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Gebrochenes Herz: Takotsubo-Syndrom kann zu schwerer Herzschwäche führen

Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, Chefärztin der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Intensivmedizin, Marien-Hospital Wesel  Quelle: Foto: A. Malkmus  Copyright: Foto: Deutsche Herzstiftung
Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, Chefärztin der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Intensivmedizin, Marien-Hospital Wesel Quelle: Foto: A. Malkmus Copyright: Foto: Deutsche Herzstiftung
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Symptome wie beim Herzinfarkt: 80 bis 90 Prozent der Betroffenen eines
Takotsubo-Syndroms sind Frauen und meistens zwischen 65 bis 75 Jahre alt.
Das sogenannte Broken-Heart-Syndrom kann eine schwere Herzschwäche zur
Folge haben. Auslöser sind emotionale und/oder körperliche Stressfaktoren.



Auch Stress-Kardiomyopathie genannt, ist das Broken-Heart-Syndrom eine
plötzlich auftretende Herzmuskelschwäche, die vor allem durch emotionalen
Stress – auch in Kombination mit physischem Stress wie extremer
körperlicher Anstrengung – ausgelöst wird. „Beim Broken-Heart-Syndrom
lässt die Pumpleistung des Herzens akut nach, es kommt zu einer
lebensbedrohlichen Situation. Die Symptome ähneln denen eines
Herzinfarkts, es liegt allerdings kein Verschluss eines Herzkranzgefäßes
vor“, erklärt die Kardiologin Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher,
Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, anlässlich der bundesweiten
Herzwochen der Herzstiftung unter dem Motto: „Gesunde Gefäße – gesundes
Herz: Den Herzinfarkt vermeiden“ mit Infos unter
https://herzstiftung.de/herzwochen
Die in die Notfallambulanz eingelieferten Patientinnen mit einem Broken-
Heart-Syndrom sind häufig über 65 Jahre alt. Häufig erleben sie
unmittelbar vor Symptombeginn mit brennenden Schmerzen in der Brust und
zunehmender Luftnot, ein einschneidendes emotionales, meistens tragisches
Ereignis. Das kann beispielsweise der Tod eines Angehörigen oder die
Trennung vom langjährigen (Ehe-)Partner oder der Partnerin sein.

Die Herzspitze ist wie ein Ballon aufgetrieben
Eine Herzkatheteruntersuchung macht die Herzkranzgefäße und die linke
Herzkammer auf einem Monitor sichtbar, es zeigt sich: Die Herzkranzgefäße
sind weder verengt noch wie bei einem Herzinfarkt durch ein Blutgerinnsel
verschlossen. Stattdessen sehen die Ärzte eine Auffälligkeit im Bereich
der linken Herzkammer. „Die Herzbasis bewegt sich kräftig, während die
Herzspitze wie ein Ballon aufgetrieben ist und stillsteht“, erklärt Dr.
Birke Schneider, ehemalige Chefärztin der Abteilung Kardiologie und
Angiologie an den Sana Kliniken Lübeck. Das ist typisch für ein
sogenanntes Takotsubo-Syndrom (TTS), erstmals 1990 in Japan beschrieben
und wegen der Silhouette der linken Herzkammer nach der japanischen
Tintenfischfalle benannt (Japan. „tako“: Oktopus, „tsubo“: Pott). Das TTS
ist auch bekannt als Broken-Heart-Syndrom: Von 100 Patientinnen und
Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt haben ein bis drei ein
„gebrochenes Herz“, wie man im Volksmund zu der Erkrankung sagt. Infos
unter https://herzstiftung.de/frauenherzen-takotsubo

Auslöser sind emotionaler und körperlicher Stress
„Was so harmlos klingt, ist eine ernstzunehmende akute Herzschwäche
(Herzinsuffizienz). Die Betroffenen sind zu 80 bis 90 Prozent Frauen im
Alter von 65 bis 75 Jahren“, erklärt die Herz- und Gefäßspezialistin Prof.
Tiefenbacher, Chefärztin der Klinik für Kardiologie und Gefäßmedizin am
Marien-Hospital in Wesel. Prinzipiell können auch Männer betroffen sein,
selten Kinder und Jugendliche. Auslöser bei Frauen sind häufig emotionaler
Stress wie etwa der Tod eines nahestehenden Menschen, heftiger Streit in
der Familie, die Diagnose einer Tumorerkrankung, Panik und große Angst.
Bei Männern überwiegen körperliche Trigger, vor allem ungewohnte
Anstrengungen, Lungenerkrankungen mit Anfällen von Luftnot, Unfälle oder
Operationen. Bei bis zu einem Drittel der Betroffenen allerdings gibt es
kein auslösendes Ereignis. In acht bis neun Prozent der Fälle findet sich
eine Kombination von emotionalem und physischem Stress (siehe dazu das
Fallbeispiel von Martina B. siehe Zusatz-Info*). Dr. Schneider hat 2005
ein erstes zentrales Takotsubo-Register der Arbeitsgemeinschaft Leitende
Kardiologische Krankenhausärzte (ALKK) initiiert, um hierzulande das
ungewöhnliche Krankheitsbild und seinen Verlauf anhand einer größeren
Anzahl von Patienten genauer zu charakterisieren.

Die Herzmuskelzellen werden geschädigt – Frühwarnzeichen bleiben aus
Was genau im Herzen passiert, ist noch unzureichend geklärt. Tatsache ist,
dass die Blutspiegel der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin beim TTS
bis zu 30-mal über dem oberen Normalwert liegen und zwei- bis dreifach
höher ansteigen als beim akuten Herzinfarkt. Darauf reagieren Herz und
Blutgefäße verstärkt bei Frauen nach den Wechseljahren. Die Folgen: Die
Herzmuskelzellen werden geschädigt. Des Weiteren verkrampfen die kleinen
Herzkranzgefäße, wodurch die Durchblutung des Herzmuskels gestört ist. Es
kommt zu Entzündungen am Herzen und Wassereinlagerungen im
Herzmuskelgewebe (Myokardödem). Typische Beschwerden beim TTS sind
plötzlich auftretende Brustschmerzen oder Luftnot, andere leiden an
Übelkeit, Schweißausbruch, Schwindel, manche werden bewusstlos. „Das
Tückische ist: Frühwarnzeichen gibt es keine“, betont die Herzspezialistin
Dr. Schneider. Bei Patienten mit einem Herzinfarkt dagegen treten bedingt
durch Engstellen in den Herzkranzgefäßen häufig schon im Vorfeld
Brustschmerzen oder Luftnot unter Belastung auf.

Bei bis zu 50 Prozent sind lebensbedrohliche Komplikationen möglich
Das Elektrokardiogramm (EKG) zeigt im Unterschied zur
Herzkatheteruntersuchung im Akutstadium ähnliche Veränderungen wie bei
einem Herzinfarkt. Erst nach zwei bis fünf Tagen sind im EKG-Verlauf
Unterschiede zum Infarkt zu sehen. Bei bis zu 50 Prozent der Patienten
können akute lebensbedrohliche Komplikationen auftreten wie unter anderem
eine schwere Herzschwäche, ein Kreislaufschock, Herzrhythmusstörungen wie
Vorhofflimmern mit schnellem Puls oder Rhythmusstörungen aus der
Herzkammer, die unbehandelt zum plötzlichen Herztod führen können. Bei
manchen Patienten bilden sich Blutgerinnsel in der linken Herzkammer.
„Wegen der häufig auftretenden Komplikationen ist es wichtig, die
Betroffenen auf einer Intensivstation über 48 bis 72 Stunden an einem
Monitor zu überwachen und eine Herzultraschalluntersuchung durchzuführen“,
erklärt die Lübecker Kardiologin. Ein entscheidender Marker für die
Diagnose eines TTS sind die Blutwerte. Im Vergleich zum akuten Herzinfarkt
sind die Herzenzyme Troponin und Creatinkinase (CK) beim TTS nur gering
erhöht. Aufgrund der akuten Herzschwäche sind aber die „Herzhormone“, die
sogenannten natriuretischen Peptide, zwei- bis vierfach stärker erhöht als
beim Herzinfarkt. Diese regen die Nieren an, mehr Natrium und Wasser
auszuscheiden. Um die Diagnose eines Broken-Heart-Syndroms abzusichern,
nehmen die Ärzte häufig eine Magnetresonanztomografie des Herzens vor. „Im
Gegensatz zum Herzinfarkt sieht man auf der Aufnahme keine Narben im
Bereich der Herzwand“, betont Dr. Schneider.
Dass das TTS offenbar auch langfristige Risiken birgt, geht aus Daten aus
dem „Scottish Takotsubo Registry“ (2024) hervor. Die Studie mit 620
Betroffenen mit diagnostizierter Takotsubo-Herzschwäche ergab, dass das
Sterberisiko nach einer überwundenen TTS-Episode im Vergleich zur
Allgemeinbevölkerung erhöht bleibt (1).

Herz pumpt nach wenigen Tagen wieder normal
Die Akutbehandlung eines TTS entspricht grundsätzlich der von Menschen mit
einer Herzschwäche und den entsprechenden Symptomen. In der Regel erhalten
die Patienten wassertreibende Medikamente, in schweren Fällen kann eine
Beatmung notwendig sein, bei einem Kreislaufschock kommen mechanische
Herzunterstützungssysteme zum Einsatz. Schwere Herzrhythmusstörungen
werden medikamentös oder mit einem Elektroschock behandelt. Damit sich
keine Blutgerinnsel in der linken Herzkammer bilden, werden im Akutstadium
blutverdünnende Medikamente gegeben. Meist normalisiert sich die
Pumpfunktion des Herzens innerhalb von vier bis fünf Tagen, in manchen
Fällen dauert es wenige Wochen. Eine Gefahr in dieser Zeit: Wenn die
Herzspitze wieder aktiv pumpt, kann es dazu kommen, dass Blutgerinnsel,
die sich dort gebildet haben, ausgeworfen werden, in die Blutbahn geraten
und ein Blutgefäß verstopfen.
Zwischen vier und zehn Prozent der Menschen, die ein Broken-Heart-Syndrom
hinter sich haben, erleiden im Laufe ihres Lebens nach Monaten und Jahren
einen Rückfall. Es wurden auch mehrere Rückfälle in größeren zeitlichen
Abständen beobachtet. „Bisher sind keine Medikamente bekannt, die ein
Rezidiv verhindern.“, sagt die Kardiologin Dr. Schneider. Da hilft auf
jeden Fall eins: Wenn möglich, den Stress reduzieren.

*Zusatz-Info: Takotsubo-Syndrom nach Überlebenskampf im Meer
Martina B. kämpft. Immer weiter zieht sie die Strömung ins offene Meer.
Salzwasser dringt in ihre Lunge, sie ringt nach Luft. Ihre Kraft lässt
nach. Sie hat Angst zu ertrinken, schwimmt mühsam gegen den Sog, der sie
hinaustreiben will. Endlich hat sie es geschafft. Erschöpft lässt sie sich
am Ufer in den Sand sinken. Stunden später, als sich die 65-Jährige im
Hotel halbwegs von dem Kraftakt und dem Stress erholt hat, spürt sie einen
Druck auf der Brust und zunehmende Luftnot. Schließlich ruft Martina B.
den Notarzt (112) und kommt mit Verdacht auf einen akuten Herzinfarkt in
das nächstgelegene Krankenhaus. Ihr Fazit nach der Diagnose des Takotsubo-
Syndroms: In Zukunft wird sie nicht mehr so weit aufs Meer
hinausschwimmen.
(weg)

(1) Cardiovascular and Noncardiovascular Prescribing and Mortality After
Takotsubo, JACC 2024, DOI: 10.1016/j.jacadv.2023.100797

Service
Zur Herzwochen-Pressemappe: https://herzstiftung.de/herzwochen-pressemappe

Neuer Ratgeber
Für Patienten, Angehörige und Interessierte bietet die Deutsche
Herzstiftung den neuen Ratgeber „Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt –
Prävention, Diagnose, Therapie“ an. Die kostenfreie Broschüre (160 S.)
kann telefonisch unter 069 955128-400, online unter
https://herzstiftung.de/bestellung oder per E-Mail unter
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. angefordert werden.

Weitere Infos zum Takotsubo-Syndrom:
Podcast https://herzstiftung.de/podcast-takotsubo
Expertenbeitrag: https://herzstiftung.de/frauenherzen-takotsubo

Gendern: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die zusätzliche
Formulierung der weiblichen Form zumeist verzichtet. Wir möchten darauf
hinweisen, dass die Verwendung der männlichen Form explizit als
geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.