Erfolge in der Schlaganfall-Therapie: Hirnstimulation hilft Patienten, leichter in Bewegung zu kommen
Anlässlich des Welt-Schlaganfall-Tags am 29. Oktober erklärt Dr. Christoph
Zrenner vom Hertie-Institut für Hirnforschung neue Therapieansätze bei
Schlaganfall-Patienten. Patientin Sandra Friesch berichtet über ihre
persönlichen Erfolge mit der Transkraniellen Magnetstimulation.
• Elektromagnetische Pulse bereiten das Gehirn optimal auf
Physiotherapie vor
• Patientin Sandra Friesch: „Endlich kann ich meine Finger wieder
bewegen“
Frankfurt, 25. Oktober 2019 – Jedes Jahr erleiden 270.000 Menschen in
Deutschland einen Schlaganfall, und noch immer ist der plötzliche
Hirnschlag der häufigste Grund für Behinderungen im Erwachsenenalter.
Trotz verbesserter Therapien liegt die Erkrankung auf Platz drei der
häufigsten Todesursachen. Um das öffentliche Bewusstsein für den
Hirninfarkt zu schärfen und über Prävention und Therapien aufzuklären,
wurde 2006 der Welt-Schlaganfalltag ins Leben gerufen. Am Hertie-Institut
für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen, das von der Gemeinnützigen
Hertie-Stiftung gefördert wird, widmet sich die Abteilung Neurologie mit
Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen der Forschung und Therapie rund um
den Schlaganfall. So gibt es seit 2018 im Verbund mit dem Tübinger
Uniklinikum eine Ambulanz für Transkranielle Magnetstimulation (TMS), an
der Patienten und Patientinnen nach einem Schlaganfall durch gezielte
Stimulation des Gehirns behandelt werden.
Das stimulierte Gehirn kann Physiotherapie-Übungen leichter umsetzen
„Ein Gehirn, das durch einen Schlaganfall geschädigt wurde, muss in
Physiotherapie oder Logopädie durch wiederholtes Üben lernen, sich neu zu
organisieren. Darauf ist das Gehirn eines älteren Menschen aber nicht
vorbereitet. Durch die TMS aktivieren wir das Gehirn des Patienten und
bringen es in einen Zustand, der es ihm erleichtert, neue Netzwerke zu
bilden, um die wichtigen Übungen leichter umzusetzen“, sagt Dr. Christoph
Zrenner, Neurologe und Laborleiter am HIH. Dazu wird dem Patienten eine
Magnetspule an den Kopf gelegt, die durch einen sehr kurzen Stromfluss ein
elektrisches Feld im Gehirn erzeugt, das die Nervenzellen aktiviert.
Direkt im Anschluss der TMS-Sitzung findet dann die Physiotherapie oder
Logopädie statt. „In der Regel spricht das Gehirn über einen Zeitraum von
einer Stunde besser auf diese Übungen an“, sagt Dr. Zrenner.
„Manchmal hing ich ewig an einer Kaffetasse fest“
Am HIH arbeitet die Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre
Erkrankungen unter der Leitung von Prof. Ulf Ziemann seit Jahren
erfolgreich mit der TMS, so dass 2018 eine eigene Ambulanz gegründet
wurde. Sandra Friesch aus Tübingen war eine der ersten Patientinnen. Die
50-Jährige hatte 2011 einen Schlaganfall, kam durch regelmäßige
Physiotherapie und vier Reha-Aufenthalte langsam wieder auf die Beine.
„Nur meine linke Hand machte mir Sorgen, ich konnte die Finger nicht mehr
öffnen, nachdem ich nach etwas gegriffen hatte. Manchmal hing ich ewig an
einer Kaffeetasse fest.“ 2018 wurde Sandra Friesch von ihrem Neurologen an
die TMS-Ambulanz in Tübingen überwiesen und in 18 Sitzungen für jeweils 25
Minuten behandelt, direkt im Anschluss ging es zur Physiotherapie. „Nach
der absolut schmerzfreien TMS gehorchten die Finger wieder, es ging
leichter, die Übungen umzusetzen“, erzählt die Mutter zweier Söhne. „Mein
Physiotherapeut hat mir früher zwar auch immer gesagt, wie ich die Finger
bewegen soll, aber ich konnte es nicht. Versuchen Sie mal, mit dem
mittleren Zeh zu wackeln, es funktioniert nicht. So fühlt man sich nach
einem Schlaganfall.“
TMS-Helm, VR-Brille: Neue Forschungsprojekte zur Schlaganfall-Therapie am
HIH
„Vor allem Patientinnen und Patienten mit Lähmungen im Hand-Arm-Bereich
und mit Sprachstörungen profitieren durch die TMS-Behandlung, zu ihnen
gibt es die meisten Studien“, so Dr. Zrenner, „aber auch Beinstörungen
können behandelt werden.“ Neu ist die TMS-Therapie als solche nicht, seit
über 25 Jahren werden Menschen mit Depressionen oder nach einem
Schlaganfall mit Hilfe der TMS behandelt. „Uns treibt die Frage an, wann
und wie die Stimulation des Hirns durch die gesetzten Pulse genau
stattfinden sollte, um für die Betroffenen das beste Ergebnis zu
erreichen“, sagt Dr. Zrenner, „es geht also um eine Personalisierung der
Behandlung, denn bisher nutzen wir außerhalb der Studien nur
Standardprotokolle.“
Die optimale individuelle Therapie für Menschen nach einem Schlaganfall zu
entwickeln, ist in der Abteilung von Prof. Ziemann ein wichtiges Anliegen.
So arbeitet der Neurologe mit seinem Team im Rahmen des europäischen
Forschungsprojektes „ConnectToBrain“ an einem TMS-Helm, der jeden Bereich
der Großhirnrinde stimulieren kann. Erste Tests mit Versuchspersonen sind
angelaufen, in etwas fünf bis sechs Jahren könnte das Gerät so weit
ausgereift seien, dass mit der kommerziellen Herstellung begonnen werden
kann. Das wäre dann ein weiterer Schritt, um die personalisierte TMS-
Therapie auf den Weg zu bringen.
Mit virtueller Realität das Gehirn trainieren
Das Forschungsprojekt „Rehality“, das im Mai am HIH gestartet ist, will
gelähmte Schlaganfallpatienten mit Hilfe von virtueller Realität (VR)
unterstützen. Über eine VR-Brille nimmt der Betroffene Bewegungsabläufe
wahr, die sein Gehirn anregen sollen, sich umzustrukturieren und neue
Aktivitätsmuster zu trainieren. Die „Rehality“-Therapie soll langfristig
die Versorgungslücke zwischen stationärer Akutbehandlung, Rehabilitation
und häuslicher Therapie schließen. Mit der Marktreife der VR-Brille ist in
ein paar Jahren zu rechnen.
Das vollständige Interview mit Dr. Zrenner und Patientin Sandra Friesch
finden Sie auf der Homepage der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung unter:
https://www.ghst.de
Bei Interesse an der TMS Therapie bzw. einer Teilnahme an laufenden
klinischen Studien können sich Patienten, Angehörige und verweisende Ärzte
gerne direkt mit der TMS Ambulanz in Verbindung setzten und ein
Telefongespräch oder einen Untersuchungstermin vereinbaren:
Telefon: 07071 29-80483; E-Mail:
.tms-nach-schlaganfall.de
Hertie-Stiftung größter privater Förderer der Hirnforschung in Deutschland
Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hat das Hertie-Institut für
Hirnforschung in Tübingen, eines der bundesweit größten und modernsten
Zentren zur Erforschung neurologischer Erkrankungen, mit bislang rund 50
Millionen Euro unterstützt. Die Stiftung engagiert sich darüber hinaus in
der Wissensvermittlung, sie hat unter anderem die Website
www.dasGehirn.info mit ins Leben gerufen. Hier wird das gebündelte Wissen
über das Gehirn verständlich aufbereitet und die aktuelle
neurowissenschaftliche Forschung dargestellt. Weitere Infos auch auf der
Hertie-Homepage www.ghst.de.
