Zwischen Kompass und Bibel – UDE-Theologe übersetzt Mercators religiöses Hauptwerk
Gerhard Mercator löste Ende des 16. Jahrhunderts ein zentrales Problem der
Seefahrt: Seine gleichnamige Projektion ermöglichte es erstmals,
Meeresrouten auch über große Distanzen hinweg mit Lineal und Kompass zu
planen. Der berühmte Kartograf, dessen Karten zum großen Teil in Duisburg
entstanden, war jedoch auch theologischer Autodidakt. Als solcher setzte
er sich mit dem biblischen Römerbrief auseinander.
Erst gegen Ende des 19.
Jahrhunderts wurde diese Handschrift wiederentdeckt. Dr. Marcel Nieden,
Professor für Historische Theologie am Institut für Evangelische Theologie
der Universität Duisburg-Essen, hat das religiöse Hauptwerk Mercators
erstmals ediert* und ins Deutsche übersetzt.
Professor Nieden, warum und in welcher Weise haben Sie sich mit Mercators
Römerbriefkommentar beschäftigt?
Anlass war der 500. Geburtstag des großen Kartografen im Jahr 2012. Ich
entdeckte damals zu meiner Überraschung, dass Mercator auch einige
theologische Schriften verfasst hat, darunter auch einen lateinischen
Kommentar zum Römerbrief. Diesen nur als Handschrift überlieferten Text
habe ich zusammen mit meinem Mitarbeiter Dr. Daniel Bohnert ediert,
sachlich erläutert und ins Deutsche übersetzt, um ihn leichter zugänglich
zu machen.
Warum sind Mercators theologische Arbeiten nur wenig bekannt?
Sie standen immer im Schatten seines kartografischen Schaffens. Im Fall
des Römerbriefkommentars kommt noch hinzu, dass er lange Zeit als
verschollen galt. Er tauchte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der
Universitätsbibliothek Leiden auf. Da er nicht ediert wurde, spielte er in
der Mercator-Forschung bislang keine nennenswerte Rolle.
Warum hat sich Mercator so tief mit Religion und dem Römerbrief im
Speziellen auseinandergesetzt?
Es ist anscheinend um 1570 herum in Duisburg zu intensiveren theologischen
Auseinandersetzungen gekommen. Einige reformierte Bürger vertraten damals
die Lehre, der Mensch sei zum ewigen Heil oder Unheil vorherbestimmt.
Dagegen erhebt Mercator Einspruch. Seiner Meinung nach ist der Mensch
frei, auf Gottes Wirken eingehen zu können – oder eben nicht. Da sich die
Vertreter der Vorherbestimmungslehre gerne auf Stellen aus dem Brief des
Paulus an die Römer beriefen, will Mercator zeigen, dass man Paulus anders
verstehen muss.
Lag er damit im Trend der Zeit oder eckte er an?
Mit dem Kommentar hat sich Mercator kaum Freunde gemacht. Reformierte
Theologen kritisierten besonders den Versuch, menschliche Freiheit und
göttliche Vorherbestimmung zu verbinden. Lutheranern und Katholiken
wiederum dürfte das, was sie zur Kirche oder Taufe lesen konnten, nicht
gefallen haben. Mercator war jedoch überzeugt, mit seiner Auslegung die
‚wahre‘ Ansicht des Paulus dargelegt zu haben.
* Wer eine Handschrift ediert, erschließt sie wissenschaftlich, indem
er/sie den Text entziffert, Besonderheiten/Varianten prüft und den Text in
eine heute lesbare Form bringt.
Zum ausführlichen Interview auf den Seiten des Instituts für Evangelische
Theologie. Die Fragen stellte Birte Vierjahn.
