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„Stark in Lehre und Forschung, stark im Transfer“: Festakt zum 50. Geburtstag der EvH RWL

Die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (EvH RWL) in Bochum
ist ein halbes Jahrhundert alt! Im Rahmen eines hybriden Festakts wurde
dies jetzt gefeiert.

Die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (EvH RWL) in Bochum
ist ein halbes Jahrhundert alt! Im Rahmen eines hybriden Festakts wurde
dies am Mittwoch gefeiert. „Mit unseren 50 Jahren gehören wir zur
Gründergeneration der Fachhochschulen – heute Hochschulen für Angewandte
Wissenschaften, kurz HAWs“, betonte EvH-Rektorin Prof. Dr. Dr. Sigrid
Graumann. „Wir forschen und lehren interdisziplinär und praxisnah, bilden
Fachkräfte für die Region aus und leisten einen Beitrag zur
Bildungsgerechtigkeit.“ So seien zahlreiche EvH-Studierende die ersten in
ihrer Familie überhaupt, die studierten.

Ein Erfolgsmodell also: In Deutschland seien allein 40 Prozent der
Studierenden an HAWs eingeschrieben. 1968 hätten die Ministerpräsidenten
die Umwandlung höherer Fachschulen in Fachhochschulen beschlossen. Dazu
gehörten neben den Ingenieursschulen auch die kirchlichen Fachschulen für
soziale Berufe, an denen vor allem Frauen ausgebildet wurden. „Unsere
Hochschule mit sechs Bachelor- und zwei Master-Studiengängen für soziale
Berufe und mittlerweile fast 2700 Studierenden geht auf diese Fachschulen
zurück,“ so Graumann.

Stark in der anwendungsbezogenen Lehre und Forschung, stark im Transfer:
Auch Isabel Pfeiffer-Poensgen, NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft,
betonte in ihrem Grußwort den Stellenwert der HAWs: „Seit 50 Jahren sind
sie fester Bestandteil der Hochschullandschaft.“ Dies führe zum Erfolg,
wenn die Verbindung von Tradition und Moderne die Entwicklung präge – wie
die EvH als staatlich anerkannte, refinanzierte Hochschule in kirchlicher
Trägerschaft zeige. Im Bewusstsein ihrer sozialen Verantwortung trage sie
zu Professionalisierung und Akademisierung sozialer Berufe bei. „Als
lebhafter Ort für Lehre, Forschung und Transfer orientiert sie sich an
freiheitlichen, christlich-humanitären Werten – ein Anspruch an sich
selbst, der sie zu einer interkulturellen, inklusiven und
familienfreundlichen Hochschule macht, die für die Zukunft gut aufgestellt
ist.“

Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch würdigte 50 Jahre erfolgreicher
Bildungsarbeit am Standort Bochum: „Wir sind stolz, dass die größte
evangelische Hochschule Deutschlands hier bei uns ihr Zuhause hat.“ 700
Jahre Bochum und 50 Jahre EvH: Ein Doppeljubiläum, das die Verbindung
zwischen Hochschule und Stadt symbolisiere. 1971 sei das Zechensterben in
der einstigen Kohlehauptstadt Europas in vollem Gange gewesen. Bochum habe
sich neu positioniert und auf Bildung gesetzt, mit dem Ziel, zum modernen
Wissenschaftsstandort zu werden.

„Dass das gelungen ist, ist auch der EvH zu verdanken“, so Eiskirch. Sei
sie doch Mitbegründerin des UniverCity-Netzwerkes gewesen und damit von
erster Stunde an „wichtige Partnerin bei der Gestaltung der Gesellschaft
von morgen“. Nicht zuletzt werde die Relevanz der EvH für das
Zusammenleben in Bochum an Projekten wie dem Schwanenmarkt 1, dem Labor
für Kunst und soziale Recherche, deutlich. Hier sei ein moderner und
lebendiger Lernraum entstanden. „Ein Ort, der die Bürger_innen mit
einbezieht und als Schnittstelle zwischen Hochschule und Stadtgesellschaft
fungiert“.

Auch die drei Bochumer Landtagsabgeordneten Serdar Yüksel, Carina Gödecke
und Prof. Dr. Karsten Rudolph sandten Glückwünsche „nach Bochum, in unsere
Heimatstadt“. Gefeiert würden 2021 auch 75 Jahre Land NRW, 75 Jahre
Landtag, 75 Jahre Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie
„erfreulicher Weise 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Besonders
Yüksel als EvH-Alumnus der  Pflegewissenschaft würdigte eine „echt tolle
Zeit“. Er habe aus seinem Studium eine Menge Rüstzeug für seine politische
Arbeit mitnehmen können.

Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen,
gratulierte ebenfalls digital. „50 Jahre, eigentlich 61, eigentlich sogar
91, und in Wirklichkeit 104 Jahre EvH samt ihren Vorläufereinrichtungen.
Das ist eine lange Strecke mit einer wechselvollen Geschichte, mit
verschiedenen Namen und an verschiedenen Orten“, blickte sie zurück. Über
die Jahre und Jahrzehnte lasse sich an dieser speziellen Historie ein
Gutteil allgemeiner Geschichte ablesen. Die EvH werde die notwendigen
Veränderungen auch weiterhin mitgestalten und prägen.

Landessuperintendent Dietmar Arends gratulierte online im Namen der
Lippischen Landeskirche: „Gerne gehören wir zum Kreis der Trägerinnen -
zum einen, weil uns am evangelischen Profil in der Bildungslandschaft
liegt, zum anderen, weil wir seit Jahrzehnten die guten Wirkungen der
Hochschule für uns wahrnehmen.“ So genieße die gemeindepädagogische
Ausbildung in Lippe besondere Bedeutung. Künftig würden Mitarbeitende
gebraucht, die sich in multiprofessionellen Teams bewährten. Gut
ausgebildet, leisteten Gemeindepädagog_innen einen unverzichtbaren Beitrag
zur Kommunikation des Evangeliums in Kirche und Diakonie.

Wie Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland,
herausstellte, lägen 50 Jahre erfolgreicher Tätigkeit hinter der EvH: „50
Jahre, in denen Sie sich eine besondere wissenschaftliche Reputation
erworben, junge Menschen qualifiziert haben.“ Dementsprechend sei die
rheinische Kirche froh, gemeinsam mit der westfälischen und lippischen
Kirche EvH-Trägerkirche zu sein.

Nachdem Altkanzler Klaus Meinert die ersten Jahre der damaligen
Evangelischen Fachhochschule – „als es 1971 weder Personal, noch Mobiliar
gab“ – skizziert hatte, beleuchtete Prof. Dr. Gerhard K. Schäfer, früherer
EvH-Rektor, die Verbindung der Hochschul-Geschichte mit der
gesellschaftlichen Bedeutung der Diakonie. Die Pionierrolle der EvH in
Sachen Professionalisierung und Akademisierung sozialer Berufe arbeitete
Prof. Dr. Kristin Sonnenberg, Studiengangsleiterin Soziale Arbeit, in
ihrem Festvortrag heraus.

Mit Spannung erwartet, wurden dann die Gewinner_innen der Ausschreibung
„Jubiläumskunstwerk“ vorgestellt. Alle Hochschul-Angehörigen waren
eingeladen gewesen, ein Kunstwerk zum Thema „50 Jahre EvH“ zu schaffen.
Zwei Einsendungen hatten die Jury überzeugt: die Ytong-Skulptur "WANDLUNG"
der Studierenden Christiane Maas-Friedrich (Soziale Arbeit) sowie das
Musikstück „Nichts ist normal“ samt Video von Karl-Magnus Reimann,
ebenfalls Student der Sozialen Arbeit, Mitglied und Präsident des
Studierendenparlaments. Beide Werke werden künftig der Öffentlichkeit
zugänglich sein: die Skulptur im Foyer, der Song auf der Homepage.

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Ein Materialpass für grünere Batterien

Forschungsprojekt untersucht umweltverträglichere Herstellung und
Recycling

Effiziente Batteriesysteme kommen immer häufiger in Autos, Werkzeugen,
Fahrrädern und als stationäre Energiespeicher zum Einsatz. Gleichzeitig
steigen die Anforderungen an diese Batterien stetig – nicht nur was
Energiedichte und Kosten, sondern auch was die umweltgerechte Herstellung
sowie Möglichkeiten zum Recyceln betrifft. Gerade die Wiederverwendung von
Batterien ist oftmals schwierig und bislang wirtschaftlich unattraktiv. In
einem neuen Projekt, das mit mehr als 4,5 Millionen Euro vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, sollen
diese Fragen erforscht werden. Einer der Forschungspartner ist die
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU): Mit einer Art
Batteriepass wollen Chemikerinnen und Chemiker die nötigen Informationen
fürs Recyceln direkt in der Batterie speichern.

Ziel des vom BMBF geförderten Projektes IDcycLIB– kurz für
Innovationsplattform einer grünen, detektierbaren und direkt recycelbaren
Lithium-Ionen-Batterie – ist eine recycling- und umweltgerechte
Elektrodenherstellung sowie die anschließende werthaltige Rückgewinnung
der Batteriematerialien über direktes Recycling. Bislang sind Zell- und
Batteriekonzepte nicht dafür ausgelegt, Informationen zur Zellchemie, zum
Zustand der Batterie oder zu anderen Eigenschaften zur Verfügung zu
stellen, um auf diesem Weg eine Wiederverwendung möglich zu machen. Genau
an dieser Stelle will das FAU-Forschungsteam um Prof. Dr. Karl Mandel,
Professur für Anorganische Chemie, seinen Beitrag in dem
Forschungskonsortium leisten: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
wollen die Zellen mit Markern ausstatten. Diese winzigen Marker bestehen
aus magnetischen Nanobausteinen. Werden sie in unterschiedlichen
Verhältnissen kombiniert, entsteht ein Code, der beispielsweise
Informationen zur Zellchemie enthalten kann – analog eines Batteriepasses,
der sich von Batterie zu Batterie je nach den verbauten Materialien
unterscheidet. Die Marker ermöglichen das anschließende sortenreine
Aufteilen der groben Batteriebestandteile mittels sogenannter
elektrohydraulischer Fragmentierung, womit sich ein anderes Forschungsteam
des Konsortiums eingehend beschäftigt.

Ein weiteres Thema von IDcycLIB ist die anschließende selektive Separation
der hochwertigen Materialien mittels automatisierter
Zentrifugentechnologie. Wenn die Aktivmaterialien, also die chemischen
Substanzen, die die Energie in der Batterie speichern, die gewünschte
Qualität besitzen, werden sie erneut dazu verwendet, eine Batterie
herzustellen. Sollte die Qualität nicht ausreichen, werden sie durch
chemische und physikalische Prozesse aufgearbeitet – und können danach
ebenfalls wieder in Batterien eingesetzt werden. Ein Vergleich der
elektrochemischen Leistung der Zellen, die aus wiedergewonnenen und neuen
Ausgangsmaterialien hergestellt wurden, soll die Effizienz des IDcycLIB-
Prozesses widerspiegeln. Parallel wird der Recyclingprozess auch für
industrienahe Produktionsrückstände getestet. Die experimentellen Arbeiten
der Projektgruppen werden durch die Entwicklung von Softwaretools zur
Nachhaltigkeitsbewertung und Steuerung der digital erfassten
Materialströme begleitet.

Über das Forschungsprojekt

Das Projektkonsortium IDcycLIB, Förderkennzeichen 03XP0393C, besteht aus
zehn finanziell geförderten Partnern und zwei assoziierten Partnern mit
einem finanziellen Gesamtvolumen von über 6,9 Millionen Euro, von denen
4,5 Millionen Euro vom BMBF kommen. Teil des Konsortiums ist neben der FAU
unter anderen das Fraunhofer Institut für Silicatforschung ISC aus
Würzburg, mit welchem seit der Berufung von Prof. Mandel an die FAU eine
intensive Zusammenarbeit aufgebaut wird – IDcycLIB ist das erste große
gemeinsame Förderprojekt.

Ausführliche Informationen zur Forschung an magnetischen Mikropartikeln:
https://www.fau.de/2021/06/news/wissenschaft/magnetische-mikropartikel-
ermoeglichen-eine-faelschungssichere-kennzeichnung-von-objekten/


Link zur Professur für Anorganische Chemie:
https://www.chemistry.nat.fau.eu/mandel-group/

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Umweltinformatikpreis 2021 für KI-gestützte Modellierung einer Photovoltaik-Fehlererkennung

Im Rahmen der EnviroInfo 2021 ehrte die Gesellschaft für Informatik e.V.
(GI) dieses Jahr drei Studierendenprojekte aus Ulm, Bonn und Oldenburg mit
dem Umweltinformatikpreis 2021 für ihre herausragenden Arbeiten. Der Preis
ist mit 2.000 Euro dotiert und wird von adesso und iPoint-systems
unterstützt.

Der Fachausschuss Umweltinformatik der Gesellschaft für Informatik e.V.
hat im Rahmen der 35. Internationalen Konferenz der Umweltinformatik und
Kommunikationstechnologien (EnviroInfo 2021) die Umweltinformatikpreise
für Studierende vergeben. Der erste Preis ging an Philipp Akharath,
Jaqueline Altkrüger und Harkiran Sahota von der Technischen Hochschule Ulm
für die Modellierung eines Photovoltaik-Fehlererkennungsansatzes unter
Berücksichtigung des maschinellen Lernens. Der Preis ist mit 1.000 Euro
dotiert.

Den zweiten Platz errang Sari Rombach von der Rheinischen Friedrich-
Wilhelms-Universität Bonn für eine geoinformationsgestützte Risikoanalyse
eines extremen Starkregenereignisses in Bonn. Platz Drei ging an elf
Studierende der Projektgruppe „Bicycle Data“ (www.bicycle-data.de) der
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Das Endprodukt der Arbeit ist
eine interaktive Website, auf der die Nutzer zum einen die aufbereiteten
Rohdaten individuell zusammenstellen und herunterladen können. Zum anderen
können sie sich auf Basis der von ihnen selbst eingegebenen Parameter
Analysen und Visualisierungen, zum Beispiel in Form von Grafiken und
Heatmaps, anzeigen lassen. Der zweite und dritte Platz sind mit insgesamt
600 Euro und 400 Euro dotiert.

Prof. Dr. Volker Wohlgemuth, Sprecher des GI-Fachausschusses
Umweltinformatik: „Wir freuen uns sehr über die rege Teilnahme an unserem
Studierendenpreis und vor allem über die hochwertigen Einreichungen. Die
Resonanz zeigt, dass die Fragen der Umweltinformatik vor dem Hintergrund
der sich verschärfenden Klimakrise immer weiter in den Fokus rücken. Die
Projekte leisten mithilfe der Methoden und Technologien der Informatik
einen wichtigen Beitrag zur Lösung von Umweltproblemen oder Verbreitung
von Informationen zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung.“

Thomas Bendig, Head of Innovation & Technology Board der adesso SE:
„Erfolgreiche und nachhaltige Digitalisierung entsteht durch innovative
Ideen und passgenaue IT-Lösungen. Immer sind dabei Menschen beteiligt, die
den richtigen Mix aus Neugier, Mut, Technologieexpertise und fundiertem
Verständnis mitbringen. Die ausgezeichneten Projekte sind tolle Beispiele
dafür, wie digitale Lösungen einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen
Zukunft leisten können. Wir gratulieren den Preisträgerinnen und
Preisträgern des Umweltinformatikpreises 2021.“

Dr. Katie Böhme, iPoint-systems: „Herzlichen Glückwunsch an die
ausgezeichneten Studierenden für ihre wertvollen Beiträge zur nachhaltigen
Entwicklung! Mithilfe der Digitalisierung nachhaltigen Wandel
voranzutreiben, ist auch iPoints Purpose. Dafür stehen wir als Arbeitgeber
und als Anbieter von Lösungen zur Digitalisierung der Lebenszyklen von
Produkten und Lieferkettenbeziehungen, durch die sich vielfältige
Nachhaltigkeitspotenziale realisieren lassen. Wir sind laufend auf der
Suche nach kreativen Köpfen, die mit uns aktiv die Zukunft gestalten
möchten. Deshalb liegt uns die Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses, insbesondere in der Umweltinformatik, besonders am Herzen.“

Der Umweltinformatikpreis wird für Arbeiten von Studierenden im Bereich
der Umweltinformatik vergeben, die entweder im Rahmen eines Studiengangs
oder eines Abschlusses (ausgenommen Doktoranden) an einer akademischen
Universität oder einer Fachhochschule entstanden sind. Die Projekte müssen
den Beitrag nachweisen, den die Methoden und Technologien der Informatik
zur Lösung von Umweltproblemen oder Verbreitung von Informationen zur
Förderung einer nachhaltigen Entwicklung im Allgemeinen.

Unterstützer der enviroInfo 2021 und des Umweltinforamtikpreises 2021 sind
neben adesso SE und der iPoint systems gmbh auch ecco ecology +
communication Unternehmensberatung GmbH, worlddiety GmbH,
einfach.effizient. Treuhand Unternehmensberatung GmbH & Co. KG und OFFIS
e.V.

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nnenraumluft: effektiv von Viren befreien

Wie lässt sich die Luft in Innenräumen effektiv von Viren befreien? Diese
Frage wird nun im Herbst wieder wichtiger, vor allem für Schulen ist eine
sinnvolle Luftreinigung essenziell. Im Projekt AVATOR untersuchen und
optimieren Fraunhofer-Forschende verschiedene Filter- und
Luftreinigungstechnologien.

In allen deutschen Bundesländern ist die Schule wieder in vollem Gange –
mit gesamter Klassenstärke. Kinder und Jugendliche sitzen dicht gedrängt
in den Klassenzimmern, viele von ihnen aufgrund ihres jungen Alters
ungeimpft. Um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, fördern
Landesregierungen und Kultusministerien die Anschaffung von
Raumfluftreinigern. Doch was können die verschiedenen Technologien zur
Raumluftrei-nigung tatsächlich leisten? Das beleuchten Forscher*innen aus
insgesamt 15 Fraunhofer-Instituten und  Einrichtungen unter der
Federführung des Fraunhofer-Instituts für Bauphy-sik IBP im Fraunhofer-
Projekt AVATOR, kurz für »Anti-Virus-Aerosol: Testing, Operation,
Reduction«. Sie untersuchen und optimieren dabei auch neue
Reinigungstechnologien, die bisher noch nicht auf dem Markt sind.

Klassische Raumluftfilter

Die bekannteste Raumluftreinigung erfolgt durch die klassischen
Raumluftfilter. Sie zie-hen die Luft durch ein Filtervlies, in dem die
Viren hängenbleiben, und geben die gerei-nigte Luft wieder in den Raum ab.
Wie solche Geräte wirkungsvoll eingesetzt werden können, zeigen
Simulationen des Fraunhofer EMI anhand eines Klassenraums: Mit einer
sinnvoll eingestellten Luftaustauschrate und geeigneter Positionierung
kann die Aerosol-konzentration nach 10 bis 15 Minuten Betrieb auf etwa die
Hälfte reduziert werden. Die Simulationen zeigen auch: Die
Aerosolkonzentration hängt von den konkreten Gege-benheiten ab und ist
nicht für alle Positionen im Klassenraum gleich. Um die Raumluft noch
besser von den beim Atmen ausgestoßenen Aerosolen – vor allem von deren
Vi-renlast – befreien zu können, haben die Forschenden vom Fraunhofer LBF
und IAP die Kunststoffe für die Vliesherstellung mit Additiven versehen.
»Die Filterwirkung der Vliese beruht auf drei verschiedenen Mechanismen«,
erläutert Prof. Dr. Gunnar Grün, stellver-tretender Leiter des Fraunhofer
IBP und Leiter des Projekts AVATOR. »Große Partikel passen nicht durch das
Vlies hindurch, sie werden herausgesiebt. Etwas kleinere Partikel werden
ausgebremst, sie bleiben durch die Trägheit im Vliesmaterial hängen. Die
pola-ren Additive wirken sich auf die Filterleistung bezüglich der
kleinsten Partikel aus, welche aufgrund von Oberflächeneffekten am
Filtermaterial haften.« Eben diese Oberflä-cheneffekte verändern die
Wissenschaftler*innen durch die Additive, so dass die kleins-ten Partikel
effizienter herausgefiltert werden. Da die Gesamt-Filterleistung durch die
am wenigsten abgeschiedene Partikelgröße bestimmt wird und dies meist sehr
kleine Parti-kel (um die 200 µm bis 300 µm) sind, lässt sich die Effizienz
durch diese Beschichtung noch einmal steigern. Zwar gibt es bereits
Ansätze, die Filterleistung durch Additive zu verbessern. Doch sind die so
optimierten Filtervliese auf die üblichen ölbasierten Prüfae-rosole
ausgelegt. Die Aerosole, die Menschen an die Luft abgeben, sind jedoch
wasser-basiert und verhalten sich daher anders. »Wir konnten insbesondere
die Effizienz bei diesen Bio-Aerosolen erhöhen«, sagt Grün. Entsprechende
wasserbasierte Testaerosole generieren die Forschenden am Fraunhofer IMM
auf Basis von Liposomen, zusammen mit einem Gerät zum optischen Nachweis
von Viruspartikeln in Raumluft.

Luftreinigung durch Plasma

So gut die Raumluftfilter in Klassenräumen und Co. auch funktionieren: In
Umgebungen wie zum Beispiel kalten und feuchten Kühlräumen oder
Schlachthöfen stoßen sie an ihre Grenzen – insbesondere wenn es um
Nachrüstungen geht. Um hier keinen zusätzlichen Luftwiderstand in das
System einzubauen, bieten sich Reinigungsanlagen, die unter Verwendung von
Niedertemperaturplasma die Luft von Viren befreien. Die Viren bleiben
dabei nicht an Filtervliesen hängen, sondern werden im Plasmagerät
deaktiviert und an Elektroden abgeschieden. Auch hier konnte die
Fraunhofer-Forschergruppe im Projekt AVATOR Verbesserungen erzielen.
»Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Fraunhofer IPM haben auf Basis der
Technologie eines Industriepartners aus dem Automobilbereich
selbstreinigende Elektroden entwickelt – die übliche Abreinigung entfällt
dabei«, erläu-tert Grün.

»Virusgrill«: Übertemperatursterilisation

Raumluftfilter und Plasma entfernen die Viren aus der Raumluft. Einen
gänzlich anderen Ansatz, um Ansteckungen zu vermeiden, wählen die
Forschenden mit dem »Virusgrill«: Sie erhitzen die Luft auf über 90 Grad
Celsius und machen die Viren somit unschädlich. Zwar verbleiben die Viren
in der Luft, können sich allerdings nicht mehr vermehren – sie sind
inaktiviert – und können den Menschen somit auch nichts mehr anhaben. Das
Fraunhofer IFAM in Dresden konnte bereits zeigen, dass das Prinzip
funktioniert. Durch die sehr hohe Wärmerückgewinnung wird ein
energieeffizienter Betrieb der Luftreini-gung ermöglicht und die
Wärmezufuhr an den Raum minimiert. Dies ist insbesondere in
Klassenzimmern, Büros und anderen nicht klimatisierten Räumen wichtig.
Derzeit entwi-ckeln die Wissenschaftler*innen die Apparatur weiter.
Insbesondere die Miniaturisierung steht auf der Agenda.

Büroraumteiler

Einen Ansatz, der insbesondere in Großraumbüros zum Tragen kommt, haben
Fraunhof-er ICT und Fraunhofer IBP mit einem Produzenten von Schaumstoffen
entwickelt. Sie nutzen schallabsorbierende Raumteiler, um die Luft von
ihrer Virenlast zu befreien und die Ansteckungsgefahr zu minimieren. »Die
gesamte Oberfläche des Schaumstoffs wird mit einem antimikrobiellen
Silbercompound beschichtet – so können wir bei Durchströ-mung eine hohe
Vireninaktivierung erreichen«, fasst Grün zusammen. Einen Demonstra-tor
gibt es bereits. Dabei kommt auch die schallschluckende Funktion nicht zu
kurz: Insbesondere im Bereich der menschlichen Sprache, also bei etwa 1000
bis 4000 Hertz, besteht eine hohe Schallabsorption.

Viruzid zur Raumdesinfektion

Sollen Räumlichkeiten, die nicht belegt sind, gereinigt werden, kommen
Viruzide zum Einsatz. Allerdings müssen diese Gefahrstoffe üblicherweise
zum Einsatzort transportiert und bis zu ihrer Verwendung gelagert werden.
Die Forscher*innen des Fraunhofer IMM haben daher eine praktischere
Alternative entwickelt: einen mobilen Reaktor, der das Viruzid
Peroxodicarbonat aus einer harmlosem Natriumcarbonat-Lösung herstellt. Das
Viruzid selbst zerfällt in ebenfalls harmlose Produkte. Der Reaktor
funktioniert bereits, am Fraunhofer ITEM werden derzeit die
Toxizitätsversuche durchgeführt – also untersucht, wie intensiv die
Wirkung des Viruzids auf Mikroorganismen ist und ob eine kritische
Belastung für Mensch und Umwelt aus der Anwendung resultiert.

Validierung der Technologien mit Virusnachweis

Seien es klassische Raumluftfilter, seien es Virusgrill oder Raumteiler:
Die Reinigungs-technologien müssen genauestens auf ihre Effizienz
überprüft werden. Mit dieser Vali-dierung beschäftigen sich drei
Fraunhofer-Institute: das Fraunhofer ITEM, das Fraunhofer IBP und das
Fraunhofer IGB. Dort werden für Menschen ungefährliche, nicht pathogene
Viren vernebelt, die den SARS-CoV-2-Viren allerdings hinsichtlich Größe,
umhüllender Struktur und RNA-Strang ähneln. Diese sogenannten
Surrogatviren werden skaliert produziert und gereinigt, als Testaerosole
formuliert und als solche für die verschiedenen Reinigungstechnologien
vernebelt. Um zu überprüfen, wie effektiv die neuen Inaktivie-
rungsverfahren sind, analysieren die Forscher*innen die Infektiosität und
vergleichen die Gesamtzahl der Viren vor und nach der Inaktivierung.

Hintergrundinformation

Das Projekt AVATOR wurde mit Mitteln aus dem Sofortprogramm »Anti-Corona«
der
Fraunhofer-Gesellschaft gefördert. Das Projektkonsortium besteht aus den
Fraunhofer-Instituten:

•       Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP
•       Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, EMI
•       Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM
•       Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT
•       Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und
Systemzuverlässigkeit LBF
•       Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP
•       Fraunhofer-Institut für Mikrotechnik und Mikrosysteme IMM
•       Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin
ITEM
•       Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF
•       Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik IPM
•       Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD
•       Fraunhofer Singapore
•       Fraunhofer Austria
•       Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte
Materialforschung IFAM
•       Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB

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