Von der „Gymnastikschwester“ zur akademisch ausgebildeten Physiotherapeutin
Mit dem Symposium „Von der Staatsanstalt für Krankengymnastik und Massage
zur modernen Physiotherapieausbildung am Universitätsklinikum Dresden“
würdigt die Hochschulmedizin Dresden am Sonnabend, dem 25. Mai, dieses
Fach. Anlass für die Veranstaltung ist die vor 100 Jahren erfolgte
Eröffnung der „Staatsanstalt für Krankengymnastik und Massage“ in Dresden.
Ein Nachfolger dieser Bildungsinstitution ist die Carus Akademie am
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, an der aktuell 105
Schülerinnen und Schüler den Beruf erlernen.
Das ganztägige Symposium offeriert den Teilnehmern nicht nur einen
spannenden und informativen Streifzug durch die Geschichte und gibt
Einblicke in die Entwicklung der physiotherapeutischen Ausbildung, sondern
diskutiert auch die weitere Positionierung des Fachs in der Medizin. Dabei
geht es darum, die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzten und
Physiotherapeuten ebenso zu stärken wie die Akademisierung der Ausbildung
und des Berufsbildes insgesamt voranzutreiben. Die engen Verbindungen
zwischen Physiotherapie und Tanz bestehen ebenfalls seit 100 Jahren – in
Form der in Dresden-Hellerau ab 1911 von Émile Jaques-Dalcroze gelehrten
Rhythmik und den frühen Vertreterinnen der Physiotherapie, die auch als
„Gymnastikschwestern“ firmierten. Auf dem Symposium verdeutlichen
Studierende des Bachelor Studiengangs Tanz der Palucca Hochschule für Tanz
Dresden mit einer Improvisationsperformance die Parallelen zwischen
Tanzkunst und Physiotherapie.
Nach Verletzungen und Operationen sowie begleitend bei chronischen
Erkrankungen gehören heute gezielte Bewegungen, Muskelaufbau an
Sportgeräten sowie auch Massagen, standardmäßig zur Rehabilitation. Die
Grundlage für die staatliche Ausbildung zur Physiotherapeutin / zum
Physiotherapeuten in Deutschland wurden dabei vor 102 Jahren in Dresden
gelegt, als der sächsische Landtag beschloss, das Prüfungsfach
Krankengymnastik und Massage im Rahmen der staatlichen Krankenschwestern-
Ausbildung einzuführen. 1919 eröffnete die „Staatsanstalt für
Krankengymnastik und Massage“ in Dresden. „Seit den Anfängen hat sich die
Physiotherapie erheblich gewandelt. Und doch steht das Fach vor weiteren
Herausforderungen. Dazu gehört die interprofessionelle Zusammenarbeit
zwischen Ärzten und Physiotherapeuten bei der Behandlung komplexer
Erkrankungen. Ohne die Akademisierung des Fachs – in vielen Ländern
Europas seit Jahrzehnten etabliert – lässt sich die Physiotherapie nicht
weiterentwickeln. Dabei geht es nicht allein um die Ausbildung sondern vor
allem darum, diese Form der Behandlung auf ein verlässliches
wissenschaftliches Fundament zu stellen“, sagt Prof. Michael Albrecht. Der
Medizinische Vorstand des Dresdner Uniklinikums spricht zu Beginn des
Symposiums ebenso ein Grußwort wie Barbara Klepsch, sächsische
Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz.
„Die Physiotherapie hat durch die Einführung interprofessioneller
Komplexbehandlungen beispielsweise bei Parkinson, Multipler Sklerose,
Schlaganfall, Mukoviszidose aber auch in der Intensiv- und
Palliativmedizin einen deutlichen Schub erhalten. Sie bewegt sich dadurch
im Spannungsfeld zwischen der Forderung einer hohen Wirtschaftlichkeit
sowie einer wissenschaftlichen Beweispflicht der Wirksamkeit
physiotherapeutischer Maßnahmen. Allein mit der in Deutschland üblichen
dreijährigen berufsfachschulischen Ausbildung lässt sich dies nicht
leisten“, sagt Dr. Andrea Conrad. Die Leiterin der Fachrichtung
Physiotherapie an der Carus Akademie am Universitätsklinikum Carl Gustav
Carus Dresden hat das Programm des am 25. Mai stattfindenden
Jubiläumssymposiums maßgeblich mitgestaltet. „Die Physiotherapie muss sich
auch in Deutschland zu einer eigenständigen Therapiewissenschaft
weiterentwickeln, um dauerhaft die auch von ärztlicher Seite geforderte
Qualität erbringen zu können. Dies ist nur mit einem
primärqualifizierenden Studiengang möglich. Der von uns mitgetragene
ausbildungsbegleitende Studiengang für Physiotherapie an der Dresden
International University kann da nur eine Zwischenlösung sein“, ergänzt
Katja Prate, Leiterin des Universitäts-Physiotherapie-Ze
Uniklinikum.
Aufgrund des weiter steigenden Handlungsdrucks steht die Diskussion um die
Reform der Physiotherapeutenausbildung im Mittelpunkt des
Nachmittagsprogramms des Symposiums. Im Vergleich zum europäischen und
auch außereuropäischen Ausland – so kritische Stimmen – hinken die
formalen Vorgaben der Ausbildung in Deutschland um 15 bis 20 Jahre
hinterher. Dies benachteiligt deutsche Physiotherapeuten nicht nur auf dem
europäischen Arbeitsmarkt, sondern schließt sie faktisch aus dem
internationalen Forschungskontext aus. Und doch ist das Ringen um eine
Reform der Ausbildung nur eine von mehreren Herausforderungen. Neben den
interprofessionellen Komplexbehandlungen, die eine deutlich umfassendere
und auch zu dokumentierende Erhebung von Befunden einschließt, geben
Physiotherapeuten heute verstärkt Therapieempfehlungen für die ambulante
Weiterbehandlung. Zudem leiten sie zunehmend Patienten wie auch deren
Angehörige zu Selbstbefähigung und Selbstwirksamkeitserleben an und
beraten sie diesbezüglich.
Auch der technische Fortschritt verändert das Spektrum der Physiotherapie:
Waren es am Anfang Laufbänder und Trainingsgeräte, rücken mittlerweile das
Thema E-Health in den Mittelpunkt. Hinzukommen zudem roboterassistierte
Therapieansätze, die bereits für die Praxis entwickelt werden. Für
Veränderungen sorgen zudem aktuelle neurophysiologische Erkenntnisse zu
motorischen Lernprinzipien oder zur motorischen Kontrolle. Damit lassen
sich die Gelenke der Patienten noch besser schützen und Sicherheit für den
Patienten erhöhen. Ein weiterer physiotherapeutischer Aspekt sind
Gesundheitsförderung und Prävention. Ziele sind unter anderem, mit den
Zielen eines selbstbestimmten Lebens und des Wohlbefindens die Ressourcen
und die Resilienz der Patienten zu stärken.
Mit dem Symposiumsvortrag „Effektive Intervention mit
Musikfeedbacktechnologie in Rehabilitation und Prävention“, den Prof. Tom
Fritz, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Kognitions- und
Neurowissenschaften auf dem Symposium halten wird, schließt sich indirekt
der Kreis der Gründergenerationen von Physiotherapie, modernem Tanz und
Rhythmik, die vor 100 Jahren in Dresden gewirkt haben. Dazu gehört der
Schweizer Komponist und Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze, der ab 1911
in Dresden-Hellerau die „Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus“ aufbaute.
Den Anstoß zur rhythmisch-musikalischen Erziehung gaben seine
Klavierschüler: Jaques-Dalcroze hatte festgestellt, dass die Bewegung zur
Musik den Lernerfolg seiner Schüler erhöhte. In Hellerau bot das neu
gebaute Festspielhaus einen idealen Nährboden, diesen Ansatz für den
modernen Tanz zu nutzen.
1920 gründete die Jaques-Dalcroze-Schülerin Mary Wigman eine eigene Schule
in Dresden. Gezielte Atem- und Bewegungsübungen gehörten zum Unterricht
der Tänzerinnen und Tänzer – ein Mittel, um sich besser und natürlicher
auszudrücken. Doch bis zum Einzug in die Medizin dauerte es noch. In der
1953 gegründeten Medizinischen Akademie Carl Gustav Carus, dem heutigen
Uniklinikum, formierte sich unter Leitung von Katharina Knauth eine
therapeutische Ausdrucksgymnastikgruppe. Den Ansatz fanden auch
Studentinnen, Krankengymnastinnen, Schülerinnen der Krankengymnastikschule
sowie einige Krankenschwestern spannend und sie fanden sich zu einer
Tanzgruppe zusammen. Die Wirksamkeit der von Jaques-Dalcroze genutzten
Synergien zwischen Musik, Bewegung und geistigen Fähigkeiten lässt sich
inzwischen mit modernen bildgebenden Verfahren wie der
Magnetresonanztomographie (MRT) gut belegen. In diesem Zusammenspiel
werden zusätzliche Hirnareale aktiviert und auch eine verbesserte
Lernleistung lässt sich belegen.
