Die wenigsten Menschen leben herzgesund

Forscher aus dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI)
und dem Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) haben
belegt, dass sich die typischen kardiovaskulären Risikofaktoren
unterschiedlich auf die Herzfunktion auswirken können. Frauen scheinen
anfälliger für Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte zu sein. Am
gefährlichsten für den Herzmuskel, für den weiblichen und den männlichen,
zeigte sich Übergewicht. Das weibliche Herz scheint zwar empfindlicher
gegenüber kardiovaskulären Risikofaktoren zu sein, Frauen wiesen diese
aber seltener auf. Generell hatten überraschend viele Menschen im
mittleren Alter mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor.
Die Echokardiografie, auch als Herzecho bekannt, ist eine der wichtigsten
Untersuchungen, um Veränderungen am Herzen zu erkennen. In der
Ultraschalluntersuchung wird die Bewegung des Herzmuskels sichtbar. Das
Verkürzungs- und Ausdehnungsprofil, das über strain (Maß der
Längenveränderung) und strain rate (Geschwindigkeit der Längenveränderung)
gemessen wird, liefert wichtige Informationen über die Pumpleistung des
Herzens. Doch das Erkennen „abnormaler“ Funktionen erfordert zunächst eine
Definition von „normal“. Bislang gab es weder Referenzwerte für die
diastolische strain rate noch ausreichende Erkenntnisse über die
Auswirkungen von Alter und Geschlecht auf die Verformung des Herzmuskels.
Normwerte für Bewegungsprofil des Herzmuskels
Ein Forschungsteam am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg
(DZHI) und dem Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B)
um die Kardiologin Dr. Caroline Morbach hat jetzt Normwerte für die
systolische und diastolische Verformung des Herzens erstellt. Ferner haben
sie die Auswirkungen von Alter, Geschlecht und klassischen
kardiovaskulären Risikofaktoren auf die Funktion des Herzmuskels
untersucht.
Für die Referenzwerte haben die Echo-Spezialisten die Werte von 1818
Teilnehmern aus der STAAB-Studie untersucht. In der STAAB-Kohortenstudie
am DZHI wurden und werden insgesamt 5.000 Probanden aus Würzburg im Alter
von 30 bis 79 und ohne bekannte Herzinsuffizienz innerhalb von circa drei
Jahren zweimal untersucht. Ziel der STAAB-Studie, die von den Professoren
Peter Heuschmann (IKE-B) und Stefan Störk (DZHI) geleitet wird, ist es,
herauszufinden, wie häufig eine noch unentdeckte Herzschwäche in der
Bevölkerung auftritt und welche Faktoren die frühen Stadien A und B der
Volkserkrankung auslösen. Die Subkohorte war im Schnitt 54 Jahre alt, 52
Prozent von ihnen war weiblich.
Überraschend viele Menschen haben Risikofaktoren
Bei der Stichprobe für die Erstellung der Normwerte, haben sich die
Forscher auf die Probanden konzentriert, die keine bekannten
Herzerkrankungen und keine kardiovaskulären Risikofaktoren hatten.
„Überraschenderweise waren das sehr wenige“, bemerkt Caroline Morbach.
„Von den 1818 Probanden waren lediglich 542 Personen augenscheinlich
gesund, noch nicht einmal jeder dritte. Die anderen 1276 Personen hatten
mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor.“ Zu den Risikofaktoren
zählen Übergewicht (Adipositas = Body Mass Index von über 30kg/m2),
Diabetes mellitus, Nikotinkonsum, Bluthochdruck (Hypertonie = Blutdruck
höher als 140 / 90 mmHg oder eine blutdrucksenkende Therapie) und
Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämie = LDL-Cholesterin-Wert von über
190 mg/dl oder fettsenkende Therapie).
„Allein diese Erkenntnis ist schon ein Alarmzeichen“, warnt Caroline
Morbach. „Sehr viele Menschen haben vor allem schon in jüngeren Jahren
mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor. Interessanterweise
überwiegen in der gesunden Gruppe die Frauen. 58 Prozent der Probanden
ohne Risikofaktoren waren Frauen und hatten ein Durchschnittsalter von 49
Jahren.“
Frauenherzen schlagen anders
In einem zweiten Schritt haben die Forscher den Einfluss kardiovaskulärer
Risikofaktoren auf die Herzfunktion untersucht und dabei eine wichtige
Entdeckung gemacht, die das weibliche Herz betrifft. Denn Frauen scheinen
zunächst zwar gesünder zu sein, liegt jedoch ein kardiovaskulärer
Risikofaktor vor, reagieren ihre Herzen vermutlich empfindlicher als
Männerherzen. „Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass der weibliche
Herzmuskel anfälliger ist gegenüber hohem Blutdruck und erhöhten
Blutfettwerten. Adipositas hatte einen geschlechtsunabhängigen und
insgesamt den stärksten negativen Einfluss auf die Funktion des
Herzmuskels“, erläutert Caroline Morbach.
Gesunder Lebensstil und Gesundheits-Check-ups beim Arzt
„Diese Ergebnisse belegen einmal mehr, wie wichtig ein gesunder Lebensstil
und Achtsamkeit im Alltag sind“, kommentiert Prof. Dr. Stefan Störk,
Leiter der Klinischen Forschung und Epidemiologie im DZHI. „Versuchen Sie,
Ihr Normalgewicht zu erreichen und zu halten, ernähren Sie sich gesund,
meiden Sie Nikotin und dauerhaften Stress und lassen Sie regelmäßig Ihre
Risikowerte wie Blutdruck, Blutzucker und Blutfette bei Ihrem Hausarzt
kontrollieren.“
