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Historische Schriftartefakte: Universität Hamburg schickt weltweit einzigartiges Containerlabor nach Indien

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Um wertvolle Manuskripte auf der ganzen Welt zu erforschen, hat das
Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“ an der Universität
Hamburg ein mobiles Containerlabor entwickelt. Die insgesamt sieben
Container werden am 7. April 2024 erstmals ins Ausland geschickt. In
Indien sollen in den kommenden anderthalb Jahren mit ihrer Hilfe
Palmblattmanuskripte untersucht werden, die zum UNESCO-Weltdokumentenerbe
gehören.

Im südindischen Puducherry lagern rund 12.000 unerforschte
Palmblattmanuskripte. Sie stammen aus dem späten 18. und 19. Jahrhundert
und gehören damit zu den ältesten erhaltenen Manuskripten dieser Art. Für
Historikerinnen und Historiker gehören sie zu den wichtigsten Quellen über
Religion, Geschichte, Astrologie und Medizin einer rund zweitausend Jahre
alten Schriftkultur, die zu den bedeutendsten der Welt gehört.

Weil jedoch die genaue Herkunft der Manuskripte fast immer unbekannt ist,
bleiben zahlreiche Fragen offen, beispielsweise zur Verbreitung bestimmter
religiöser Kulte. Nun wollen Forschende des Exzellenzclusters
„Understanding Written Artefacts“ (UWA) und Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler aus Indien einige dieser Fragen gemeinsam klären: durch
materialwissenschaftliche Analysen der Manuskripte in einem weltweit
einzigartigen Containerlabor. Es besteht aus insgesamt sieben Containern.
Fünf enthalten Laborräume, ein weiterer Stromaggregate und Wasservorräte,
ein siebter dient als Lager.

„Die benötigten Geräte stellen wir für diesen wie für jeden neuen Einsatz
individuell zusammen“, sagt Prof. Dr. Markus Fischer, Chemiker und Chef
des Container-Lab-Projekts an der Universität Hamburg. Fischer war
maßgeblich an der Entwicklung des Labors beteiligt, das nach den Vorgaben
des Hamburger Exzellenzclusters maßgefertigt wurde. Es ist beispielsweise
mit einem Reinraum für molekularbiologische Arbeiten ausgestattet, um die
Palmarten, deren Blätter als Schreibmaterial dienten, zu bestimmen.
Geschrieben haben die unbekannten Verfasser häufig mit einer Farbe aus
Ruß. Identische Rußpartikel oder wiederkehrende DNA-Strukturen bei
Palmblättern könnten einen gemeinsamen Ursprung verschiedener Manuskripte
belegen.

Einsatz bei Hitze und Dauerregen

Die Bedingungen während der sechswöchigen Seereise und das Klima in
Südindien stellen die Forschung vor große Herausforderungen. „Im Sommer
liegt die Durchschnittstemperatur dort bei mehr als 30 Grad, im Oktober
beginnt der Monsun mit seiner extremen Luftfeuchtigkeit. Wir haben viele
Geräte hier in Hamburg auf ihre Robustheit getestet und hoffen nun, dass
sie sich vor Ort bewähren“, so Fischer.

Der Forscher wird das Containerlabor für mehrere Wochen begleiten, wie
auch zwei Chemikerinnen der Universität Hamburg und der wissenschaftliche
Leiter des Projekts, der Indologe Dr. Giovanni Ciotti. „Eine große
Herausforderung besteht darin, dass nur nicht- oder minimalinvasive
Methoden für die Untersuchung der Manuskripte infrage kommen. Sie gehören
zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Da können Sie, salopp gesagt, nicht einfach
ein Stückchen abschneiden und unters Mikroskop legen“, sagt Ciotti.

Die Dokumente befinden sich auf dem Gelände des Institut Français und der
Ecole francaise d’Extrême-Orient in Puducherry. Sie gehören seit 2005 zum
Weltdokumentenerbe – ebenso wie beispielsweise die Gutenberg-Bibel von
1455 oder die Magna Charta von 1215. Die Untersuchung der
Palmblattmanuskripte führen die Forschenden des Exzellenzclusters UWA in
Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Institut
Français de Pondichéry (IFP) sowie des National Institute of Advanced
Studies (NIAS) in Bangalore durch.