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DGOU unterstützt: Schicksal Schwerverletzter in der Straßenverkehrsunfallstatistik besser sichtbar machen

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Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU)
begrüßt die Annäherung der amtlichen Straßenverkehrsunfallstatistik an
internationale Standards. Künftig könnten verkehrsspezifische Unfalldaten
erstmals direkt mit medizinischen Bewertungen verknüpft werden. Denn
Deutschland erfasst Schwerverletzte bislang nach einem rein formalen
Kriterium, das über die tatsächliche Schwere der Verletzung wenig aussagt.
Auf dem bevorstehenden Verkehrsgerichtstag in Goslar soll das Thema weiter
vorangebracht werden.

Im Vorfeld sagt DGOU-Präsident Prof. Dr. Frank Hildebrand: „Wenn
Schwerverletzte tatsächlich medizinisch besser sichtbar werden, können
Schutz- und Präventionsprogramme gezielter entwickelt werden.“

Die seit Jahren sinkende Anzahl von Verkehrstoten darf nicht darüber
hinwegtäuschen, dass viele Menschen schwere Unfälle durch eine verbesserte
Lebensrettung überleben und dauerhaft mit gravierenden Folgen leben – ein
Schicksal, das statistisch bislang kaum sichtbar wird. Denn schwer
verletzte Menschen werden derzeit in der amtlichen Statistik überwiegend
nach Verwaltungsmerkmalen erfasst. „Wer 24 Stunden im Krankenhaus bleibt,
gilt als schwerverletzt – das kann aber ebenso eine leichte
Gehirnerschütterung zur Beobachtung sein“, erklärt Privatdozent Dr.
Christopher Spering, er leitet die DGOU-Sektion Prävention. Spering sagt
daher: „Diese Definition wird der medizinischen Realität nicht gerecht.
Die Bandbreite reicht von Personen, die wenige Tage zur Beobachtung
bleiben, bis hin zu Menschen mit schwersten Mehrfachverletzungen und
dauerhaften Pflegebedarfen.“ Seit Jahren wird daher gefordert, die Gruppe
der Schwerverletzten differenzierter abzubilden. Mit der Einführung der
medizinischen Klassifizierung MAIS 3+ (Maximum Abbreviated Injury Scale)
könnte das gelingen. Dieses international etablierte Klassifikationssystem
bewertet jede einzelne Verletzung nach ihrem Schweregrad von 1 (gering)
bis 6 (maximal/tödlich). Bei mehreren Verletzungen zählt der höchste Wert.
Eine Einstufung als MAIS 3+ bedeutet, dass mindestens eine Verletzung
schwerwiegend, potenziell lebensgefährlich oder langfristig folgenreich
ist.

Ein wesentlicher Vorteil der MAIS-Einstufung liegt in ihrer praktischen
Umsetzbarkeit: Sie kann unmittelbar durch Ärztinnen und Ärzte im
Krankenhaus vorgenommen werden. Gerade Traumazentren aus dem
TraumaNetzwerk DGU® verfügen über die notwendige Expertise aus dem
Schwerverletztenmanagement, um diese Einschätzung barrierefrei und ohne
Zeitverzug zu leisten. „Damit erleichtert sich die Praxis, bei der die
Polizei im Krankenhaus anrufen muss, um den Gesundheitszustand
abzufragen“, sagt Spering. Die medizinische Bewertung liegt zu diesem
Zeitpunkt längst vor. Durch die systematische Erfassung nach MAIS könnten
medizinische und verkehrsspezifische Daten erstmals direkt zusammengeführt
werden. Die Unfallstatistik würde damit nicht mehr nur organisatorische
Abläufe widerspiegeln, sondern die tatsächlichen Verletzungsfolgen.

Seit rund 30 Jahren dokumentieren Orthopäden und Unfallchirurgen schwere
Verletzungen nach Unfällen in Verkehr, Beruf und Freizeit nach dem AIS-
System im TraumaRegister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
(DGU). „Diese Registerdaten haben wesentlich dazu beigetragen,
Versorgungskonzepte zu standardisieren, Abläufe zu beschleunigen und die
Überlebenschancen sowie die Lebensqualität nach schweren Unfällen deutlich
zu verbessern“, sagt Prof. Dr. Sascha Flohé, stellvertretender DGOU-
Generalsekretär und Generalsekretär der DGU. Zugleich wird hier die
Datenlücke zwischen amtlicher Straßenverkehrsunfallstatistik und dem
TraumaRegister sichtbar: Denn das medizinische Register enthält keine
Daten zum detaillierten Unfallhergang.  Es erfasst auch nicht die
Menschen, die noch an der Unfallstelle versterben. Über ihre
Verletzungsmuster und die entscheidenden Unfallmechanismen ist daher oft
wenig bekannt – Informationen, die für eine wirksame Präventionsarbeit und
die Weiterentwicklung von Fahrzeugsicherheit, Schutzsystemen und
Infrastruktur jedoch unverzichtbar sind. Eine bessere Verzahnung von
Verkehrs- und Medizindaten ist deshalb dringend erforderlich.

Spering leitet für die Fachgesellschaft den Vorstandsausschuss
Verkehrsmedizin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats und referiert auch
auf dem Verkehrsgerichtstag. Er sagt: „Die Aufnahme von MAIS 3+ in die
amtliche Straßenverkehrsunfallstatistik ist ein wichtiger Schritt für die
moderne, evidenzbasierte Verkehrssicherheitsarbeit. Sie schafft die
Grundlage für gezielte Prävention, optimierte Versorgung und effektive
Nachsorge von Schwerverletzten und stellt einen bedeutenden Beitrag zum
Erreichen der Vision Zero dar. Die medizinische Klassifizierung nach MAIS
3+ sollte daher zeitnah und flächendeckend umgesetzt werden.“

Im Verkehrssicherheitsprogramm der Bundesregierung 2021-2030 heißt es,
dass das Verkehrsministerium plant, „den Prozess für die Erfassung von
Unfalldaten von Schwerverletzten (MAIS 3+1) neu anzustoßen“ mit dem Ziel
eines gemeinsamen Vorgehens von Bund und Ländern, um der Vision Zero
gerecht zu werden. Daher wirbt der Verkehrsgerichtstag für dieses
Vorhaben. Er findet vom 28. bis zum 30. Januar in Goslar statt.