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Agrarwirtschaft: Konferenz zur Reallabore-Forschung

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Kann die gemeinsame Arbeit von Praktikern und Forschenden in Reallaboren
die Transformation der Agrar- und Ernährungswirtschaft beschleunigen und
verbessern, und wenn ja, wie? Fragen wie diese diskutierten mehr als 100
Teilnehmende bei einer Präkonferenz zur Wissenschaftstagung Ökologischer
Landbau (Wita 2024) am 5. März an der Universität Gießen. Eingeladen
hatten der Hessische Forschungsverbund Agrarsystemökologie – ein
Zusammenschluss der Universität Kassel, der Justus-Liebig-Universität
Gießen und der Hochschule Geisenheim – und das Leibniz-Zentrum für
Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im brandenburgischen Müncheberg.

Transformationsprozesse in Reallaboren voranzutreiben gilt als neuer
Ansatz einer Forschung auf Augenhöhe gemeinsam von Politik, Praxis,
Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Das Grundprinzip: Forschungsfragen und
mögliche Lösungen werden in einem gemeinschaftlichen Prozess durch
Akteurinnen und Akteure sowie Forschenden erarbeitet, und Innovationen
ebenso gemeinsam entwickelt und evaluiert. So wachsen Lernumgebungen für
die experimentelle Innovationsforschung in Landschaften, gleichermaßen
geprägt durch wissenschaftliche und viele nicht-wissenschaftliche
Handelnde. Landwirtschaftliche Reallabore, die national und europaweit
derzeit stark im Kommen sind, sind langfristig angelegt und werden
maßgeblich von nicht-wissenschaftlichen Akteurinnen und Akteuren gelenkt.

Das ZALF hat zusammen mit den drei hessischen Agrar-Universitäten in
Kassel, Gießen und Geisenheim ein Konzept zur Reallaborarbeit in einem
geplanten brandenburgisch-hessischen Innovationszentrum für
Agrarsystemtransformation (IAT) entwickelt, welches derzeit durch den
Wissenschaftsrat evaluiert wird. Dieses stellte Professor Dr. Bettina
Matzdorf vor, Co-Leiterin des Programmbereichs Landnutzung und Governance
am ZALF in Müncheberg. Dr. Oskar Marg vom Institut für sozial-ökologische
Forschung (ISOE) in Frankfurt fasste seine Erfahrungen aus der
Begleitforschung an Reallaboren zusammen. Es folgte ein World-Café mit
sechs verschiedenen Thementischen:

- Partizipative Ansätze in der Agrar- und Ernährungsforschung: Als
Erfolgsfaktoren identifizierten die Teilnehmenden unter anderem eine
vertrauensvolle Zusammenarbeit, gleichberechtigt auf Augenhöhe, die
Honorierung des Arbeitsaufwands der Beteiligten aus der
landwirtschaftlichen Praxis, eine gute Aufbereitung von Ergebnissen und
eine unabhängige Koordination.

- Rollenverteilung im Reallabor: Die Arbeit sollte nicht von
wissenschaftlicher Seite geleitet werden. Eine externe, unabhängige
Koordination und Moderationsrolle und der Verzicht auf eine hierarchische
Struktur sind wichtig, klare Spielregeln hilfreich.

- Reallabor-Arbeit in Studium und wissenschaftlicher Karriere: Im Studium
vermittelt das Lernen in Reallaboren wertvolle Erfahrungen, die in
praxisorientierten Forschungsberufen hilfreich und begehrt sein können.
Für klassische Forschungsberufe jedoch, in denen Publikationen wichtige
Erfolgskriterien sind, ist die relativ aufwändige Arbeit mit Akteurinnen
und Akteuren noch ein Hindernis. Neue Bewertungskriterien müssten
entwickelt werden, die Reallaborarbeit vor allem bei Nachwuchsforschenden
attraktiver machen.

- Methoden und Konzepte für praxisrelevante und wissenschaftlich
bedeutsame Forschung: Ein integrativer Systemblick kann die Verknüpfung
zwischen Agrar- und Ernährungssystemen in einem vorwettbewerblichen
Experimentierraum und jenseits etablierter Lösungen ermöglichen. Zentral
ist ein professionelles Wissensmanagement innerhalb der Reallabore und
nach außen.

- Motivation der Akteur:innen in Praxis, Gesellschaft, Politik und
Wissenschaft: Die Ansprache gelingt über Multiplikatoren und Netzwerke,
durch die Suche nach blinden Flecken und ein für möglichst Alle relevantes
Thema. Bei der Stange bleiben diese, indem ein individueller Nutzen
geschaffen wird.

- Praxisrelevanz für eine nachhaltige Transformation: Es braucht beide,
die Grundlagenforschung und die Praxisforschung. Ihre Interessen können
unterschiedlich sein, doch die Zusammenarbeit gelingt, wenn von Anfang an
ein gemeinsames Grundverständnis geschaffen wird.

Moderator Prof. Dr. Eckhard Jedicke, Leiter des Kompetenzzentrums
Kulturlandschaft der Hochschule Geisenheim, bemerkte das hohe  Bedürfnis
nach Diskussion und kreativem Austausch: Die Arbeit in Reallaboren oder
Living Labs werde in der Agrar- und Ernährungswirtschaft als ein
wertvoller Weg gesehen, der Landnutzungspraxis und Akteur:innen der
Wertschöpfungsketten, Sozial- und Naturwissenschaften, Politik und
Gesellschaft auf einen gemeinsamen Weg zur nachhaltigen Transformation
bringe. Aus der Konferenz soll ein Themenpapier entstehen, auf dessen
Basis der Austausch fortgeführt werden soll.