Suffizienz als „Strategie des Genug“: Eine Einladung zur Diskussion
Ökologische Krisen schreiten weltweit mit besorgniserregender
Geschwindigkeit voran. Die Mehrheit der elementaren planetaren
Belastungsgrenzen ist überschritten, ebenso ökologische Grenzen in
Deutschland. Ganz offensichtlich reichen bisherige Ansätze für den Schutz
der Umwelt nicht aus. In einem heute veröffentlichten Papier spricht sich
der SRU für eine gesellschaftliche Debatte über Suffizienz aus, also über
eine „Strategie des Genug“. Der SRU zeigt in seinem Papier, warum es Zeit
ist, sich diesem schwierigen Thema zu stellen.
„Suffizienz bezeichnet den Anspruch, im Einklang mit unseren Werten
gerechter und innerhalb ökologischer Grenzen zu leben“, sagt Prof.
Wolfgang Lucht. „Es ist unbestreitbar, dass wir ökologisch über unsere
Verhältnisse leben. Gleichzeitig haben viele Menschen keinen ausreichenden
Zugang zu Energie und Ressourcen. Wie kann unsere Zivilisation also
ökologischer und zugleich gerechter werden? Die Auseinandersetzung mit
solchen Fragen ist nicht einfach, angesichts der Krisen aber Teil eines
notwendigen Lernprozesses.“
Suffizienz wird oft als individuelle Lebensstilfrage diskutiert. Die
Entwicklung nachhaltiger Wirtschafts- und Lebensweisen ist jedoch eine
gemeinsame gesellschaftliche und politische Verantwortung. Eine Stärkung
von Suffizienz erfordert politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen,
die ein umweltschonende gesellschaftliche Praxis fördern - anstatt sie wie
häufig zu erschweren.
„Die polarisierte Debatte zwischen 'grünem Wachstum' und 'Postwachstum'
bringt uns nicht weiter“, sagt Prof. Claudia Kemfert. „Klar ist: Bereiche,
die der Umwelt und dem Klima schaden, dürfen nicht immer weiter wachsen.
Seit Jahren besteht Einigkeit, dass Wohlfahrt mehr ist als das
Bruttoinlandsprodukt. In der Praxis schlägt sich dies allerdings immer
noch zu wenig nieder.“
„Kreislaufwirtschaft trägt zu Suffizienz bei, denn sie ist viel mehr als
Recycling: Sie zielt darauf ab, Produkte langlebig, reparierbar und
kreislauffähig zu gestalten und dadurch den Rohstoffverbrauch zu senken
sowie Abfälle zu vermeiden“, sagt Prof. Christina Dornack. „Gleichzeitig
setzt zirkuläres Wirtschaften aber auch Suffizienz voraus: Es ist weder
technisch möglich noch ökonomisch sinnvoll, stetig steigende Stoffströme
im Kreislauf zu führen - zumal immer auch energetische, qualitative und
teils auch stoffliche Verluste entstehen.“
Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Julia Hertin, Tel.: +49 30
263696-118,
E-Mail:
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) berät die Bundesregierung
seit mehr als 50 Jahren in Fragen der Umweltpolitik. Die Zusammensetzung
des Rates aus sieben Professorinnen und Professoren verschiedener
Fachdisziplinen gewährleistet eine wissenschaftlich unabhängige und
umfassende Begutachtung, sowohl aus naturwissenschaftlich-technisc
auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive.
Der Rat besteht derzeit aus folgenden Mitgliedern:
Prof. Dr. Claudia Hornberg (Vorsitzende)
Universität Bielefeld
Prof. Dr. Claudia Kemfert (stellvertretende Vorsitzende)
Leuphana Universität Lüneburg und Deutsches Institut für
Wirtschaftsforschung Berlin
Prof. Dr.-Ing. Christina Dornack
Technische Universität Dresden
Prof. Dr. Wolfgang Köck
Universität Leipzig und Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ
Prof. Dr. Wolfgang Lucht
Humboldt-Universität zu Berlin und Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung
Prof. Dr. Josef Settele
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Helmholtz-Zentrum für
Umweltforschung – UFZ
Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller
FernUniversität in Hagen
