Gesundheitsexperten fordern definierte Strukturen und Prozesse für besseren Forschungstransfer
Neue Erkenntnisse aus der Forschung finden in Deutschland häufig zu
langsam Eingang in die medizinische Routineversorgung. Bei einem
Pressegespräch zur Eröffnung des 19. Deutschen Kongresses für
Versorgungsforschung (DKVF) in Berlin plädierten Experten daher für ein
„lernendes Gesundheitssystem“, das durch definierte Prozesse und
Strukturen den Übergang von Forschungsergebnissen in die
Patientenversorgung erleichtert.
Ein lernendes Gesundheitssystem greift die Erfahrungen von Betroffenen,
Versicherten und Leistungserbringern auf und nutzt die Evidenz aus der
Forschung für Verbesserungen. „Die Versorgungsforschung kann diesen
Lernprozess fördern, zum Beispiel durch die Entwicklung geeigneter
Methoden, die den Wissenstransfer unterstützen und verbessern, sowie durch
die Analyse von Versorgungszusammenhängen“, so Prof. Dr. Jochen Schmitt,
Kongresspräsident des DKVF 2019 und Direktor des Zentrums für
Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) am Universitätsklinikum
Dresden, anlässlich des Pressegesprächs.
Eine gezielte Implementierungsforschung, die Festlegung von
bedarfsorientierten Forschungsfragen, die frühzeitige Einbindung von
Nutzer*innen, Patient*innen und Kostenträgern sowie die Netzwerkbildung
zwischen Forschung, Versorgungspraxis und Regulierungseinrichtungen
fordert auch die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung
(DNVF), Prof. Dr. Monika Klinkhammer-Schalke. Gemeinsam mit ihren
Kolleg*innen aus dem DNVF setzt sie sich für die Schaffung einer
Monitoring-, Beratungs- und Umsetzungsinstitution im Bereich
Versorgungsforschung ein: „Die Aufgaben dieser Institution sehen wir unter
anderem in der Erhebung von Versorgungsdefiziten, der Entwicklung von
Versorgungszielen, der Beratung bei der Beantragung von
Forschungsprojekten sowie der Projektbegleitung.“
Dass die Erforschung neuer Versorgungsformen von der Begleitung durch die
Versorgungsforschung profitieren kann, bestätigt auch Prof. Dr. Wolfgang
Hoffmann, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Netzwerks
Versorgungsforschung. Als Beispiel führt er die ärztliche Notfallrettung
und ihre Herausforderungen an. Vor allem in den dünn besiedelten
Flächenländern Deutschlands müssen Rettungsteams häufig weite Entfernungen
zum Einsatzort überbrücken und trotz steigender Einsatzzahlen stehen immer
weniger Notärzte zur Verfügung. Zentrales Element des Projekts
LandRettung, das gerade in Mecklenburg-Vorpommern erprobt wird, ist der
Telenotarzt, der in Gebieten mit längerer Anfahrt den professionellen
Rettungsdienst unterstützt. Dazu kommen Laien und Ersthelfer, die darin
geschult sind, bei einem Herz-Kreislaufstillstand die Zeit bis zum
Eintreffen des Rettungsteams zu überbrücken. Während der gesamten
Erprobungsphase erfolgt eine wissenschaftliche Evaluierung dieser neue
Versorgungsform. Hoffmann: „Aus der wissenschaftlichen Begleitung erhalten
wir wertvolle Erkenntnisse darüber, wie sich neue medizinische Maßnahmen
im Versorgungsalltag bewähren. Diese Erkenntnisse sind zum Beispiel für
die Gegensteuerung bei Versorgungsdefiziten enorm wichtig.“
Der 18. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung (DKVF) 2019
Der DKVF 2018 findet vom 9. bis 11. Oktober 2019 in Berlin (Urania) statt.
Unter dem Motto „Personenzentriert forschen, gestalten und versorgen“
kommen über 800 Akteure, darunter Ärzte, Wissenschaftler, Vertreter aus
Krankenkassen, Verbänden und der Gesundheitspolitik zusammen, um über die
jüngsten Entwicklungen in der Versorgungsforschung zu diskutieren. Die
wissenschaftliche Leitung des Kongresses hat das Deutsche Netzwerk
Versorgungsforschung e.V. Mehr Informationen unter https://dkvf2019.de und
https://www.netzwerk-versorgun
