Handelsabkommen EU-Indien könnte bilateralen Handel um bis zu 65 Prozent steigern
Die Europäische Union und Indien stehen kurz vor dem Abschluss eines lange
verhandelten Freihandelsabkommens, das zwei Wirtschaftsräume verbinden
würde, die zusammen 21,1 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und
23,4 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren.
Eine neue Analyse des
Kiel Instituts für Weltwirtschaft zeigt: Eine vertiefte wirtschaftliche
Integration könnte den bilateralen Handel um 41 bis 65 Prozent steigern,
die realen Einkommen beider Seiten um 0,12–0,13 Prozent des BIP erhöhen
und Abhängigkeiten mit risikoreicheren Märkten verringern – gerade in
einer Phase zunehmender globaler Handelskonflikte.
Der Warenhandel zwischen der EU und Indien ist in den vergangenen zehn
Jahren um fast 90 Prozent gewachsen. Allein 2024 exportierte die EU Waren
im Wert von 48,8 Milliarden Euro nach Indien. Dennoch bleibt der
Marktzugang für europäische Unternehmen stark eingeschränkt: Indische
Zölle liegen in einigen Sektoren bei bis zu 150 Prozent, obwohl bereits
rund 6.000 europäische Unternehmen in Indien tätig sind.
„Indien ist ein dynamischer Wachstumsmarkt, aber gleichzeitig stark
abgeschottet“, sagt Julian Hinz, Forschungsdirektor am Kiel Institut für
Weltwirtschaft. „Ein umfassendes EU-Indien-Freihandelsabkommen würde große
Teile der Wirtschaft öffnen, Lieferketten stärken und geopolitische
Risiken reduzieren.“
Modellsimulationen zeigen, dass ein umfassendes Abkommen Indiens Exporte
in die EU um 41 Prozent und die EU-Exporte nach Indien um 65 Prozent
steigern könnten. Die daraus resultierenden Einkommensgewinne – rund 22
Milliarden Euro jährlich für die EU und 4,2 Milliarden Dollar für Indien –
konzentrieren sich hauptsächlich auf exportorientierte Sektoren wie IT-
Dienstleistungen, Textilien, Chemie, Maschinenbau und
Nahrungsmittelverarbeitung.
Der Zeitpunkt ist entscheidend. Indien ist derzeit mit US-Zöllen von bis
zu 50 Prozent konfrontiert, die 2025 schrittweise eingeführt wurden. Diese
Maßnahmen haben die Handelsvolumina deutlich reduziert und
wirtschaftlichen Schaden angerichtet. „Vor diesem Hintergrund wirkt ein
EU-Indien-Abkommen stabilisierend“, sagt Vasundhara Thakur, Ökonomin am
Kiel Institut. „Es ist eine Art Versicherung gegen die zunehmende globale
Handelsunsicherheit und ein klares Signal für regelbasierte Kooperation.“
Jetzt Analyse lesen: The EU–India Trade Deal: Strategic Diversification in
an Era of Uncertainty/https://www.kielin
india-trade-deal-strategic-div
