Lawinenwinter 1951: Wende in der Verbautechnik
Nach 1951 forschte das SLF verstärkt am Schutz vor Lawinen. Die
Erkenntnisse führten zu einer Abkehr von den bis dahin üblichen Mauern zu
den bis heute gängigen Schneebrücken und Schneenetzen und zu einer
Richtlinie, die heute noch weltweit als Referenz dient.
Winter 1951: Innerhalb von nur einer Saison töteten Lawinen 98 Menschen,
beschädigten und zerstörten rund 1500 Gebäude und Infrastruktur.
Zahlreiche Gebirgstäler waren vom Rest der Schweiz abgeschnitten. Weit
über tausend Schadlawinen gingen in diesem Winter in der Schweiz ab. Nach
dem ersten Schock war schnell klar: Das Land muss seine Bevölkerung in den
alpinen Regionen besser vor der weissen Gefahr schützen. «Die
Bundessubventionen für den Lawinenschutz stiegen nach 1951 markant an»,
sagt Stefan Margreth, Leiter der Forschungsgruppe Schutzmassnahmen am SLF.
Dies führte auch zu einer intensiven Forschung, welcher Lawinenschutz am
besten hilft. Welche Massnahme bietet an welcher Stelle den optimalen
Schutz – und welche Punkte sind bei deren Planung zu berücksichtigen
(siehe Kasten «Geschichte der Lawinenverbauung»)? Forschende des SLF
massen daher, welche Kräfte bei Schneedruck und Lawinenabgängen auf
verschiedene Verbautypen wirken. Am Dorfberg oberhalb Davos legten sie
eigens eine Versuchsfläche an, errichteten Schneebrücken aus Holz,
Aluminium, Drahtseilen, Stahl und Beton und verglichen deren Wirkung mit
den bis dahin schweizweit dominierenden Mauern und Terrassen. Das Prinzip
ähnelt sich: Alle Massnahmen verhindern, dass sich der Schnee löst und als
Lawine abgeht. Es stellte sich aber heraus, dass die Schneebrücken
deutlich effektiver sind. «Innerhalb kürzester Zeit wandte man sich daher
von den Mauern ab und setzte voll auf die modernen, gegliederten
Stützwerke», weiss Margreth.
Mehr Stahl, weniger Stein
Bis 1965 verglichen die Forschenden sowie Menschen aus der Praxis die
verschiedenen Ansätze. «Das Interesse seitens der Industrie war gross, da
viele Verbauungen geplant waren», sagt der Ingenieur. Letztendlich setzte
sich Stahl durch. Beton hatte sich als anfällig gezeigt. Dringt Wasser in
Risse ein, sprengt es bei Frost die Bauteile einer Verbauung. Zudem
reagiert Beton spröde bei Steinschlag. Ähnlich das Resultat bei Aluminium.
«Das Material ist schlicht zu weich und zu teuer», erklärt Margreth,
«ausserdem behält es seinen metallischen Glanz und reflektiert das
Sonnenlicht.» Tagsüber sind Schneebrücken aus Aluminium daher weithin
sichtbar und verändern das Landschaftsbild stärker als Stahlschneebrücken
oder Schneenetze. Verbauungen aus Holz hingegen stehen nach wie vor an den
Hängen, aber fast ausschliesslich unterhalb der Waldgrenze.
Die Arbeit der Forschenden hatte weitreichende Folgen. Bereits 1955
publizierte das SLF eine erste, provisorische Version der Stützverbau-
Richtlinien. Diese Richtlinien helfen Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie
der Industrie, Schutzverbauungen zu planen und zu bemessen. 1961
erstellten dann Experten des SLF die erste offizielle Richtline
«Lawinenverbau im Anbruchgebiet» herausgegeben durch die Eidg. Inspektion
für Forstwesen, dem heutigen Bundesamt für Umwelt. Die Richtlinie, die
mehrfach überarbeitet wurde und auf der ganzen Welt von Japan bis Island
zur Anwendung kommt, regelt in ihrer heutigen Version, wie
Stützverbauungen geplant und dimensioniert werden. «Vor allem auf drei
Parameter sollten die Verantwortlichen achten, die maximal mögliche
Schneehöhe, die Neigung des Hangs, sowie der davon ausgehende
Schneedruck», erläutert Margreth.
Den Schnee aus dem Wind holen
In kleinerem Umfang gingen die Forschenden des SLF auch der Frage nach,
wie sie durch Wind verfrachteten Schnee kontrolliert ablagern können, um
dessen Verteilung so zu optimieren, dass die Lawinengefahr möglichst
gering ist. Sowohl Triebschneezäune als auch Kolkkreuze holen den Schnee
aus dem Wind und lagern ihn gezielt an ungefährlichen Stellen ab.
«Triebschneezäune helfen auch, zu verhindern, dass sich zu viel Schnee in
Stützverbauungen sammelt», sagt Margreth. Denn erreicht die Schneedecke
die Höhe der Stützwerke, können diese bei weiteren Schneefällen ihre
Wirkung verlieren.
Die Lawinenwinter von 1999 und 2018 haben gezeigt: Dank verbesserter
Lawinenschutzmassnahmen nahmen die Schäden an Menschen und Gebäuden im
Vergleich zu früheren Lawinenwintern deutlich ab. Im Jahr 2018 gab es in
Dörfern und auf Strassen keine tödlichen Lawinenunfälle mehr. Wie wichtig
die über Jahrhunderte aufgebaute Lawinenexpertise für ein Gebirgsland ist,
haben mittlerweile auch die Vereinten Nationen honoriert: Am 29. November
2018 hat die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für
Erziehung, Wissenschaft und Kultur, den Umgang mit der Lawinengefahr in
ihre Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Lesen Sie ab kommendem Dienstag, den 3. Februar, wie der Lawinenwinter
1951 der Start von Gefahrenkarten war.
Geschichte der Lawinenverbauung
Bannwälder als Schutz vor Lawinen sind in der Schweiz bereits für das 14.
Jahrhundert nachgewiesen. Ab dem frühen 17. Jahrhundert sind erste
bauliche Massnahmen wie Spaltkeile, Ablenkmauern und massive Keller
belegt. Um 1805 entstand am Simplonpass die Kaltwasser-Lawinengalerie, die
der französische Kaiser Napoleon zum Schutz seiner Truppen erbauen liess.
Erst später im 19. Jahrhundert fingen die Menschen an, systematisch Mauern
und Terrassen in den Anrissgebieten der Lawinen zu errichten. Holzpfähle
im Abstand von drei Metern im Boden sollten verhindern, dass die
Schneemassen abrutschen, wenn sie stark durchfeuchtet waren.
Erstmals Struktur in das Thema brachte der Bündner Oberforstinspektor und
spätere Eidgenössische Forstinspektor Johann Wilhelm Fortunat Coaz. Er
war überzeugt, dass Schutz vor Lawinen bereits am Berg und nicht erst im
Tal stattfinden muss, verglich unterschiedliche Ansätze und führte
akribisch Buch. Bis 1881 existierten demnach landesweit 35
Lawinenverbauungen, 1910 war ihre Zahl bereits auf 269 Standorte
gestiegen.
Originalpublikation:
https://www.slf.ch/de/news/law
