Mehr Stroke Units mit Sprachtherapeuten in Kliniken minimieren Risiken von Schluckstörungen
Die Häufigkeit von Dysphagien, also Schluckstörungen, in Deutschland wird
unterschätzt, sagt Prof. Dr. Christiane Lücking von der Hochschule
Fresenius in Hamburg. Sie sagt auch, dass zu wenige Krankenhäuser über so
genannte Stroke Units mit spezialisierten Sprachtherapeuten verfügen. Dort
könnten rechtzeitig Schluckscreenings vorgenommen und entsprechende
Maßnahmen eingeleitet werden. Das Fehlen hat für Patient und
Gesundheitssystem ernste Folgen.
Die wichtigste Ursache für eine Schluckstörung ist der Schlaganfall. Laut
Angaben der Deutschen Schlaganfallhilfe (zuletzt 2018) erleiden pro Jahr
in der Bundesrepublik 270.000 Menschen einen solchen. Circa die Hälfte
davon ist in der Akutphase – innerhalb der ersten sechs Wochen nach dem
Ereignis – von einer Dysphagie betroffen. Außerdem spielen ernste neuro-
degenerative Erkrankungen sowie Tumore eine Rolle.
„Wenn eine Patientin oder ein Patient einen Schlaganfall hat, muss er in
Deutschland das Glück haben, in einer Klinik mit einer so genannten Stroke
Unit zu landen. Auf dieser akuten Schlaganfallstation muss zwingend eine
Sprachtherapeutin oder ein Sprachtherapeut tätig sein, die auch das
Vorliegen einer Schluckstörung prüfen“, berichtete Prof. Dr. Christiane
Lücking anlässlich ihrer Antrittsvorlesung an der Hochschule Fresenius in
Hamburg. „Wir haben diesbezüglich aber einen Versorgungsengpass: Bei
weitem nicht alle Krankenhäuser sind mit einer solchen Unit ausgestattet.
Insbesondere im ländlichen Raum gibt es diese viel zu selten. Zudem fehlt
es häufig an spezialisiertem sprachtherapeutischem Personal. “ Ähnlich
sieht es in geriatrischen Abteilungen und Pflegeheimen aus.
Das bedeutet: Ein Schluckscreening wird entweder gar nicht oder wenn doch,
dann zu spät durchgeführt. Gerade in der Akutphase können sich Zustände
schnell verändern – und das eben auch zum Negativen. Wenn sich die
Patientin oder der Patient verschluckt, kann Flüssigkeit oder Nahrung in
die Lunge geraten und dort eine Entzündung hervorrufen, die tödlich enden
kann.
Außerdem drohen beim Vorliegen einer Schluckstörung Mangel- oder
Fehlernährung und Austrocknung. Die Aufenthaltsdauer in der Klinik
verlängert sich, eine künstliche Ernährung kann notwendig sein, unter
Umständen muss der Arzt operieren. Das bindet personelle und finanzielle
Ressourcen und reduziert erheblich die Lebensqualität der Betroffenen.
„Die Sprachtherapeutin oder der Sprachtherapeut auf der Stroke Unit würde
direkt ein Screening durchführen und feststellen, ob eine
Aspirationsgefahr besteht. Ist die Antwort positiv, ordnet sie oder er
sofort eine orale Nahrungskarenz an, auch die Medikation darf keinesfalls
über den Mund verabreicht werden“, erläutert Lücking. Schon in diesem
frühen Stadium lassen sich zudem Haltungsmanöver in weiterführenden
klinischen und bildgebenden Untersuchungen austesten, die das sichere
Schlucken möglicherweise erleichtern. Ist es grundsätzlich möglich, kann
die Entscheidung fallen, Nahrung und Flüssigkeiten anzupassen. „In dieser
Phase lässt sich mit relativ einfachen Mitteln Schlimmeres vermeiden. Man
sieht aber auch, was alles passieren kann, wenn die Maßnahmen nicht
getroffen werden.“
Für eine Verbesserung des Systems braucht es neben solchen akuten
Schlaganfalleinheiten aber auch eine deutlich höhere Anzahl gut
ausgebildeter Sprachtherapeuten, was nur dann gelingen wird, wenn die
Arbeitsbedingungen und die Bezahlung für sie besser werden. Außerdem
sollten nach Meinung von Lücking auch mehr Einrichtungen über eine
Videofluoroskopie (röntgenologisches Verfahren zur Schluckaktanalyse)
verfügen. Das bildgebende Verfahren kommt im Verlauf der Diagnose nach dem
Screening und der weit verbreiteten Klinischen Schluckuntersuchung zum
Einsatz. Gegenüber einem anderen bildgebenden Verfahren mit Endoskop hat
es den entscheidenden Vorteil, dass der Begutachter den gesamten
Schluckablauf beobachten kann. „Voraussetzung für das alles ist die
entsprechende Aufklärung in Politik und Gesellschaft, in den Institutionen
wie Heim und Klinik und auch bei den Angehörigen. Sie sind oft die Ersten,
die feststellen, dass etwas nicht stimmt.“
