Heute ist der neue Bericht des Weltklimarats IPCC erschienen. Drei der beteiligten Expertinnen und Experten berichten auf der Website des Deutschen Klima-Konsortiums kurz und verständlich über die Erkenntnisse und ordnen die Klimasimulationen des IPCC-Berichts ein: https://klimasimulationen.de/weltklimarat.html.
Die Fakten im heute veröffentlichten ersten Band des Sechsten IPCC- Sachstandsberichts sprechen eine klare Sprache: Die Atmosphäre und der Ozean haben sich im vergangenen Jahrzehnt weiter erwärmt, die Schnee- und Eismengen sind weiter zurückgegangen, der globale Meeresspiegel ist weiter angestiegen und die Konzentrationen der Treibhausgase haben weiter zugenommen. Der neue Bericht legt wissenschaftlich fundiert dar, dass die Weltgemeinschaft sehr schnell und mit vereinten Kräften die Emissionen von Treibhausgasen in der Gesamtbilanz auf Null bringen muss, um noch die Klimaziele von Paris zu erreichen.
Es ist eindeutig: Der Mensch hat das Klima erwärmt
„Der menschliche Einfluss ist nicht nur der wesentliche Treiber für die Erwärmung des Klimasystems, sondern auch für die Zunahme von Extremwetterereignissen. Die Häufigkeit und die Intensität etwa von Starkregenereignissen oder Hitzewellen steigen durch den Klimawandel an“, sagt Professorin Veronika Eyring vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Universität Bremen im neuen Artikel auf der Website des Deutschen Klima-Konsortiums. Sie ist koordinierende Leitautorin des Kapitels „Der menschliche Einfluss auf das Klimasystem“ im heute veröffentlichten IPCC-Bericht.
Arktis im Sommer ohne Eis
Wie dringend ein entschlossenes Handeln ist, macht Professor Dirk Notz vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg im Artikel am Beispiel der Arktis deutlich: „Wir haben bisher immer gesagt, wir können den eisfreien Zustand der Arktis noch verhindern. Jetzt haben wir zum ersten Mal den Fall, dass es dafür voraussichtlich zu spät ist, und wir nur noch die Häufigkeit von eisfreien Sommern begrenzen können. Für mich ist das ein Zeichen, wie weit der Klimawandel fortgeschritten ist.“ Notz ist als Leitautor des Kapitels über Ozean, Kryosphäre und Meeresspiegel am Bericht beteiligt und erklärt auch, dass wir als Menschen mit unseren Entscheidungen den Klimawandel steuern: „Das Verschwinden des Eises verläuft linear mit der Temperatur. Das heißt, der Eisverlust würde weitestgehend direkt aufgehalten, sobald menschliche Treibhausgasemissionen und die damit einhergehende Erwärmung gestoppt werden.“
Jedes Zehntelgrad zählt
Wie steht es also um das 1,5-Grad-Ziel? In allen Szenarien wird die globale Erwärmung in den nächsten 20 Jahren diese Marke mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent überschreiten, durchschnittlich passiert das in den frühen 2030ern. Mit entschlossenem Klimaschutz und einer guten Portion Glück besteht jedoch noch eine Chance: „Wenn wir die 1,5 Grad einhalten wollen, müssen zwei Dinge zusammenkommen. Erstens, die Emissionen müssen in den nächsten 30 Jahren netto auf Null gebracht werden. Und zweitens, das Klima darf nicht so empfindlich sein“, erklärt Professor Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie und DKK-Vorstandsmitglied im Artikel. Er ist koordinierender Leitautor des Kapitels über die Zukunft des globalen Klimas im aktuellen IPCC-Bericht. Das Wichtigste aber bleibt: Jedes Zehntelgrad, um das die Erwärmung begrenzt werden kann, zählt. Notz dazu: „Wir sind dem Klimawandel nicht passiv ausgeliefert, wir steuern ihn. Wir haben nach wie vor die Wahl, in welchem Szenario wir landen werden.“ _____________________________
Ergebnisse des Weltklimarats
Drei Autorinnen und Autoren des aktuellen Weltklimaberichts sprechen auf der Website des Deutschen Klima-Konsortiums kurz und verständlich über die neuen Erkenntnisse und erklären die Klimasimulationen des IPCC-Berichts. Dabei blicken sie auf den menschlichen Einfluss auf das Klimasystem, mögliche zukünftige Entwicklungen des Klimas und diskutieren, was das für Gesellschaft und Politik bedeutet.
Bedrohtes Ökosystem: ein tropisches Korallenriff Lisa Röpke, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
Sie sind die Archive der Meere. An Korallen lässt sich feststellen, wie stark sich menschliches Handeln auf unsere Ozeane auswirkt. Gefördert von der deutschfranzösischen Forschungsinitiative „Make Our Planet Great Again“ untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der U Bremen Research Alliance das Ausmaß der Erderwärmung in tropischen Gewässern.
--- 100.000 Jahre alt sind die ältesten Korallen, die Dr. Henry Wu am ZMT untersucht. ---
Der unterarmdicke weißliche Bohrkern, den Dr. Henry W u vom Leibniz- Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in der Hand hält, hat eine weite Reise hinter sich. Er stammt von einer Steinkoralle aus der Küstenregion vor Rotuma, einer Insel der Republik Fidschi, mehr als 15.000 Kilometer von Bremen entfernt. Die ältesten Korallen, die der Paläoklimatologe untersucht, sind mehr als 100.000 Jahre alt. In ihnen haben sich im Laufe ihres Lebens viele Informationen angesammelt.
Korallen wachsen im Durchschnitt wenige Millimeter pro Jahr. Sie fühlen sich am wohlsten in sauberem Wasser und leben bis zu 50 Meter unter der Meeresoberfläche, wo die Sonnenstrahlen sie noch erreichen. Wie die Jahresringe von Bäumen erzählen die Mikroproben aus ihrem Kalkskelett von den sich wandelnden Umgebungsbedingungen: von Temperaturschwankungen, Niederschlägen, der Versauerung des Wassers und dem Salzgehalt – und das auf Monate genau.
--- „Wenn wir die Vergangenheit kennen, können wir bessere Vorhersagen über die Zukunft machen.“ ---
Diese Archive des Meeres nutzt Wu im Rahmen seines auf fünf Jahre angelegten Forschungsprojekts. „Das Klima hat sich auf natürlichem Weg immer wieder verändert. Wir wollen wissen: Wie tiefgreifend waren diese Veränderungen? Welchen Einfluss hat die Industrialisierung seit Beginn des 19. Jahrhunderts?“, erzählt der Wissenschaftler. „Wenn wir die Vergangenheit kennen, können wir bessere Vorhersagen über die Zukunft machen.“
OASIS hat der 40-Jährige das Projekt genannt. Das Kürzel steht für „Witnesses to the Climate Emergency: Ocean acidification crisis and global warming observations from tropical corals”. Der Titel hat zudem eine wörtliche Bedeutung: „Für mich sind Korallenriffe wie Oasen in der Wüste: Sie sind Orte voller Leben.“ Nirgendwo in den Ozeanen existieren so viele verschiedene Arten wie in den tropischen Korallenriffen, schätzungsweise sind es eine Million. Sie sind nicht nur ein bedeutsames Ökosystem, sondern zählen zu den schönsten und spektakulärsten Lebensräumen der Erde.
Dass Wu mit seinem Team diese bedrohten Oasen erforschen kann, hat auch mit Donald Trump zu tun. Der amerikanische Präsident schuf ungewollt die politischen Voraussetzungen für OASIS. Als eine Reaktion auf den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen gründete der französische Präsident Emmanuel Macron im Jahr 2017 die Forschungsinitiative „Make Our Planet Great Again“. Ihr schlossen sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) an. Rund 300 Forschende bewarben sich um die Förderung, eine Experten-Jury des DAAD wählte in Deutschland 13 Projekte aus – darunter für den Bereich „Erdsystemforschung“ das Vorhaben Wus am ZMT, das mit einer Million Euro gefördert wird.
--- „Wir ergänzen uns sehr gut und profitieren etwa von der gemeinsamen Nutzung der Forschungsinfrastrukturen und dem Fachwissen hier am Standort.“ ---
Bei dem Projekt arbeitet Wu mit Kolleginnen und Kollegen vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) der Universität Bremen und dem Alfred- Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven zusammen. Beide Institutionen gehören wie das ZMT der 2016 gegründeten U Bremen Research Alliance an, welche die Universität Bremen und die elf außeruniversitären Forschungsinstitute im Land Bremen miteinander verbindet. „Wir ergänzen uns sehr gut und profitieren etwa von der gemeinsamen Nutzung der Forschungsinfrastrukturen und dem Fachwissen hier am Standort“, erzählt der Wissenschaftler.
Die Ozeane absorbieren etwa 90 Prozent der überschüssigen Wärme, die bei der Erwärmung der Erde durch den Klimawandel entsteht. Sie nehmen zudem rund ein Drittel des Klimagases Kohlendioxid (CO›) auf. Überschüssiges CO› reagiert mit Wasser zu Kohlensäure, der pH-Wert des Meerwassers sinkt. Das saurere Milieu erschwert es kalkbildenden Organismen wie einigen Planktonarten, Muscheln und Korallen, ihr Kalkskelett zu bilden. Diese Zusammenhänge sind bekannt. Aber das Wissen über die praktischen Auswirkungen der Ozeanversauerung in den Tropen ist begrenzt; es fehlt an Langzeitmessungen.
Wie sehr sich der pH-Wert des Meerwassers verändert hat, lässt sich an der Analyse von Bor-Isotopen in den Bohrkernen der Korallen feststellen. Bor ist ein natürlicher Bestandteil von Meerwasser, die Korallen nehmen es auf, während sie ihr Kalkskelett bilden. Der pH-Wert bestimmt hierbei, in welchem Verhältnis die Bor-Isotope in das Skelett eingebaut werden. Die Forschenden wollen aber nicht nur die Veränderungen des pH-Wertes vor und seit der Industriellen Revolution bestimmen, sondern auch die damit einhergehende Veränderung der Meeresoberflächentemperatur und der Wasserchemie. Dies geschieht weltweit in Regionen des Atlantiks, Pazifiks und des Indischen Ozeans. Zu den Forschungsstandorten gehören unter anderem Indonesien, die Andamanen in Indien, Fidschi, Kuba und Costa Rica.
Die Isotopenanalyse des Kalkskeletts wird im Labor von Prof. Dr. Simone Kasemann vom MARUM durchgeführt, ein aufwendiges Verfahren, das einen Reinraum benötigt. In den Laboren des AWI untersucht Henry Wu gemeinsam mit Prof. Dr. Jelle Bijma die Korallenbohrkerne auf Spurenelemente wie Lithium, Bor, Magnesium und Barium. „Unsere Expertise am ZMT liegt in der Ökologie“, erklärt der Klimaforscher.
Der in Taiwan geborene Henry Wu kennt das MARUM sehr gut: Es war sein erster Arbeitgeber in Deutschland nach Studium und Promotion in den USA. Warum er dieses für so viele Wissenschaftler innen und Wissenschaftler gelobte Land verlassen hat? „Als ich die Möglichkeit hatte, als Postdoc nach Bremen zu kommen, habe ich nicht gezögert. Die Einrichtungen der Meeres-, Polar- und Klimaforschung in Bremen haben weltweit einen ausgezeichneten Ruf.“ Nach einer Zwischenstation am French National Centre for Scientific Research (Centre national de la recherche scientifique, CNRS) in Paris kehrte er 2017 zurück nach Bremen, diesmal ans ZMT. Dort leitet er die Nachwuchsarbeitsgruppe Korallen-Klimatologie.
--- 1,5 Grad Celsius im Durchschnitt: So sehr haben sich die Ozeane seit dem 19. Jahrhundert erwärmt. ---
Neben den Einrichtungen der Forschungsallianz sind an OASIS auch internationale Partner verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen aus den USA, Puerto Rico und Neukaledonien beteiligt, die teilweise eigene Bohrkerne in das Projekt einbringen. „Für eine nachhaltige Forschung greifen wir wie bei den Kernen aus Rotuma auf vorhandene Proben zurück“, erzählt Wu. Werden neue Bohrkerne gewonnen, werden die Löcher in den Korallen zum Schutz gegen Mikroorganismen und Tiere mit Beton verfüllt. Die Korallen wachsen unbeeinträchtigt weiter.
Bereits in früheren Projekten hat sich Henry Wu mit Korallen und den Auswirkungen des Klimawandels auf Riffe beschäftigt. Seine bisherigen Erkenntnisse zeichnen ein wenig ermutigendes Bild. Die Ozeane haben sich seit dem 19. Jahrhundert erheblich erwärmt, im Durchschnitt um 1,5 Grad Celsius. Zugleich sind die Meere saurer geworden, der pH-Wert ist um 0,2 gesunken. „Das sind Unmengen an CO₂, die diesen Effekt verursacht haben“, so Wu.
--- „Ich habe Gigabytes an Daten, welche die von Menschen verursachte Erwärmung der Ozeane belegen.“ ---
In jüngster Zeit waren die Korallen noch nie ähnlichen Belastungen ausgesetzt. Die heutigen erhöhten Wassertemperaturen führen zur Korallenbleiche und zum Absterben der Korallen. „Das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der sie eingehen, sind beispiellos“, betont Henry Wu. „Das ist deprimierend zu sehen.“ Sterben die Korallen, hat dies weitreichende negative Folgen für das gesamte Ökosystem mit seiner Flora und Fauna. Dennoch wird es bei einer fortschreitenden Ozeanversauerung auch einzelne Gewinner geben. Bestimmte Steinkorallen sind robuster, sie passen sich eher an. „Die Diversität nimmt allerdings ab, daran besteht kein Zweifel.“
Am Klimawandel an sich könne es daher keine Zweifel geben, obwohl sie von manchen immer noch geäußert werden. Diese Leute könnten sich bei ihm vom Gegenteil überzeugen, betont Henry Wu: „Ich habe Gigabytes an Daten, welche die von Menschen verursachte Erwärmung der Ozeane belegen.“
Originalpublikation: Impact – Das Wissenschaftsmagazin der U Bremen Research Alliance
In der U Bremen Research Alliance kooperieren die Universität Bremen und zwölf Forschungsinstitute der vier deutschen Wissenschaftsorganisationen sowie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz - alle mit Sitz im Bundesland.
Das seit 2019 erscheinende Forschungsmagazin Impact dokumentiert die kooperative Forschungsstärke der Allianz und ihre gesellschaftliche Relevanz. „Korallen – Zeugen des Klimawandels“ wurde in Ausgabe 2 (07.2020) veröffentlicht.
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Abschätzung der überfluteten Fläche (> 75 % betroffene Fläche) für den Kreis Ahrweiler, besonders entlang der Ahr. (Abbildung: Andreas Schäfer, CEDIM/KIT) Andreas Schäfer CEDIM/KIT
Um Hochwassergefahren besser einschätzen zu können, sollen Gefahrenkarten historische Daten einbeziehen. Dafür plädieren Forschende am CEDIM – Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Das CEDIM hat einen ersten Bericht zur Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen vorgelegt. Was die Rolle des Klimawandels betrifft, birgt die Kombination aus mehr verfügbarem Wasser in der Atmosphäre und einer zunehmenden Beständigkeit von Großwetterlagen ein steigendes Potenzial für extreme Niederschlagsereignisse.
Die Hochwasserkatastrophe in der vergangenen Woche hat in Deutschland mehr als 170 Todesopfer gefordert (Stand: 21. Juli 2021). Immer noch werden Menschen vermisst. Die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur lassen sich erst grob bestimmen und gehen in die zweistelligen Milliarden – davon allein mindesten zwei Milliarden Euro für Verkehrsinfrastrukturen. Inzwischen hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) den versicherten Schaden auf vier bis fünf Milliarden Euro nur in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geschätzt. Wie kam es zu den Überflutungen, die vor allem Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen betrafen? Wie lassen sich Hochwassergefahren – besonders seltene, extreme Ereignisse – vorab besser abschätzen? Mit diesen Fragen hat sich die Forensic Disaster Analysis (FDA) Group des CEDIM befasst und einen ersten Bericht vorgelegt.
Wie die Forschenden erläutern, führten enorme Niederschlagsmengen dazu, dass beispielsweise der Pegel an der Ahr (Altenahr) seinen bisherigen Rekord von 2016 (3,71 Meter, Abfluss: 236 m³/s) deutlich überstieg. Überflutungsbedingt fiel die Messstation bei einem Wert von 5,05 Metern (Abfluss: 332 m³/s) allerdings aus. Das Landesamt für Umwelt Rheinland- Pfalz kalkulierte aus Modellrechnungen für die Katastrophennacht einen Pegel von bis zu sieben Metern, basierend darauf schätzten die Expertinnen und Experten einen Abfluss zwischen 400 bis 700 m³/s ab.
Mehrere Faktoren führten zu den extrem hohen Niederschlagssummen
Aus meteorologischer Perspektive führten verschiedene Faktoren zu den extrem hohen Niederschlagssummen. „Innerhalb von 48 Stunden fiel in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mehr Regen, als dort üblicherweise im gesamten Monat Juli niedergeht; der Hauptanteil ging sogar innerhalb von nur rund zehn Stunden nieder“, berichtet CEDIM- Sprecher Professor Michael Kunz. Außerdem verstärkte das stark gegliederte Gelände der betroffenen Regionen, besonders im Landkreis Ahrweiler, mit teils tief eingeschnittenen Flusstälern den Oberflächenabfluss. Der bereits annähernd gesättigte Boden durch teils kräftige Niederschläge in den vorangegangenen Tagen verschärfte die Situation zusätzlich.
Um die Überflutungsflächen in den am schwersten betroffenen Gebieten Kreis Ahrweiler und Rhein-Erft-Kreis abzuschätzen, kombinierte das Forschungsteam Satellitendaten mit Luftaufnahmen von (Amateur-)Drohnen und Helikoptern sowie Fotos aus sozialen Medien. Nach diesen geschätzten Überflutungsflächen befinden sich in den betroffenen Gebieten knapp über 19 000 Gebäude mit einem Wert von rund neun Milliarden Euro. In Verbindung mit empirischen Daten vergangener Hochwasserkatastrophen (Infrastrukturschäden, Elementarschäden und andere Schäden) schätzten die Forschenden einen Gesamtschaden zwischen elf und 24 Milliarden Euro (erste CEDIM-Schätzung: 21. Juli 2021). Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Überflutungsflächen nur einen Teil der gesamten betroffenen Fläche ausmachen.
Mehr verfügbares Wasser in der Atmosphäre und zunehmende Beständigkeit von Großwetterlagen steigern Gefahr
Ob ein einzelnes Extremereignis oder die Abfolge mehrerer Extreme bereits auf den Klimawandel zurückzuführen sind, lässt sich nach Aussage der Karlsruher Katastrophenforschenden weder exakt belegen noch komplett verneinen, besonders wenn es um Ereignisse auf kurzen Zeit- und Raumskalen geht, die stark von lokalen Faktoren beeinflusst sind. Für die großräumigen Prozesse in der Atmosphäre, die zur Entstehung von Extremereignissen führen, gilt jedoch: Die Kombination aus mehr verfügbarem Wasser in der Atmosphäre infolge der Temperaturzunahme und einer zunehmenden Beständigkeit von Großwetterlagen mit einem sich tendenziell nach Norden verlagerndem Jetstream, dem Starkwindband in der oberen Troposphäre, birgt ein hohes Gefahrenpotenzial. „Da für diese drei Faktoren ein positiver Trend zu erwarten ist, wird auch das Potenzial für extreme Niederschlagsereignisse in Zukunft zunehmen“, erklärt Kunz.
Bereits 1804 und 1910 bedeutende Hochwasserereignisse im Ahrtal
„Im Ahrtal gab es bereits in der Vergangenheit zwei besonders bedeutende Hochwasserereignisse, nämlich 1804 und 1910. Ein Vergleich mit historischen Aufzeichnungen lässt annehmen, dass die diesjährigen Werte allerdings niedriger einzuordnen sind als die von 1804“, sagt der stellvertretende CEDIM-Sprecher Dr. James Daniell. Für das Hochwasserereignis von 1804 wurde der Abfluss von der Universität Bonn bereits auf ca. 1 100 m³/s geschätzt. Das diesjährige Ereignis könnte hydrologisch betrachtet ein ähnliches Ausmaß wie das von 1910 mit einem Abfluss von 500 m³/s gehabt haben. „Die aktuellen Hochwasserkarten für das Ahrtal basieren derzeit auf einer Abflussstatistik mit Daten seit 1947, da seit diesem Zeitpunkt homogene Messreihen zur Verfügung stehen. Dadurch werden die beiden historischen Ereignisse bei der Gefährdungsabschätzung bisher jedoch nicht berücksichtigt“, sagt Dr. Andreas Schäfer, Erstautor des Berichts. So liegt die aktuelle Schätzung eines hundertjährlichen Hochwassers als Bemessungsgrundlage für den Hochwasserschutz für die Ahr bei 241 m³/s.
Die FDA Group des CEDIM plädiert dringend dafür, in Hochwasser- Gefahrenkarten historische Daten einbeziehen, auch aus der Zeit vor der kontinuierlichen Messaufzeichnung, um Hochwassergefahren besser abschätzen zu können. „Zwar müssen wir bei den Analysen und Interpretationen der Daten grundsätzlich beachten, dass sich sowohl Infrastrukturen als auch Hochwasserschutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren verändert haben. Daher lassen sich die Messwerte direkt schwerer vergleichen, und wir sollten uns weniger auf die Pegelstände fokussieren“, erklärt Daniell. „Wir können die Pegelstände von 1804 und 1910 als indirekte Anzeiger heranziehen, um Hochwasserjahre zu identifizieren. Messwerte zum Abfluss, über die zeitliche Entwicklung und über die Niederschlagsummen sind für die Interpretation jedoch wichtiger. Letztendlich sollten aber beide historische Größen – Pegel und Abfluss – beim Erstellen von Gefahrenkarten einbezogen werden.“ (or)
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Als „Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft“ schafft und vermittelt das KIT Wissen für Gesellschaft und Umwelt. Ziel ist es, zu den globalen Herausforderungen maßgebliche Beiträge in den Feldern Energie, Mobilität und Information zu leisten. Dazu arbeiten rund 9 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer breiten disziplinären Basis in Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Seine 23 300 Studierenden bereitet das KIT durch ein forschungsorientiertes universitäres Studium auf verantwortungsvolle Aufgaben in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft vor. Die Innovationstätigkeit am KIT schlägt die Brücke zwischen Erkenntnis und Anwendung zum gesellschaftlichen Nutzen, wirtschaftlichen Wohlstand und Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Das KIT ist eine der deutschen Exzellenzuniversitäten.
Originalpublikation: Andreas Schäfer, Bernhard Mühr, James Daniell, Uwe Ehret, Florian Ehmele, Katharina Küpfer, Johannes Brand, Christina Wisotzky, Jens Skapski, Lukas Renz, Susanna Mohr, Michael Kunz: Hochwasser Mitteleuropa, Juli 2021 (Deutschland). Bericht Nr. 1 „Nordrhein-Westfalen & Rheinland-Pfalz“. CEDIM Forensic Disaster Analysis (FDA) Group. KIT, 2021. DOI: 10.5445/IR/1000135730
Anhaltende Streitigkeiten mit den Eltern, Kriminalität, Suchtverläufe – unterschiedliche Ursachen können dazu führen, dass Jugendliche in Obdachlosigkeit leben. Junge Menschen auf der Straße stellen besondere fachliche und persönliche Anforderungen an die Gesellschaft, ihr soziales Umfeld und nicht zuletzt an die Fachkräfte der Sozialen Arbeit. In Kooperation mit der EVIM Jugendhilfe haben sich Studierende an der Hochschule RheinMain in Projektarbeiten intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und Lösungskonzepte entwickelt.
Der regionale Träger EVIM (Evangelischer Verein für Innere Mission in Nassau) entwickelt unterschiedliche niedrigschwellige Angebote für Jugendliche in Obdachlosigkeit und solche, die davon bedroht sind. So gibt es beispielsweise Notschlafstellen in Taunusstein, Wiesbaden und Mainz, oder ‚upstairs‘, ein buntes Wohnmobil, in dem junge Menschen in Not einen Ort finden, an dem sie ohne Vorleistung Hilfe erhalten können. Jedoch gibt es immer wieder Herausforderungen in diesem Kontext. Zum Beispiel, welche Angebote betroffene Jugendliche überhaupt in Anspruch nehmen können, oder wie die Gesetzeslage bei bestimmten gesundheitlichen oder auch persönlichen Fragestellungen aussieht. Welche Möglichkeiten bleiben fachlicher, zielorientierter und reflektierter Sozialer Arbeit im Kontext sogenannter Systemsprenger:innen?
Drei projektierte Fragestellungen
„Die Studierenden haben in diesem Kontext drei projektierte Fragestellungen in sieben Gruppen bearbeitet: Ein Teil hat sich dem Thema über Biografien betroffener Jugendlicher genähert, weitere Gruppen haben fachlich-konzeptionelle Angebote der Jugendhilfe entwickelt. Andere Studierende haben das Thema mit den entsprechenden theoretisch- methodischen Brillen aus der Profession Sozialer Arbeit unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen bearbeitet“, so Dr. Carsten Homann, Professor für Recht in der Sozialen Arbeit. Die Umsetzung der Teilprojekte fand in enger Zusammenarbeit mit Vertreter:innen aus der regionalen Praxis von EVIM statt.
In einer Biografie-Arbeit entwarf eine Gruppe eine Collage zu Geschichten, Lebensläufen und Hintergründen von jungen Wohnungslosen. „Das Projekt hat mir sehr geholfen in die Praxis hineinzukommen. Man konnte die gelernte Theorie direkt erproben und neue Sachen lernen“, sagt die Studentin Hannah Bickelmann.
Lars Riedel war Teil einer anderen Studierendengruppe, die ein Arbeitspapier zum idealen Weg zwischen den Zuständigkeiten der Leistungsträger und Leistungserbringer erarbeitet hat. „Es war unheimlich spannend, in diesen Praxisbereich der Sozialen Arbeit reinzuschauen und es hat auf jeden Fall Spaß gemacht. In dem Projekt waren besonders auch die rechtlichen Aspekte sehr wichtig“, so Riedel.
„Studierende lernen in Echtzeit und die Fachwelt profitiert“
Einen Film wie ‚Systemsprenger‘, der den Auftakt und den Titel zum gemeinsamen Projekt gegeben hat, zu erleben und dabei noch die zahlreichen Kolleg:innen aus den angrenzenden Disziplinen zu treffen, hat Simone Wittek-Steinau von EVIM tief beeindruckt. „Wie bereits im Semester zuvor haben die Studierenden Instrumente und Handreichungen für die Praxis erarbeitet. Ein fruchtbarer Ansatz: Die Studierenden lernen sozusagen in Echtzeit und die Fachwelt profitiert von Handreichungen, Workshops, Umfragen und vielem mehr,“ so die Referentin für Personalentwicklung und Kooperation, Projektkoordination der EVIM Jugendhilfe.
Auch Prof. Dr. Homann ist begeistert von der Kooperation und hofft auf eine Fortsetzung der Reihe ‚Systemsprenger‘: „Der Bezug zur Praxis und ihren Fragen ist mir sehr wichtig. Ich hoffe sehr, dass wir trotz der besonderen Pandemiebedingungen die Studierenden abholen und für das Thema begeistern konnten und so einen guten Beitrag für ihre Ausbildung und Professionalisierung geleistet haben.“
Über 70 Studienangebote an zwei Studienorten mit einem internationalen Netzwerk – das ist die Hochschule RheinMain. Rund 13.600 Studierende studieren in den Fachbereichen Architektur und Bauingenieurwesen, Design Informatik Medien, Sozialwesen und Wiesbaden Business School in Wiesbaden sowie im Fachbereich Ingenieurwissenschaften in Rüsselsheim am Main. Neben der praxisorientierten Lehre ist die Hochschule RheinMain anerkannt für ihre anwendungsbezogene Forschung.