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Wenn Künstliche Intelligenz allein Regie führt

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Egal ob auf Plakaten, in Werbespots oder Bildern und Videos in den
sozialen Medien: Künstliche Intelligenz ist inzwischen an vielen Stellen
im Alltag zu finden. Dementsprechend laut sind kritische Stimmen, die vor
dem Wegfall vieler Arbeitsplätze warnen. Doch was kann KI wirklich, wenn
der Mensch möglichst wenig Zeit und Geld in die Produktion investieren
möchte? Mit dieser Frage hat sich Prof. Dr. Holger Rada, Leiter des
Studiengangs Digitale Medienproduktion an der Hochschule Bremerhaven,
beschäftigt. Er hat mehrere KI-Tools gemeinsam ein Musikvideo produzieren
lassen, ohne dabei selbst gestalterisch einzugreifen. Das Ergebnis zeigt,
was KI heute schon kann - und wo die Grenzen liegen.



Der Einsatz von Generativer KI wird derzeit stark diskutiert. Zuletzt
hatten zwei von Künstlicher Intelligenz generierte Weihnachtswerbespots
Kontroversen ausgelöst. Dabei ging es nicht nur um die Qualität, sondern
auch um eine generelle Ablehnung von Videos, die von KI statt von
Mediengestalter:innen erstellt wurden. Bei Prof. Dr. Holger Rada hat dies
die Neugier geweckt. „Ich wollte selbst herausfinden, was nach dem
aktuellen Stand der Technik möglich ist, wenn man nur die KI arbeiten
lässt und selbst nichts mehr nachbearbeitet. Dabei geht es mir nicht
darum, KI durch die rosarote Brille zu sehen. Vielmehr möchte ich zur
Diskussion anregen“, sagt er. Die Idee: Mehrere Tools gemeinsam ein
Musikvideo erstellen zu lassen, ohne selbst gestalterisch groß
einzugreifen. Auch die Musik wurde von KI “komponiert“ (Suno 4.5).
Grundlage bildete ein Konzept, das von Gemini 3 auf Basis von drei, vier
menschlichen Stichworten entwickelt wurde. Die KI hat Inhalte und
Dramaturgie selbst festgelegt. Auch die Prompts für die
Charakterentwicklung (Nano Banana Pro) und Videogenerierung (Flow/Veo 3.1
& Runway 4.0) wurden hauptsächlich von der KI erstellt. Die
Lippensynchronisation erfolgte mit Heygen Avatar IV. Gemeinsam haben die
KI-Werkzeuge ein Lied und die passenden Szenen für das Musikvideo
generiert. Das Ergebnis kann auf YouTube unter
https://www.youtube.com/watch?v=iVvw95MEkn8 abgerufen werden. „Es gibt
einige Stellen, die in dem Video nicht so toll sind und nachbearbeitet
werden müssten. Aber das wollte ich nicht, denn genau darum geht es. Es
soll eine Machbarkeitsstudie sein, die zeigt, was KI hervorbringt, wenn
wir Menschen nicht mehr groß eingreifen“, erklärt der Professor.

Kritische Auseinandersetzung mit KI wichtig

Das Video hat er unter anderem im laufenden Medienprojekt „Musikvideo“
gezeigt, um darüber mit seinen Studierenden zu diskutieren. Dort sind die
Meinungen gespalten. Einige von ihnen lehnen die Nutzung Künstlicher
Intelligenz ab, andere sehen darin in manchen Bereichen eine
Arbeitserleichterung. „Künstliche Intelligenz ist Thema in allen
Lehrveranstaltungen unseres Studiengangs. Uns ist wichtig, dass unsere
Studierenden lernen, wie man sie sinnvoll nutzen kann. Dabei möchten wir
auch die kritische Auseinandersetzung fördern. Es muss eine bewusste
Entscheidung sein, wann der Einsatz von KI sinnvoll ist und wann etwas
lieber auf traditionelle Weise gelöst werden sollte“, erklärt Prof. Rada.
Wichtig sei die Transparenz. Es müsse eindeutig zu erkennen sein, wenn
Künstliche Intelligenz im Spiel ist. Bei „seinem“ Musikvideo hat er dies
nicht nur bereits in den Titel geschrieben, sondern auch über ein
Wasserzeichen im Video selbst und im Abspann gekennzeichnet. Dort sind
statt beteiligter Personen die KI-Apps aufgelistet, mit denen das Video
erstellt wurde.

Studierende bekommen Werkzeug für sich verändernde Arbeitswelt

Künstliche Intelligenz verändert die Branche – das ist den Lehrenden
bewusst. Sie beobachten die Entwicklungen und bilden sich weiter, um immer
die neuesten Tools in ihren Lehrveranstaltungen vorstellen zu können. So
auch Professorin Nicole Slink, die im Bereich Kommunikationsdesign lehrt
und sich schon länger mit KI beschäftigt. „Wir wissen, dass in unserem
Bereich Arbeitsplätze wegfallen werden. Das können wir weder ignorieren,
noch schönreden. Allerdings werden dafür auch neue entstehen. Darauf
müssen wir in unserem Studiengang reagieren und den Studierenden das
entsprechende Werkzeug an die Hand geben“, sagt sie. Sie macht die
Erfahrung, dass ihre Studierenden zwar gern Neues ausprobieren, allerdings
auch weiterhin selbst aktiv werden möchten. „Viele von ihnen nehmen lieber
selbst die Kamera in die Hand oder zeichnen etwas, statt Bilder von KI
erstellen zu lassen. Sie beschäftigen sich zudem mit den vielen
Herausforderungen, die KI mit sich bringt: Themen wie Urheberrecht oder
Datenschutz“, so die Professorin weiter. Auf der anderen Seite biete KI
aber eine willkommene Erleichterung und Zeitersparnis, beispielsweise bei
der Bearbeitung von Bildern.

Ähnlich sieht es auch Prof. Rada. Gleichzeitig sei faszinierend, was
Künstliche Intelligenz bereits kann: „Noch vor einem Jahr hätte das Video
ganz anders ausgesehen. Es hätte viel mehr Darstellungsfehler gegeben.
Teile der Personen wären teilweise hinter anderen Objekten verschwunden
oder die Charaktere hätten mehr als fünf Finger an der Hand gehabt. Die
schnelle Entwicklung ist beeindruckend.“ Bei aller Faszination dürfe aber
nicht vergessen werden, wie hoch der Energieverbrauch durch die KI-Nutzung
sei. Es sei beispielsweise kritisch zu sehen, dass in den USA ein
Atomkraftwerk reaktiviert werden soll, um KI-Rechenzentren mit Strom zu
versorgen. Oder dass neue Reaktoren zu diesem Zweck entwickelt werden
sollen. „Es ist wichtig, auch für diese negativen Aspekte das Bewusstsein
zu schaffen. Nur dann können die Studierenden heute und in Zukunft
abwägen, wann der Einsatz von KI wirklich sinnvoll und vertretbar ist“, so
der Professor. Abschließend weist er darauf hin, dass die Studierenden in
seinem Projekt die Musikvideos am Ende doch ganz traditionell und ohne KI
produzieren würden.

Der Bachelorstudiengang Digitale Medienproduktion setzt auf ein
fächerübergreifendes Profil mit einem Ausbildungsschwerpunkt in der
Verzahnung der Disziplinen, also der Konzeption, Gestaltung und
Entwicklung multimedialer Systeme. Die Design- und Informatikanteile des
Studiengangs werden dabei nicht als isolierte Module unterschiedlicher
Disziplinen begriffen, sondern bedingen sich gegenseitig und bauen
aufeinander auf. Daneben werden Aspekte der Medienproduktion
berücksichtigt, die sich mit der Konzeption, Planung, Budgetierung und
Vermarktung von Anwendungen befassen. Die Ergebnisse studentischer
Medienprojekte können jedes Jahr beim DMP-Tag bewundert werden. Dieser
findet 2026 am 12. Juni statt.