Prozent. Vor einem Jahr, im März 2023, waren es
Alleinlebende mit niedrigen Einkommen, die mit der höchsten Teuerungsrate
konfrontiert waren – 8,7 Prozent. Alleinlebende mit sehr hohen Einkommen
lagen auch in diesem Monat mit 6,3 Prozent deutlich niedriger und unter
der allgemeinen Inflationsrate von damals 7,4 Prozent.

Dass die allgemeine Inflationsrate von Januar auf Februar 2024 um 0,4
Prozentpunkte zurückgegangen ist, liegt vor allem daran, dass die Preise
für Energie niedriger lagen. Zudem verteuerten sich Lebensmittel zwar um
1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber auch das stellt eine starke
Verlangsamung gegenüber den Monaten zuvor dar.

Auch bei den übrigen untersuchten Haushaltstypen jenseits der
einkommensschwachen Haushalte wirkte sich die nachlassende Preisdynamik
für Güter und Dienstleistungen des Grundbedarfs aus, allerdings weniger
stark als bei den ärmeren: So betrug die Preissteigerung bei
Alleinlebenden mit sehr hohen Einkommen sowie bei Paarfamilien mit hohen
Einkommen im Februar 2,6 Prozent. Der Warenkorb von Paaren ohne Kinder mit
mittleren Einkommen verteuerte sich um 2,5 Prozent, der von Paarfamilien
mit mittleren Einkommen um 2,3 Prozent. Bei Alleinlebenden mit höheren
Einkommen schlug die Inflation mit 2,2 Prozent zu Buche. Bei
Alleinlebenden und bei Alleinerziehenden mit jeweils mittleren Einkommen
legten die Preise im Jahresvergleich um 2,1 Prozent zu (siehe auch die
Abbildung in der pdf-Version dieser PM; Link unten).

– EZB sollte Zinsen rasch senken –

Der Rückgang der Teuerung wäre noch stärker ausgefallen, wenn der Staat
zum Jahresanfang nicht preistreibend eingegriffen hätte, was sich auch im
Februar auswirkte. Ohne die vorzeitige Beendigung der Energiepreisbremsen,
die stärkere Erhöhung des CO2-Preises und die Rückkehr zum normalen
Mehrwertsteuersatz im Gastgewerbe hätte die Inflationsrate im Februar noch
um etwa einen halben Prozentpunkt niedriger gelegen, also bei rund 2,0
Prozent, so die Fachleute des IMK.

Für die kommenden Monate erwarten Tober und Dullien, dass die Europäische
Zentralbank auf die deutlich gesunkenen Inflationsraten in Deutschland wie
im gesamten Euroraum mit Zinssenkungen reagiert. Offensichtlich habe der
Rückgang der Teuerung die Notenbank überrascht – seit der letzten
Zinserhöhung im September 2023 hat die EZB ihre Inflationsprognose für
2024 gleich zweimal um insgesamt 0,9 Prozentpunkte nach unten revidiert.
Dementsprechend bremsen die hohen Leitzinsen die Konjunktur noch stärker
als vor kurzem erwartet. Hinzu kommt, dass die Regierungen verschiedener
Euro-Staaten in den letzten Monaten fiskalpolitisch die Zügel angezogen
haben – insbesondere Deutschland nach dem Haushaltsurteil des
Bundesverfassungsgerichts im November. Das belastet die
Wirtschaftsentwicklung zusätzlich. Wenn die EZB nicht schnell
gegensteuere, riskiere sie, „dass sich die stagnativen Tendenzen
verfestigen“ und die Inflationsrate noch spürbar unter das Ziel von zwei
Prozent falle. „Vor diesem Hintergrund sind zügige Zinssenkungen nicht nur
erforderlich, sondern auch zu erwarten“, schreiben Tober und Dullien.

– Informationen zum Inflationsmonitor –

Für den IMK Inflationsmonitor werden auf Basis der Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts die für
unterschiedliche Haushalte typischen Konsummuster ermittelt. So lässt sich
gewichten, wer für zahlreiche verschiedene Güter und Dienstleistungen –
von Lebensmitteln über Mieten, Energie und Kleidung bis hin zu
Kulturveranstaltungen und Pauschalreisen – wie viel ausgibt und daraus die
haushaltsspezifische Preisentwicklung errechnen. Die Daten zu den
Haushaltseinkommen stammen ebenfalls aus der EVS. Im Inflationsmonitor
werden neun repräsentative Haushaltstypen betrachtet: Paarhaushalte mit
zwei Kindern und niedrigem (2000-2600 Euro), mittlerem (3600-5000 Euro),
höherem (mehr als 5000 Euro) monatlichem Haushaltsnettoeinkommen;
Haushalte von Alleinerziehenden mit einem Kind und mittlerem (2000-2600
Euro) Nettoeinkommen; Singlehaushalte mit niedrigem (unter 900 Euro),
mittlerem (1500-2000 Euro), höherem (2000-2600 Euro) und hohem (mehr als
5000 Euro) Haushaltsnettoeinkommen sowie Paarhaushalte ohne Kinder mit
mittlerem Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3600 und 5000 Euro monatlich.
Der IMK Inflationsmonitor wird monatlich aktualisiert.