Arbeitslose, die sich selbstständig machen, sind im Schnitt weniger
erfolgreich, wenn sie über einen längeren Zeitraum hinweg Arbeitslosengeld
I beziehen können. Ein längerer Anspruch auf Arbeitslosengeld führt bei
vielen Betroffenen dazu, dass sie länger arbeitslos bleiben. Dies hat
wiederum negative Auswirkungen auf den Erfolg der Gründungen aus der
Arbeitslosigkeit. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie des ZEW
Mannheim und der Universität Zürich.

„Wer sich gedrängt fühlt, sich selbstständig zu machen, um die
Arbeitslosigkeit hinter sich zu lassen, ist weniger motiviert und auch
weniger erfolgreich“, sagt Sebastian Camarero Garcia, Wissenschaftler im
ZEW-Forschungsbereich „Soziale Sicherung und Verteilung“.

„Ein längerer Bezug von Arbeitslosengeld kann dazu führen, dass
Arbeitslose wertvolle berufliche Fähigkeiten und Kontakte verlieren. Zudem
können sie bei längerer Arbeitslosigkeit Stigmatisierung unterliegen und
weniger Zugang zu Krediten erhalten“, sagt Studien-Mitautor Martin
Murmann, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Innovationsökonomik und
Unternehmensdynamik“ und an der Universität Zürich. „Andererseits
ermöglicht eine längere Bezugsdauer auch eine bessere Vorbereitung.
Potenzielle Gründerinnen und Gründer können in dieser Zeit Fortbildungen
besuchen und eine Markteintrittsstrategie erarbeiten.“

Die maximal mögliche Bezugsdauer des Arbeitslosgeldes I hängt sowohl von
den Einzahlungen in die Arbeitslosenversicherung als auch vom Alter ab.
Zwischen Anfang 2006 und Anfang 2008 wurde diese im Zuge der Hartz-
Gesetzgebung zunächst stark gesenkt und anschließend wieder leicht erhöht.
Die Wissenschaftler nutzen diese Reformen, um die Wirkung der Bezugsdauer
auf den Erfolg von Startups, die aus der Arbeitslosigkeit heraus gegründet
werden, zu untersuchen. Dazu nutzen sie einen neugeschaffenen Datensatz,
der Umfragedaten von Gründern und deren Sozialversicherungsdaten
kombiniert. Sie betrachten etwa 1.300 Gründerinnen und Gründer, die
unmittelbar vor der Gründung arbeitslos waren, und die genügend
Beitragsmonate angesammelt hatten, um Anspruch auf die volle Dauer des
Arbeitslosengeldbezuges zu erhalten.

Die Wissenschaftler unterscheiden Selbstständigkeit als Chance von
Selbstständigkeit aus Notwendigkeit. Eine Chance liegt vor, wenn die
Gründerinnen und Gründer in der Selbstständigkeit die Möglichkeit sehen,
eigenständig zu arbeiten, eine Business-Idee zu verwirklichen oder mehr zu
verdienen als bei einer Anstellung. Gründungen aus Notwendigkeit dagegen
beruhen auf dem Motiv, der Arbeitslosigkeit zu entkommen: Wenn Arbeitslose
keine geeignete Stelle finden, erscheint die Selbstständigkeit als der
letzte Ausweg. Selbstständige aus Gelegenheit erzielen im Durchschnitt
höhere Verkaufszahlen mit ihren Startups und stellen mehr
Vollzeitäquivalente in den ersten Jahren nach der Gründung ein.

Je länger Gründerinnen und Gründer Anspruch auf Arbeitslosengeld haben,
desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich aus Notwendigkeit
heraus selbstständig machen, kurz bevor das Arbeitslosengeld I ausläuft.
Mit jedem Monat an zusätzlichem Anspruch auf Arbeitslogengeld I steigt
zudem die tatsächliche Arbeitslosendauer zukünftiger Gründerinnen und
Gründer um einen halben Monat an. Zugleich sinkt das Wachstum der Startups
im Hinblick auf Umsatz und Beschäftigung im Vergleich zu Startups von
Gründerinnen und Gründern, die weniger lang Anspruch auf Arbeitslosengeld
haben. Der Staat kann also unter anderem über die Länge der Bezugsdauer
von Arbeitslosengeld beeinflussen, welche Gründungen entstehen können.

Sollte man die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I im Lichte der Ergebnisse
kürzen? „Das ist keine richtige Schlussfolgerung. Insbesondere in Zeiten
einer Krise am Arbeitsmarkt, in der Stellenangebote fehlen, ist sogar eine
befristete Verlängerung sinnvoll“, entgegnet Martin Murmann. Sebastian
Camarero Garcia ergänzt: „Die politische Schlussfolgerung unseres
Forschungspapers ist vielmehr, dass die Arbeitsagentur möglichst
frühzeitig die neuen Arbeitslosen über Ihre Fertigkeiten und beruflichen
Perspektiven intensiv befragen und analysieren sollten. Durch schnelle und
gezielte Weiterbildungsmaßnahmen könnten die Chancen für all diejenigen,
die weiterhin abhängig beschäftigt bleiben wollen, verbessert werden. Wer
hingegen eine gute Geschäftsidee hat, sollte bei der Erstellung eines
Business Plans beraten und passgenaue Startup-Förderung erhalten.“

Somit kann der Staat dazu beitragen, dass diejenigen, die eine abhängige
Beschäftigung anstreben, diese auch möglichst innerhalb der Bezugsdauer
von Arbeitslosengeld I finden. In Deutschland werden jedes Jahr bis zu
einem Viertel aller neuen Unternehmen von Arbeitslosen gegründet.
Diejenigen, die eine gute Geschäftsidee in der Arbeitslosigkeit
entwickeln, sollten entsprechend ebenso frühzeitig Unterstützung dafür
erhalten, so dass am Ende erfolgreichere neue Unternehmen entstehen.
Schließlich plädieren die Autoren für eine Einbindung der Selbstständigen
in die Arbeitslosenversicherung, damit sich in Zukunft mehr Menschen
trauen, eine gute Geschäftsidee in eine Gründung umzusetzen.