Blutung im Kleinhirn: OP senkt Sterblichkeit
Weltweit größte Metaanalyse von Patientinnen- und Patientendaten aus
Deutschland und den USA veröffentlicht
In Deutschland erleiden jährlich ca. 35.000 Menschen eine akute
Hirnblutung. Für Blutungen im Großhirn und deren operative Versorgung gibt
es bereits aussagekräftige Studien. Im Gegensatz dazu stützen sich die
internationalen Leitlinien zur Behandlung von Kleinhirnblutungen auf
wesentlich weniger untersuchte Fälle. Kleinhirnblutungen machen nur circa
zehn Prozent aller Fälle aus. Eine Kollaboration von Expertinnen und
Experten aus Deutschland und den USA hat jetzt erstmals untersucht, wie
sich eine operative Blutungsentfernung auf die Sterblichkeit und auf die
funktionelle Langzeitprognose auswirkt. An der Analyse beteiligten sich
insgesamt 64 Zentren unter Federführung der Neurologischen Klinik
(Direktor: Prof. Dr. Dr. h. c. Stefan Schwab) des Universitätsklinikums
Erlangen. Die Studienergebnisse wurden jetzt im Journal of the American
Medical Association (JAMA) veröffentlicht.
„Basierend auf unseren Daten und der Metaanalyse können wir Folgendes
ableiten: Eine Kleinhirnblutung, deren Volumen kleiner ist als 12
Kubikzentimeter, sollte nicht operativ entfernt werden. Denn: Hierdurch
wäre eher eine funktionelle Verschlechterung zu erwarten, das heißt eine
körperlich-motorische Beeinträchtigung der Patientin oder des Patienten.
Außerdem würde sich bei diesen Betroffenen die
Überlebenswahrscheinlichkeit durch eine OP nicht grundsätzlich
verbessern“, sagt der Studienleiter und leitende Oberarzt Prof. Dr. Hagen
Huttner von der Neurologie des Uni-Klinikums Erlangen. „Im Gegensatz dazu
senkt eine Operation bei Blutungen, die größer sind als 15
Kubikzentimeter, die Sterblichkeitsrate signifikant – im Vergleich zum
konservativen Vorgehen, wie etwa dem künstlichen Koma oder einer nicht-
operativen Therapie zur Senkung des Hirndrucks“, so Prof. Huttner.
Einschränkend ergänzt er: „Mit einer besseren funktionellen
Langzeitprognose geht eine OP allerdings nicht einher. Und für den Bereich
zwischen 12 und 15 Kubikzentimetern waren die Ergebnisse nicht
signifikant.“
Das übliche Vorgehen bei der operativen Entfernung einer größeren
Kleinhirnblutung basierte bislang auf kleineren Studien. Diese gingen
davon aus, dass den betroffenen Patientinnen und Patienten eine weitere
klinische Verschlechterung droht, weil die hintere Schädelgrube räumlich
begrenzt ist und der Hirnstamm durch die Blutung verdrängt werden könnte.
Da in einem solchen Fall der Tod der oder des Betroffenen unmittelbar
bevorstünde, befürworteten Ärztinnen und Ärzte eine Operation. Denn sie
gingen zusätzlich zu einer erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit auch von
einer besseren klinischen Prognose aus.
Höchste Aussagekraft für mittelschwere Befunde
Weil es bislang keine randomisierten Studiendaten oder größeren
Beobachtungsstudien dazu gab, hat das Team um Prof. Huttner und PD Dr.
Joji Kuramatsu, Oberarzt der Neurologie, die nun veröffentlichte
systematische Metaanalyse durchgeführt. Im Rahmen dieser weltweit größten
Untersuchung von Daten von 578 Patientinnen und Patienten mit
Kleinhirnblutungen wurden Gruppen von operativ und konservativ behandelten
Patientinnen und Patienten miteinander verglichen. „Die Ergebnisse unserer
Auswertung sind insbesondere für mittelschwer Betroffene sehr
aussagekräftig“, sagt der Erstautor der Studie, PD Kuramatsu. „Für
Betroffene mit sehr kleinen oder sehr großen Blutungen sind die Befunde
statistisch nicht so eindeutig.“ Joji Kuramatsu weiter: „Die
Funktionalität des Gehirns 90 Tage nach Eintritt der Blutung ist bei
denjenigen, die eine OP erhalten haben, mit dem Zustand derer
vergleichbar, die konservativ behandelt wurden. Allerdings variierten die
Ergebnisse deutlich, je nachdem, wie groß die Blutung anfänglich war.“
Bessere Kommunikation mit Angehörigen
„Die funktionelle Prognose wird insgesamt durch eine Operation nicht
sicher verbessert. Allerdings senkt eine OP die Sterblichkeit. Diese
Erkenntnis ist sehr hilfreich für den klinischen Alltag und für unsere
Kommunikation mit Angehörigen“, fasst Studienleiter Prof. Huttner
zusammen. „Unsere Untersuchung hat jetzt einen über Jahrzehnte hinweg
bestehenden Therapieansatz der neurologisch-neurochirurgische
Intensivmedizin erstmals fundiert analysiert“, sagt Prof. Dr. Dr. h. c.
Stefan Schwab, Direktor der Neurologie des Uni-Klinikums Erlangen und
Past-Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-
und Notfallmedizin. PD Kuramatsu ergänzt: „Unsere Studienergebnisse
liefern erstmals konkrete Effektgrößen, die für die Planung künftiger
Forschungsarbeiten herangezogen werden können. Denn ohne diese
prospektiven randomisierten Studien fehlt – auch trotz unserer Analyse –
weiterhin die abschließende Gewissheit darüber, welche Patientinnen und
Patienten von einer Operation profitieren.“
