An Bord eines Forschungsschiffes auf den Spuren des berühmten Großvaters
Den Gefahren versunkener Munition auf den (Meeres)grund gehen – das ist
das Ziel des EU-geförderten Projekts „North Sea Wrecks“ unter der Leitung
des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime
Geschichte. An Bord der HEINCKE, eines Forschungsschiffs des Alfred-
Wegener-Instituts, nahmen die Forschenden im April 2021 Kurs auf das
Seegebiet westlich von Helgoland.
Für die DSM-Mitarbeiterin Cornelia Riml, die die Expedition filmisch und
fotografisch für eine Ausstellung begleitete, war es ein ganz besonderes
Erlebnis, da es Schlaglichter in ihre Familiengeschichte warf. Ihr
Großvater Walter Riml – berühmter österreichischer Kameramann und Experte
für Berg- und Schneeaufnahmen – kämpfte sich 1935 durch Grönland, um
Ergänzungsaufnahmen für den Alfred Wegener-Gedenkfilm „Das große Eis“ zu
drehen. Rund 90 Jahre später steht seine Enkelin an Bord eines AWI-
Schiffes, die Kamera im Anschlag – wenn Geschichte nachhallt, Forschung,
Film und Familie verschmelzen.
Stahl knarzt, Tischbeine scharren, in den Schränken poltert hörbar alles,
was nicht fixiert ist – sechs Meter hohe Wellen lassen nichts und
niemanden kalt. Selbst die HEINCKE, ein 55 Meter langes Schwergewicht,
tanzt auf den Wasserbergen hin und her, die gnadenlos von vorn und achtern
anrollen. In Cornelia Rimls Kopf ist nur Platz für Ehrfurcht und Demut –
die Urgewalt des Wassers erscheint faszinierend und fremd zugleich. Seit
Kindertagen fühlt sich die heute 32-Jährige von Schiffen und Wasser
angezogen, doch sie spürt auch: Das Meer ist kein Lebensraum für Menschen.
Der erste klare Gedanke, den sie wieder fassen kann in ihrer Kajüte, gilt
der Kamera: Liegt sie wirklich sicher verstaut im Koffer? Die DSM-
Mitarbeiterin ist Teil der Wissenschaftscrew des NSW-Projekts. Im
Seegebiet westlich von Helgoland werden Proben vom Weltkriegswrack SMS
MAINZ genommen. Das internationale Team will wissen, ob von der Munition
Gefahren für Mensch, Meer und Tier ausgehen. Allein auf dem Grund der
deutschen Gewässer in der Nordsee vermuten Expert:innen rund 1,3 Millionen
Tonnen Munition, die Schadstoffe absorbieren können. Auf der
Forschungsfahrt suchen die Wissenschaftler:innen Belege für mögliche
Auswirkungen.
Riml ist buchstäblich überall dabei: Sie hält in Video und Bild fest, wie
das Beiboot der Forschungstaucher:innen ins Wasser abgelassen wird,
Wasser-, Sediment- und biologische Proben genommen und Muscheln ausgesetzt
werden. Kein leichter Job: Die Filmerin muss auf allen Decks gleichzeitig
sein und diverse Perspektiven des Geschehens einfangen. Die Zeit ist knapp
und Abläufe sind nicht wiederholbar. „NSW ist ein internationales
Pionierprojekt, in dem Grundlagenarbeit für den Meeres- und Umweltschutz
in der Nordsee geleistet wird. Das ist sehr reizvoll für mich, weil ich
viel einbringen kann, was mir liegt“, sagt Riml. Sie beschreibt sich als
visuellen Kopf, der in Perspektiven denkt. Doch auch das Forscher-Gen
schlummert in ihr.
Die Kamera hat sie stets im Anschlag, den Finger auf dem Auslöser.
Zwischen Stress, Sturm und Bilderflut verschafft sich auch Rimls Vorfahre
Oberwasser. Die Sehnsucht nach Meer und Schiffen mag für eine Tirolerin
ungewöhnlich anmuten. Für die Enkelin des Kameramanns, der 1935
Ergänzungsaufnahmen für den Alfred Wegener-Gedenkfilm „Das große Eis“
drehte, ein unbewusster Schritt auf dem Traditionspfad. Walter Riml
arbeitete mit den Polarforschern Ernst Sorge und Fritz Loewe zusammen und
bewies sein Können als Bergfilmspezialist unter anderem im James Bond-
Streifen „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“.
Inmitten der Schaumkronen der Nordsee erkennt die gebürtige Innsbruckerin
plötzlich Parallelen. 1932 verschlug es Walter Riml zum ersten Mal nach
Grönland. Für den Film „SOS Eisberg“ stand der 2,05 Meter „lange“ Tiroler
in Fellanzug und mit Walfett eingeschmiert als Schauspieler vor der
Kamera. Während des damaligen siebenmonatigen Aufenthalts in Grönland barg
Riml sogar die Signalflagge Alfred Wegeners aus dem Eis. 1935 zog es ihn
erneut ins Nordland, dieses Mal hinter die Kamera. Walter Riml schrieb
Geschichte in doppelter Hinsicht: Er brach zur ersten Zwei-Mann-Expedition
nach Grönland auf, um weitere Aufnahmen für den Film „Das große Eis“ zu
drehen. Auf dem rund fünf Kilometer langen Filmmaterial waren
Gletscherkalbungen, die Lebensweise der Indigenen und nicht gekannte
Naturaufnahmen verewigt. Die Gletscher-Sequenzen sind heute wichtige
Zeugnisse für die Wissenschaft, zeigen sie doch die Eisflächen der 30er
Jahre, als diese noch nicht so rasant zurückzogen waren wie heute. Der
Vergleich macht den Klimawandel schmerzhaft deutlich.
Als kreativer Kopf und gelernter Zimmermann baute Riml Konstruktionen, die
später Forschenden bei der Entnahme von Proben dienlich wurden.
Interdisziplinäres Arbeiten würde man das heute nennen. Knapp 90 Jahre
später folgt seine Enkelin ihrer Liebe zum Meer, zieht in den Norden,
studiert an der Universität Bremen im Master Public History, beginnt für
das NSW-Projekt im DSM zu arbeiten und steht für die Dokumentation an Bord
des AWI-Schiffes HEINCKE ebenfalls hinter der Kamera. Im Falle von Rimls
Familiengeschichte verschwimmen die Grenzen von Film und Forschung – und
eine Brücke vom AWI zum DSM entsteht.
„Natürlich kannte ich die Vergangenheit meines Großvaters – meine Eltern
gründeten auf Basis seines Nachlasses das WaRis – Tiroler Filmarchiv samt
kleinem Film-Museum. Mein Großvater starb aber, als ich noch ein kleines
Kind war. Daher erfahre ich vieles über sein Leben erst jetzt neu und
lerne ihn auf eine andere Art und Weise kennen – es eröffnen sich neue
Verbindungen und Perspektiven für mich und das ist besonders wertvoll.“
Der Public-History-Studentin wird klar, wie bestimmend das Interesse am
Medium Film, der Forschung, dem Entdecken und an einer präsenten
Vergangenheit in ihrer Familie ist. „Für mich ist Geschichte eine Brücke,
die aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft führt.“
Sie wird die Tradition fortsetzen und weiterhin auf dem Weg des
Geschichte(n)-Erzählens bleiben, denn das liegt ihr besonders am Herzen.
„In der Public History arbeiten wir mit neuen Ansätzen und Ideen. In
meiner Masterarbeit erarbeite ich anhand des NSW-Projektes ein
Vermittlungskonzept für Kinder. Denn Geschichte lebt und wirkt immer
generationenübergreifend und die Zukunft ist besonders wichtig.“
Zukünftig trifft man die baldige Master-Absolventin häufiger im AWI-Archiv
an. Riml taucht noch tiefer in das Leben ihres Großvaters ein und sucht
Verschmelzungen von Film, Forschung und Familie. Sie wurde bereits fündig
– die Spurensuche ist noch nicht beendet. Eine Fortsetzung der
Forschungsausfahrt gibt es ebenfalls: Die NSW-Crew sticht bald wieder in
See, das steht schon in ihrem Kalender: „Ende September, zum Geburtstag
meines Großvaters.“ Wenn das kein Zufall ist.
Die Wanderausstellung „Toxic Legacies of War – North Sea Wrecks“ zum NSW-
Projekt wird am 11. August 13 Uhr vor dem Eweiterungsbau des DSM (am
Seemannsarm) eröffnet und ist dann bis zum 15. August täglich von 10 bis
18 Uhr zu sehen. Im Anschluss tourt der NSW-Truck durch mehrere
europäischen Städte.
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