Methoden für faire Bürgerbeteiligung
Das Buch „Fairness and Competence in Citizen Participation: A Critical
Review of Formats for Deliberative Poliymaking" untersucht, wie eine
professionell und fair gestaltete Bürgerbeteiligung die Demokratie stützen
und eine effektive Umweltpolitik fördern kann. In den Kapiteln stellen
renommierte Autorinnen und Autoren aus aller Welt die Vorteile und Grenzen
unterschiedlicher Formate zur Beteiligung der Öffentlichkeit an der
Politikgestaltung vor.
Das Buch, herausgegeben von Ortwin Renn (Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit), Thomas Webler (Social and Environmental Research
Institute, USA) und Pia-Johanna Schweizer (Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit) ist eine vollständig überarbeitete Fassung des 1995
erschienenen Buches „Fairness and Competence in Citizen Participation:
Evaluating Models for Environmental Discourse”, damals herausgegeben von
Ortwin Renn, Thomas Webler und Peter Wiedemann. Seit der Veröffentlichung
haben sich Theorie und Praxis der Bürgerbeteiligung erheblich verändert:
Vor 30 Jahren war die deliberative Bürgerbeteiligung ein weitgehend
theoretisches Ideal. Mittlerweile sind Verfahren, die früher als
Innovationen im Bereich der Bürgerbeteiligung galten, ein etablierter Teil
der politischen Landschaft, vor allem in der Umweltpolitik.
Dieser Erfolg bringt jedoch die Verantwortung mit sich, die
Leistungsfähigkeit dieser neuen Instrumente für demokratische Beratungen
systematisch zu untersuchen. Das neue Buch leistet genau dies: Jeweils ein
Autor oder eine Autorin stellt das jeweilige Format in seinen Grundzügen
und seiner Leistungsfähigkeit vor, während ein zweiter Autor oder eine
zweite Autorin die Grenzen und Herausforderungen im Praxistest
herausstellt. Diese paarweise Anordnung von Pro- und Contra-Argumenten
zieht sich durch das ganze Buch. Die differenzierten Betrachtungen sollten
dazu beitragen, die Stärken dieser Formate bewusst einzusetzen und
mögliche Schwächen zu vermeiden. Dadurch können Fehlentwicklungen in der
Praxis vermieden werden.
Behandelt werden insgesamt acht zurzeit besonders beliebte Formate der
deliberativen Bürgerbeteiligung: Bürgerjurys, Decision Theaters
(computergestützte, dialogbasierte Entscheidungsverfahren), Online-
Deliberation, Konsenskonferenzen, deliberative Meinungsabfrage,
Mediationsverfahren, Bürgerräte (Bürgerforen, Mini-Publics) und Multi-
Stakeholder-Plattformen (Runde Tische). Darüber hinaus umfasst das Buch
zwei Kapitel zur konzeptionellen Einordnung der Beteiligung als Element
von Demokratie und politischer Kultur sowie am Ende des Buches eine
Zusammenfassung der Vor- und Nachteile aller behandelten Formate.
In diesem letzten Kapitel entwickeln die Herausgebenden acht zentrale
Botschaften aus den jeweiligen Gegenüberstellungen der Formate:
1. Für Bürgerbeteiligung gibt es keinen Königsweg. Vielmehr haben alle
Formate Vor- und Nachteile. Kombinationen von Formaten sind vielfach
erforderlich, um eine faire und effektive Beteiligung bei komplexen
Problemen sicherzustellen.
2. Bei den Formaten kommt es nicht allein auf Repräsentativität der
Teilnehmenden an den Formaten an. Es geht um Vielfalt und um eine gerechte
Mitwirkung der betroffenen Menschen an der Gestaltung ihrer Lebenswelt.
3. Beteiligung ist wirkungslos, wenn der Transfer in die zuständigen
Entscheidungsgremien ausbleibt oder nur symbolisch erfolgt.
4. Digitale Tools sind vielversprechend, bergen aber auch die Gefahr,
Ausgrenzung und Intransparenz zu verstärken.
5. Die Qualität der Deliberation hängt von einer fairen und
nachvollziehbaren Auswahl der Teilnehmenden sowie einer kompetenten
professionellen Moderation ab, der es gelingen muss, die vielfältigen
Arten des Wissens und der Argumentation ausgewogen und angemessen
zusammenzuführen,
6. Formate müssen auf den jeweiligen Fall zugeschnitten werden. Der
Kontext, das behandelte Problem und die mit der Beteiligung verbundene
Zielstellung sind wesentliche Gestaltungskriterien für die Auswahl und
Kombination von Formaten.
7. Eine zufällige Auswahl der Teilnehmenden wie bei Bürgerräten oder
Bürgerforen erhöht zwar die Fairness, läuft aber Gefahr, die Personen
auszuschließen, die in der Gesellschaft besonders ausgegrenzt oder
unterrepräsentiert sind. Um diesen Personen eine Stimme zu geben, sind
spezielle Formate, die bewusst nur diese Gruppen ansprechen, wie etwa
Fokusgruppen, zu empfehlen.
8. Deliberative Prozesse zur Unterstützung (nicht zum Ersatz)
demokratischer Entscheidungsprozesse sind ein vielversprechender Weg, um
demokratische Regierungsführung mit gesellschaftlichen Werten Interessen
und Präferenzen in Einklang zu bringen und dadurch die demokratischen
Prinzipien und die demokratische Praxis zu stärken.
Das Buch richtet sich an Forschende, Praktikerinnen und Vertreter von
Verwaltungen, öffentlichen und privaten Institutionen sowie
Nichtregierungsorganisationen, die an einer wissenschaftlich fundierten
und praktisch bewährten Anleitung zur Auswahl und Gestaltung von
Beteiligungsformaten interessiert sind.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Pia-Johanna Schweizer
pia-johanna.schweizer@rifs-pot
Originalpublikation:
Schweizer, P.-J., Renn, O., & Webler, T. (2025). Conclusions and Outlook.
In Fairness and Competence in Citizen Participation: A Critical Review of
Formats for Deliberative Policymaking (pp. 367-389). Cham: Springer Nature
Switzerland. doi:10.1007/978-3-032-02302-5_
