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DBU: Mehr Kunststoff-Recycling sichert Klimaschutz und Wirtschaftsstandort

Kreislaufwirtschaft sollte künftig auch für Kunststoff Kompass sein, fordert Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Ein Positionspapier im Auftrag der DBU bietet Lösungen für die Stabilisierung des Rezyklatemarkts.  Copyright: Rax Qiu - stock.adobe.com
Kreislaufwirtschaft sollte künftig auch für Kunststoff Kompass sein, fordert Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Ein Positionspapier im Auftrag der DBU bietet Lösungen für die Stabilisierung des Rezyklatemarkts. Copyright: Rax Qiu - stock.adobe.com
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Die für Klima- und Ressourcenschutz sowie Unabhängigkeit von fossilen
Rohstoffimporten immens wichtige Kunststoff-Recycling-Branche benötigt
bundesweit dringend neue Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Zu diesem
Schluss kommt eine Untersuchung des Wuppertal Instituts im Auftrag der
Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Derzeit sei die Lage dramatisch, so
das Forschungsinstitut in einem Positionspapier, das heute (Mittwoch) auf
der Umwelttechnologie-Messe IFAT in München präsentiert wird und sechs
Lösungen zur Rettung der Branche vorschlägt.

Osnabrück. Die für Klima- und Ressourcenschutz sowie Unabhängigkeit von
fossilen Rohstoffimporten immens wichtige Kunststoff-Recycling-Branche
benötigt bundesweit dringend neue Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Wuppertal Instituts im
Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Derzeit sei die Lage
dramatisch, so das Forschungsinstitut in einem Positionspapier, das heute
(Mittwoch) auf der Umwelttechnologie-Messe IFAT in München präsentiert
wird und sechs Lösungen zur Rettung der Branche vorschlägt, darunter:
Förderung zirkulärer Geschäftsmodelle, globale Plastikabgabe und
Beschaffungen der öffentlichen Hand für zusätzliche Nachfrage nach
Rezyklaten, also recycelten Kunststoffen.

Bonde: Diesen Trumpf dürfen wir nicht verspielen

„Eine umfassende Kreislaufwirtschaft sollte für Kunststoff Kompass sein“,
so DBU-Generalsekretär Alexander Bonde. „Der angespannte Rezyklate-Markt
muss mit Innovationen gestützt werden – sonst droht ein Verlust von
Industrie und Ideen.“ Vielversprechende Technologien in Deutschland
müssten am Markt etabliert werden. „Diesen Trumpf dürfen wir nicht
verspielen“, so Bonde. Die Wertschöpfungskette Kunststoff sei weitgehend
linear organisiert, die Kunststoffherstellung basiere vor allem auf dem
fossilen Öl und verursache enorme Abfallmengen. Notwendig sei jedoch „eine
Abkehr vom linearen Muster des ‚take-make-waste‘, also Abbau, Nutzung und
Abfall von Rohstoffen. Nachhaltiges Handeln und Wirtschaften funktioniert
nur in einer Circular Economy – vom Produktdesign über Müllvermeidung bis
zum Wiederverwerten, Teilen, Reparieren und Recyceln“, so Bonde.

EU-Verpackungsverordnung PPWR: Umwälzung für die gesamte Kunststoff-
Branche

In wenigen Monaten, am 12. August 2026, steht die Kunststoff-Branche in
Europa vor einer rigorosen Umwälzung: An dem Tag greift die am 11. Februar
2025 in Kraft getretene neue Verordnung der Europäischen Union (EU) für
Verpackungen und Verpackungsabfälle (Packaging and Packaging Waste
Regulation, PPWR). Die PPWR soll den Verpackungsverbrauch reduzieren,
Recyclingfähigkeit verbessern und Kreislaufwirtschaft fördern, inklusive
Mindestquoten für Rezyklate: Ab 1. Januar 2030 sind es 30 Prozent bei
kontaktempfindlichen Verpackungen mit PET als Hauptbestandteil, ab 2040 in
derselben Kategorie gar 50 Prozent. Einweggetränkeflaschen aus Kunststoff
müssen ab 2030 einen Anteil von 30 Prozent Rezyklaten aufweisen, ab 2040
sogar 65 Prozent. Nach dem Willen der EU soll die PPWR die Nachfrage nach
Rezyklat als Sekundärrohstoff steigern – und so den Bedarf an fossilen
Rohstoffen verringern, Treibhausgas-Emissionen minimieren sowie
Kreislauffähigkeit von Kunststoffen verbessern. Was auf den ersten Blick
plausibel klingt, hat jedoch mehrere Haken, wie Prof. Dr. Henning Wilts,
der Autor des Positionspapiers, erläutert. Abgesehen von dem nach seiner
Ansicht „zu spät“ geltenden EU-Regelungen weist der Leiter der Abteilung
Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal Institut auf eine akute Bredouille der
Branche hin: die schwache Nachfrage nach Rezyklaten – sogar bei steigendem
Ölpreis, der erdölbasierte neue Kunststoffprodukte verteuert und somit
eigentlich Erzeugnissen aus preisgünstigeren Rezyklaten einen
Wettbewerbsvorteil verschaffen müsste. Die Folge: Wegen fehlender
Investitionssicherheit geben immer mehr Kunststoffrecycling-Betriebe auf.
Know-how gehe verloren, so Wilts. Es drohe eine Rezyklatlücke, was dazu
führen könne, „dass man wegen der PPWR-Vorgaben auf Rezyklat-Importe aus
dem Ausland zurückgreifen muss“.

Vorschläge des Wuppertal-Instituts: Plastikabgabe und Reduzierung der
Kunststoff-Materialvielfalt

Das Positionspapier wolle hier gegensteuern, so Wilts. Die geringe
Rezyklat-Nachfrage beruhe teils auf das vermeintlich negative Image von
recyceltem Kunststoff, teils auf spezielle Kunststoff-Anforderungen. Der
Vorteil von Kunststoff-Vielfalt etwa bei Form, Farbe und Festigkeit sei
ein Nachteil für die Recycling-Branche: Es gebe „Zehntausende Kunststoff-
Varianten, die theoretisch denkbare Recyclingverfahren in der Praxis
verhindern“, sagt der 48-jährige Abteilungsleiter. Bundesweit liege der
Rezyklatanteil unter 20 Prozent, „obwohl innovative Technologien einen
deutlich höheren Anteil ermöglichen würden“. Die sechs Vorschläge des
Positionspapiers sollen der Kunststoff-Branche aus ihrer Zwickmühle
zwischen Mindestrezyklatquote und zunehmend wegbrechender
Recyclingkapazität wegen geringer Rezyklat-Nachfrage helfen. Autor Wilts
rät etwa, die „teils exzessive Materialvielfalt“ beträchtlich zu
reduzieren – ohne die Funktionalität des Materials zu gefährden.
Materialvielfalt sowie Mindestrezyklatquote sind auch Bestandteil der
aktuell diskutierten „Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie“ (NKWS) der
Bundesregierung. Wilts weiter: Beschaffungen der öffentlichen Hand böten
„einen zentralen Hebel“ für zusätzliche Nachfrage nach
Kunststoffrezyklaten. Zudem sei eine Plastikabgabe sinnvoll, „um die
Umweltkosten bei Gewinnung und Verarbeitung von Erdöl zu Kunststoff zu
integrieren“. Diese sei allerdings global koordiniert umzusetzen und dürfe
nicht dazu führen, „dass auf ökologisch nachteilige Alternativmaterialien
zurückgegriffen wird“. Auch ein Punkt im Positionspapier: Plastik als
Dienstleistung – ein Konzept, bei dem Umsatz nicht durch Verkauf, sondern
durch zirkuläre Nutzung von Kunststoff erzielt wird. So berechnet etwa
Rolls-Royce laut Wilts Gebühren für die Nutzung von Flugzeugturbinen,
statt diese zu veräußern.

Weltweit pro Jahr rund 431 Millionen Tonnen Kunststoff produziert – von
Badezimmer bis Backpapier

Kunststoff ist omnipräsent – von Badezimmer bis Backpapier, von Kleidung
über Computer bis Kosmetika, nicht zu vergessen der Elektronik- und
Mobilitätssektor. Weltweit werden jährlich laut Verband Plastics Europe
etwa 431 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, davon mehr als ein
Drittel in China, 55 Millionen Tonnen in Europa und 13 Millionen Tonnen in
Deutschland. Die Abfall-Folgen: Kunststoffpartikel selbst auf dem Himalaya
und mehr als 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren. Wilts geht
von „rund 16 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen in Europa und sechs
Millionen Tonnen in Deutschland“ aus. Bundesweit werde „knapp die Hälfte“
recycelt, in Europa erheblich weniger. Der globale
Kunststoffrecyclingmarkt umfasst Wilts zufolge ein Volumen von umgerechnet
etwa 51,4 Milliarden Euro. Ausgangsmaterialien für Rezyklate seien aktuell
Produkte mit Vorgaben für Kunststoffrecycling, vor allem Verpackungen,
Fahrzeuge, Elektronikware sowie bestimmte gewerbliche Abfälle. Der
Kunststoffrecyclingmarkt sei hierzulande überwiegend mittelständisch.
„Fast alles“ könne recycelt werden, mittels KI-basierter Sortierung sogar
„sehr spezialisierte Aufbereitung“. Wegen fehlender verlässlicher
Nachfrage sei aber Stand der Technik, „dass diese Innovationen nicht über
die Uni-Labore hinauskommen“.