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Sturz über die Teppichkante: Immer mehr Kliniken bieten zertifizierte Hilfe nach Oberschenkelhalsbruch

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Senioren verletzen sich schnell im Alltag: Schon ein Sturz aus Standhöhe
kann zu einem Oberschenkelhalsbruch führen. Neben dem Sturz ist die
Ursache für den Knochenbruch Osteoporose – der im Alter auftretende
Verlust an Knochenmasse und die damit verbundene Bruchanfälligkeit. Kommt
es zu einer Verletzung, können sich ältere Patienten in einer Klinik mit
dem Qualitätssiegel AltersTraumaZentrum DGU® behandeln lassen: Im Oktober
wird die 100. Einrichtung zertifiziert.

In den nächsten Jahren sollen noch bis zu 100 Kliniken dazukommen. Darauf
machen die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und die
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) anlässlich
des Internationalen Tags der älteren Generation am 1. Oktober 2019
aufmerksam. Eine Übersichtskarte mit den zertifizierten Zentren steht zur
Einsicht unter www.alterstraumazentrum-dgu.de zur Verfügung.

Die Zahl dieser Einrichtungen ist in den vergangenen Jahren stetig
gestiegen: „Das Thema ist für uns relevant, da aufgrund des demografischen
Wandels die Zahl älterer Patienten wächst. Durch die Zusammenarbeit von
Orthopäden und Unfallchirurgen mit Altersmedizinern (Geriatern) und
anderen Fachdisziplinen in den Alterstraumazentren gelingt es uns, die
Sterblichkeit nach einem Oberschenkelhalsbruch zu senken und bei vielen
Senioren die Fortsetzung ihres selbstständigen Lebens zu ermöglichen“,
sagt Prof. Dr. Paul A. Grützner, Präsident von DGU und DGOU.

Das typische Unfallgeschehen ist wie folgt: Ein älterer Mensch bewegt sich
wie gewohnt in seiner Wohnung, in der zahlreiche Stolperfallen lauern. Das
können Treppenstufen sein, ein glatter Fußboden, eine rutschige Badewanne
oder eine Teppichkante. Obwohl dabei die Sturzhöhe bei einem Fall nicht
hoch ist, brechen sich alte Leute aufgrund der Osteoporose schnell einen
massiven Knochen, wie zum Beispiel den Oberschenkel. Die Hüftfraktur ist
die am häufigsten im Krankenhaus behandelte Fraktur – das
Durchschnittsalter dieser Patienten liegt bei über 82 Jahren (1). „Die
Sterblichkeit nach diesem Knochenbruch ist erheblich, viele Patienten
verlieren ihre Selbstständigkeit und müssen in eine Pflegeeinrichtung
einziehen“, sagt Professor Dr. Ulrich Liener, Leiter der DGU-Sektion
Alterstraumatologie.

Um dieser medizinischen, sozialen und ökonomischen Herausforderung zu
begegnen und die Versorgung zu verbessern, haben die DGU und die Deutsche
Gesellschaft für Geriatrie (DGG) das Weißbuch Alterstraumatologie
verfasst. Es beinhaltet die nationalen Behandlungsempfehlungen für
Verletzungen bei betagten Patienten und führt die wichtigsten Schritte
einer guten Versorgung von älteren Patienten mit Knochenbrüchen auf. Kern
der Behandlungsempfehlungen ist die Zusammenarbeit von Unfallchirurgen und
Altersmedizinern und Pflegekräften in einem multiprofessionellen Team mit
Physiotherapeuten, Logopäden, Psychologen und Sozialdienst. Durch diese
berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit lässt sich laut einem aktuellen
Studienergebnis die Sterblichkeit älterer Patienten nach einem
Oberschenkelhalsbruch um mehr als 20 Prozent senken.

Die betagten Patienten benötigen nach einem Sturz nicht nur eine
fachgerechte unfallchirurgische Behandlung, sondern auch ihre besondere
körperliche Situation muss mitgedacht werden. „Häufig leiden viele ältere
Menschen mit Hüftfrakturen unter Begleiterkrankungen wie Herz- und
Niereninsuffizienz und sind gebrechlich. Sie nehmen viele verschiedene
Medikamente, die aufeinander abgestimmt werden müssen. Diese komplexe
Gesamtsituation erfordert eine besondere Herangehensweise bei Narkose, OP-
Techniken, Mobilisation und Rehabilitation, um Komplikationen wie z. B.
ein Delir zu vermeiden. Oberstes Ziel ist immer die Reintegration in das
alte soziale Umfeld“, sagt Liener. Die Zusammenarbeit verschiedener
Berufsgruppen sieht Liener als „Blaupause“, wie im Gesundheitswesen
zukünftig gearbeitet werden muss, um den Herausforderungen gerecht zu
werden.

Immer mehr Kliniken folgen den Weißbuch-Empfehlungen und lassen sich zum
AltersTraumaZentrum DGU® zertifizieren.

In den zertifizierten Kliniken werden unter anderem folgende Anforderungen
erfüllt:
•       Versorgung des Knochenbruchs innerhalb von 24 Stunden
•       Behandlung durch ein multiprofessionelles Team
•       Behandlung nach genau festgelegten Therapiestandards
•       Behandlung der Begleiterkrankungen
•       Anwendung einer spezifischen, auf das Alter der Patienten
angepassten Schmerztherapie
•       Anwendung spezieller, schonender OP-Techniken, die eine
unmittelbare Vollbelastung nach der Operation erlauben
•       Durchführung einer frühzeitigen Mobilisation, um einem weiteren
Abbau des Allgemeinzustandes der Patienten entgegen zu wirken
•       Durchführung einer intensiven Rehabilitation unmittelbar nach der
Operation

Hintergrund:
Jeder Dritte über 65 Jahre stürzt mindestens einmal pro Jahr, bei den über
80-Jährigen sogar fast jeder Zweite (2). Laut Robert Koch-Institut
passieren mehr als die Hälfte der Sturzunfälle bei Personen ab 60 Jahre zu
Hause oder in der unmittelbaren Umgebung, zum Beispiel im Garten oder in
der Garage. In Deutschland werden derzeit mehr als 400.000
alterstraumatologische Frakturen pro Jahr stationär behandelt (1). Die 30
-Tage-Sterblichkeit nach einem Oberschenkelhalsbruch liegt in Deutschland
bei 10 Prozent (3). Weitere 10 bis 20 Prozent verlieren ihre
Selbstständigkeit und müssen im Folgejahr in eine Pflegeeinrichtung
einziehen (4,5). Mit höherem Alter steigt dieses Risiko deutlich und ist
mit dem Risiko nach Schlaganfall vergleichbar. Nur 40 bis 60 Prozent der
Patienten erreichen nach einer hüftgelenksnahen Oberschenkelfraktur ihr
vorheriges Ausgangsniveau (3).

Referenzen:
1) Ulrich Christoph Liener, Clemens Becker, Kilian Rapp: Weißbuch
Alterstraumatologie, 1. Auflage 2018
2) Fall incidence in Germany: results of two population-based studies, and
comparison of retrospective and prospective falls data collection methods,
Kilian Rapp et al.,
bmcgeriatr.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2318-14-105
3) Müller-Mai CM, Schulze Raestrup US, Kostuj T, Dahlhoff G, Günster C,
Smektala R. Einjahresverläufe nach proximalen Femurfrakturen:
Poststationäre Analyse von Letalität und Pflegestufen durch Kassendaten.
Unfallchirurg. 2015 Sep;118(9):780-94.
4) Dyer SM, Crotty M, Fairhall N, Magaziner J, Beaupre LA, Cameron ID,
Sherrington C; Fragility Fracture Network (FFN) Rehabilitation Research
Special Interest Group. A critical review of the long-term disability
outcomes following hip fracture. BMC Geriatr. 2016 Sep 2;16:158.
5) Rapp K, Rothenbacher D, Magaziner J, Becker C, Benzinger P, König HH,
Jaensch A, Büchele G. Risk of Nursing Home Admission After Femoral
Fracture Compared With Stroke, Myocardial Infarction, and Pneumonia. J Am
Med Dir Assoc. 2015 Aug 1;16(8):715.e7-715.e12.

Weitere Informationen:
www.dgu-online.de