Länger gesund leben: Was die Altersmedizin von den Fischen lernen kann

Was passiert eigentlich genau beim Alterungsprozess? Warum altern wir? Und
wie können Menschen noch möglichst lange in ihrem Leben gesund und fit
bleiben? Zu diesen komplexen und spannenden Fragen forscht Professor Dr.
Christoph Englert am Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-
Lipmann-Institut in Jena. Um Antworten zu finden, helfen dem renommierten
Genetiker Experimente mit Tieren, wie zum Beispiel ein kurzlebiger
Killifisch aus Afrika oder Fadenwürmer.
Welche aktuellen Erkenntnisse hat er daraus gewonnen und wie kommen diese
möglicherweise auch dem älteren Menschen zugute? – Das zeigt Englert in
seiner Keynote „Warum altern wir? Möglichkeiten und Grenzen der
Alternsforschung“ beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für
Geriatrie (DGG), der vom 5. bis 7. September 2019 in Frankfurt am Main
stattfindet.
Aktuell Eine grundsätzliche Frage, mit der sich Christoph Englert schon
lange intensiv auseinandersetzt, ist: Wie beeinflussen Genetik auf der
einen Seite und äußere Umweltfaktoren sowie Verhalten auf der anderen
Seite den eigenen Alterungsprozess und die Lebenserwartung? „Ich würde es
so beschreiben: Unsere Gene schaffen einen Möglichkeitsraum und mit
unserer Lebensweise füllen wir diesen Raum aus. Wie wir das machen, ist
uns selbst überlassen“, erklärt er.
Tiermodelle in der Alternsforschung sollen Menschen nutzen
Anhand von Experimenten, etwa mit bestimmten kurzlebigen Fischarten,
versucht Englerts Forschungsgruppe herauszufinden, welche genetischen
Programme und biochemischen Signalwege die Lebensspanne von Wirbeltieren
steuern. „Es gibt sehr große Evidenz dafür, dass es allgemeine
Alterungsprinzipien gibt, die etwa beim Fadenwurm, beim Fisch, bei der
Maus und eben auch beim Menschen auftreten. Wir brauchen daher Tiermodelle
in der Alternsforschung, um Mechanismen für den Menschen abzuleiten und
uns zunutze zu machen“, sagt Englert.
Englerts Vision: die Gesundheitsspanne im menschlichen Leben verlängern
In der Hoffnung auf ein längeres Menschenleben testet man in der
Pharmakologie derzeit zum Beispiel sogenannte Senolytika: Das sind
Medikamente, die darauf abzielen, bestimmte alternde Zellen zu entfernen.
Professor Dr. Englert kann die Faszination für ein sehr langes Leben zwar
nachvollziehen, hat selbst aber ein anderes Ziel: „Mit meiner Forschung
will ich dazu beizutragen, die Gesundheitsspanne in einem menschlichen
Leben zu verlängern, nicht das Leben insgesamt. Die multimorbiden Phasen
könnten so verkürzt und die Lebensqualität im Alter gesteigert werden.“
Geriatrie wird in Zukunft immer wichtiger
Für die geriatrische Praxis würde das nur eine Verschiebung bedeuten.
„Auch wenn viele Menschen länger fit sein werden, wird die Altersmedizin
immer wichtiger. Denn es wird insgesamt immer mehr ältere Menschen geben –
und mit steigendem Alter nehmen nun auch einmal Krankheiten zu. Man denke
allein an Alzheimer“, so Englert.
Der alte Mensch muss mehr in den gesellschaftlichen Fokus rücken
Damit Menschen länger gesund leben können, seien neben der Biomedizin aber
auch zahlreiche andere Bereiche gefragt: „Wichtige Faktoren sind zum
Beispiel Bildung, die Wohnsituation oder auch das Altersbild allgemein.
Den alten Menschen mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, ist auch
eine Aufgabe der Politik“, so Englert. Noch sei das Altern für viele
Menschen eher eine Horrorvorstellung. Das könnte man ändern, wenn Senioren
mehr Bedeutung und Aufgaben in der Gesellschaft hätten.
